Seuchenprävention Die Pandemie-Warnstufen der WHO

Wegen der weltweit grassierenden Schweinegrippe gilt die zweithöchste Pandemie-Warnstufe 5. Die WHO will nicht ausschließen, dass sogar schon bald Stufe 6 beschlossen wird. Im Bundesgesundheitsministerium mahnt man jedoch zu Gelassenheit.

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Die WHO hat in der Nacht zum Donnerstag etwas überraschend die Pandemie-Warnstufe von 4 auf 5 erhöht. Das bedeutet, dass nach Einschätzung der Experten ein globaler Ausbruch der Seuche unmittelbar bevorsteht. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kündigte WHO-Sprecher Dick Thompson sogar an, dass die Alarmstufe auf 6 angehoben werden könnte, die höchstmögliche Stufe im Pandemieplan der Weltgesundheitsorganisation.

Medizinisches Labor in Marburg (Archivbild): "Wir sind in einer sehr guten Situation"
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Medizinisches Labor in Marburg (Archivbild): "Wir sind in einer sehr guten Situation"

Das WHO-System umfasst sechs Stufen: In den ersten drei dominieren Infektionen unter Tieren, nur wenige Menschen sind betroffen. In Stufe 4 kommt es zu "anhaltender Übertragung von Mensch zu Mensch", wie die WHO auf ihrer Website erläutert. Stufen 5 und 6 sind durch "weitverbreitete menschliche Infektionen" gekennzeichnet.

Stufe 1: Keine neuen Influenza-Viren-Subtypen bei Menschen. Es können jedoch Viren unter Tieren kursieren, das Ansteckungsrisiko für Menschen ist aber gering.

Stufe 2: Wie in Stufe 1, allerdings besteht ein substantielles Risiko, dass Menschen erkranken.

Stufe 3: Die Alarmphase beginnt. Einzelne Menschen infizieren sich mit dem neuen Virus-Subtyp. Übertragungen von Mensch zu Mensch gibt es keine oder nur selten im Falle engen Kontakts.

Stufe 4: Vereinzelt wird das Virus von Mensch zu Mensch übertragen. Die Infektionen sind örtlich begrenzt, was den Schluss erlaubt, dass das Virus nicht gut auf den Wirt Mensch angepasst ist.

Stufe 5: Infektionen häufen sich. Übertragungen von Mensch zu Mensch bleiben jedoch örtlich begrenzt. Das Virus passt sich immer besser an den Menschen an, es besteht ein großes Pandemie-Risiko.

Stufe 6: Die Pandemiephase. Infektionen nehmen weiter zu, die gesamte Bevölkerung ist betroffen.

Trotz der erhöhten Warnstufe wegen der Schweinegrippe sehen Experten für Deutschland weiterhin kein Risiko für die Allgemeinbevölkerung. Im Moment sei "kein Grund zu Aktionismus, kein Grund für Panik", sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Jörg Hacker, am Donnerstag in Berlin. Ein Risiko gebe es aber durchaus für Menschen, die mit Erkrankten in Kontakt gekommen seien. Diese könnten vorsorglich mit entsprechenden antiviralen Medikamenten behandelt werden. In Deutschland waren am Mittwoch die drei ersten Fälle von Schweinegrippe bestätigt worden.

Die WHO hatte die Anhebung auf Stufe 5 damit begründet, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch zur Ausbreitung in mindestens zwei Ländern derselben Region geführt hat. Betroffen sind die USA und Mexiko. Inzwischen ist bekannt, dass auch in Spanien eine Infektion von Mensch zu Mensch stattgefunden hat. Sollte sich das Virus in Spanien weiter unter Menschen ausbreiten, die nicht kürzlich in Mexiko waren, werde die WHO prüfen, die Pandemie-Alarmstufe auf 6 anzuheben, sagte Thompson, Sprecher der Weltgesundheitsbehörde.

Für Deutschland habe das Hochstufen der WHO keine besondere Bedeutung, sagte Klaus Vater, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Bund, Länder und Kommunen seien sehr gut vorbereitet, so dass die Empfehlungen der WHO bereits umgesetzt würden. Rechtlich bindend sind die Pandemie-Stufen der WHO ohnehin nicht, erklärte Vater im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es gebe kein schematisiertes Vorgehen über alle Länder.

Allerdings korrespondierten die WHO-Stufen mit denen im deutschen Pandemieplan. Bei diesem gelte derzeit jedoch nicht Stufe 5, sondern nur Stufe 4. "Das bleibt auch erst mal so", meinte Vater, der zu Gelassenheit mahnte. "Es gibt Anlass zur Besorgnis, auch weil man nur wenig über das Virus weiß." In Deutschland hätten Infizierte jedoch gute Chancen, erfolgreich behandelt zu werden. "Wir sind in einer sehr guten Situation." Das sei jedoch nicht in allen von Schweinegrippe betroffenen Ländern der Fall.

Mit Material von AFP

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

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