Seltsames Eis-Projekt Gletscherkühler auf großer Mission

In den Alpen tut sich Merkwürdiges: Ein Mainzer Professor schraubt mit seinen Studenten einen Windfang auf einen Gletscher - um zu beweisen, dass die Eisriesen so zu retten sind. Viele sind begeistert. Gletscherexperten allerdings nicht.

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In den Gebirgen der Welt spielt sich ein Drama ab: Nahezu überall schmelzen die Gletscher in rasantem Tempo dahin. Auch in den Alpen ist das der Fall. Manche Forscher glauben, dass dort schon in 30 Jahren nur noch Reste der größten Eisriesen übrig sein könnten. Gegenmaßnahmen, so scheint es bisher, gibt es keine. Denn selbst wenn die Industrieländer ihre Treibhausgas-Emissionen binnen weniger Jahrzehnte dramatisch reduzieren würden: Die Temperatur der Atmosphäre reagiert so träge, dass sich am Schwund der Gletscher so schnell nichts ändern dürfte.

Bisher stellte sich nur eine Gegenmaßnahme als wirksam heraus: Das Eis wird mit hellen Planen überdeckt. Allerdings lassen sich auf diese Weise bestenfalls ein paar Skipisten bewahren. Ein kompletter Gletscher in den Alpen kann dagegen leicht eine Ausdehnung von Dutzenden Quadratkilometern erreichen.

Der Mainzer Geograf Hans-Joachim Fuchs hat seine eigene Vorstellung: Er will kalte Fallwinde - sogenannte katabatische Winde, die den Gletscher hinab ins Tal strömen - mit Barrieren aufhalten, die Gletscherzungen abkühlen und so dem Sterben der Eisriesen einen Riegel vorschieben. Die Idee hat Fuchs schon vor etwa einem Jahr öffentlich vorgestellt - und diese Woche will er sie in die Tat umsetzen. Mit 27 seiner Studenten ist Fuchs am Montag zum Rhône-Gletscher in die Schweiz aufgebrochen, um auf einer Höhe von 2300 Metern einen 15 mal 3 Meter großen Windfang auf die Gletscherzunge zu schrauben. Anschließend soll die Wirkung gemessen werden.

TV-Experte in Sachen Klimawandel

Dass der Klimawandel und seine Folgen den Mainzer Geografie-Professor umtreiben, ist kein Geheimnis. In zahlreichen Vorträgen, Zeitungsartikeln und TV-Beiträgen präsentierte er sich als Experte für globale Erwärmung und Gletscherschwund. Dabei zeigte sich erneut: Wer in den Medien einmal als Experte aufgetreten ist, wird diesen Status so schnell nicht wieder los.

Entsprechend erfolgreich verkaufte Fuchs auch sein Windfang-Projekt am Rhône-Gletscher. "Windschutz lässt Gletscher frösteln", behauptete etwa der Bayerische Rundfunk und schwärmte von einer "ungewöhnlichen, weltweit einmaligen Methode". Auch das "Hamburger Abendblatt" meinte: "Wind kühlt Gletscher". Der "Mainzer Bote" titelte "Windfang soll Gletscher retten", die "Berliner Morgenpost" versprach: "Mainzer Klimaforscher kühlen Alpengletscher". Das Deutschlandradio lud Fuchs zum Interview.

Nur: Unter Forschern ist Fuchs kaum als Fachmann für diese Dinge bekannt. Die Liste der wissenschaftlichen Publikationen auf seiner Homepage verrät etwa, dass seine Doktorarbeit die ökologischen Folgen der Teeproduktion in Sri Lanka zum Thema hatte. Für seine Habilitation reüssierte Fuchs mit einer Abhandlung über Niederschlagsvariationen im Monsunklima Nordostindiens. Auch ein Beitrag mit dem Titel "Raumwirksamkeit einer Sportpersönlichkeit am Beispiel von Miroslav Klose in der westpfälzischen Gemeinde Blaubach" findet sich unter seinen Arbeiten. Aber einen Fachbeitrag über Glaziologie im Allgemeinen oder Gletscher im Besonderen sucht man vergebens.

Kopfschütteln unter Fachleuten

So mag es kaum überraschen, dass die Fachleute des Gebiets der Idee vom kühlenden Windfang skeptisch gegenüberstehen. "So etwas wäre sicher nicht sehr wirksam", sagt Martin Funk, Glaziologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Wolle man eine lokale Schmelzreduktion erzielen, sei ein Windfang "einfach Unsinn": "Da sind Abdeckplanen viel effektiver."

Denn den größten Anteil an der Gletscherschmelze habe nicht etwa die Luft, die sich im Zuge des Klimawandels erwärmt, sondern die Strahlung der Sonne und der Atmosphäre. "Sie ist der Hauptfaktor bei der Gletscherschmelze", betont Funk. "Deshalb sind Planen auch so wirksam. Sie reduzieren die Schmelze um rund 80 Prozent."

Das aber gilt nur lokal, und das Einpacken ganzer Gletscher erscheint kaum praktikabel. Fuchs bezeichnet schon die Eis-Abdeckung, die seit 15 Jahren jeden Frühling auf der Zugspitze stattfindet, als "verrückte Aktion". "Abdeckplanen sind für mich kein Ausweg und nur für die Skitouristen aufgelegt", erklärte der Professor gegenüber SPIEGEL ONLINE. Ihm dagegen gehe es "um viel mehr als um Fun-Suchende für ein paar Saisons".

Fuchs hat Großes vor

An einer Wirkung der Windfänge auf komplette Gletscher aber haben die Glaziologen schwerste Zweifel. "Selbst wenn man viele dieser Windfänge aufbauen würde, wäre es fraglich, ob man das Windfeld nennenswert verändern kann", sagt Andreas Bauder von der ETH Zürich. Um die Entwicklung eines Gletschers nachhaltig zu beeinflussen, müssten entsprechende Maßnahmen "großflächig und über mehrere Jahre" erfolgen.

Derartiges hat Fuchs auch durchaus im Sinn, wenn sich sein "kleiner Testwindfang" erst einmal bewährt hat. "Funktioniert alles, dann geht es ganz groß weiter", so der Geograf. Manche skeptische Reaktionen seien eben "typisch deutsch". Doch davon lasse man sich nicht entmutigen. "Eine deutsche Uni probiert mutig etwas aus", so Fuchs. "Wir müssen nicht tausend Andere fragen, was sie darüber denken: Wir machen es einfach, so sieht es aus. Viele Sponsoren haben begriffen: Hier passiert was, und sie unterstützen uns."



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