Sensationsfund Die Minisaurier von Niedersachsen

Ihre Verwandten waren Giganten. Aber die Saurierart, die Forscher im heutigen Niedersachsen entdeckten, waren im Vergleich dazu richtige Zwerge. In isolierter Insellage schrumpfte der Europasaurus holgeri vor 150 Millionen Jahren binnen weniger Generationen auf Minimaß.


"Klein" ist ein relativer Begriff. Von einem "zierlichen" Dinosaurier sprechen Martin Sander von der Universität Bonn und seine Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" - aber der jetzt rekonstruierte Europasaurus holgeri konnte immerhin über sechs Meter lang werden (Bd. 441. S. 739). "Zierlich" wirkt er vor allem im Vergleich zu seinen berühmtesten Verwandten, den Brachiosauriern. Die wurden bis zu 45 Meter lang und sind somit die größten Landtiere, die jemals die Erde bevölkerten.

Entdeckt wurden die ersten Knochen der bislang unbekannten Art in einem Steinbruch am nördlichen Rand des Harz. Wo heute Niedersachsen liegt, war vor 150 Millionen Jahren noch Ozean - und darin, so die Forscher, eine Insel, auf die die Vorfahren des Europasaurus holgeri wohl irgendwie gelangt waren. Dann begannen sie zu schrumpfen, Generation für Generation. "Eine derartige Größenabnahme bei eingeschränktem Nahrungsangebot kann extrem schnell erfolgen, manchmal innerhalb von 10 oder 20 Generationen", meint Sander.

Beispiele für einen solchen Zwergwuchs gibt es viele in der Evolution: So lebten auf Inseln im heutigen Indonesien Elefanten mit Schulterhöhen von nur 90 Zentimetern, und auf den Shetlandinseln ausgesetzte Hirsche waren bereits nach wenigen Generationen deutlich kleiner als ihre Artgenossen auf dem Festland. Ob auch der Homo floresiensis, inzwischen oft schlicht "Hobbit" genannt, auf diese Weise schrumpfte, ist jedoch nach wie vor umstritten. Wissenschaftler erklären diese Größenabnahme jedenfalls mit dem eingeschränkten Nahrungsangebot in solchen isolierten Lebensräumen. Kleine Tiere haben dann bessere Überlebenschancen, deshalb setzen sich Zwergformen schnell durch.

Von 45 Metern auf 6 Meter heruntergehungert

Ähnlich müsse in der Jurazeit auch die Entwicklung vom 80 Tonnen schweren Riesen zum sechs Meter langen und etwa eine Tonne schweren Europasaurus abgelaufen sein, schreiben die Wissenschaftler. Als der Spiegel des Jurameeres in der Gegend des heutigen Niedersachsen anstieg, wurden die zurückbleibenden Landflächen immer kleiner. Für eine Population größerer Tiere boten die Inseln schließlich nicht mehr ausreichend Nahrung. "Daher entstand ein enormer Selektionsdruck: Kleine Tiere, die weniger Nahrung benötigten, hatten bessere Überlebenschancen", erklärt Nils Knötschke vom Dinosaurier-Freilichtmuseum Münchehagen, der mehr als 80 Prozent der gefundenen Knochen präpariert hat und auch die Ausgrabungen im Steinbruch leitete.

Die Knochen der zwergenhaften Riesendinosaurier hat der Hobbypaläontologe Holger Lüdtke - der Zwergsaurier trägt nun seinen Namen - bereits vor acht Jahren im Steinbruch Langenberg bei Oker entdeckt. Der Steinbruch gilt als regelrechtes Paradies für Saurierjäger. Mehr als 1000 Saurierfossilen haben Paläontologen seit 1998 dort geborgen und präpariert.

Zunächst hielt man die Funde für Reste von Jungtieren

Zunächst hielten Wissenschaftler die von mehr als elf Exemplaren stammenden Fossilien für die Überreste einer Gruppe von Jungtieren, die aus unbekannten Gründen zu Tode gekommen waren. Sander und seine Kollegen konnten nun mittels sogenannter Wachstumsmarken jedoch nachweisen, dass die Zwerge ausgewachsen waren.

Diese Marken zeigen ähnlich wie die Jahresringe eines Baumes die Wachstumsphasen des Tieres an. Liegen sie sehr nahe beieinander, ist das Wachstum abgeschlossen. Nach den Ergebnissen der Forscher müssen die Tiere zwischen 1,7 und 6,2 Meter lang gewesen sein - groß genug, um als Reproduktion im Dinopark Münchehagen noch recht eindrucksvoll auszusehen, aber winzig im Vergleich zur Brachio-Verwandschaft.

cis/ddp/AP/dpa



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