Sibirien Klimawandel macht Hitzewelle in der Arktis offenbar 600-mal wahrscheinlicher

Ohne den Klimawandel hätte es die derzeitigen Temperaturen in Sibirien sehr wahrscheinlich nicht gegeben, heißt es in einer neuen Studie. Normalweise gibt es heiße Sommer in der Region nur alle 80.000 Jahre.
Brennende Wälder in der sibirischen Region Krasnoyarsk in Russland

Brennende Wälder in der sibirischen Region Krasnoyarsk in Russland

Foto: AERIAL FOREST PROTECTION SERVICE/ via REUTERS

Seit Wochen brennen wieder Wälder nördlich des Polarkreises. Besonders betroffen ist Sibirien, wo Spitzentemperaturen von 38 Grad gemessen wurden und extreme Trockenheit herrscht. Durch die Brände wurden CO2-Emissionen von fast 60 Megatonnen freigesetzt - ebenfalls ein neuer Rekord. Wie oft bei solchen Wetterextremen geht es um die Rolle der Erderwärmung: Ist das noch normales Wetter oder schon Klimawandel?

Ein Forscherteam hat nun eine Studie mit eindeutiger Aussage  veröffentlicht: Die jüngste Hitzewelle in Sibirien wäre nach ihrer Einschätzung ohne den menschengemachten Klimawandel "fast unmöglich". Ohne ihn gäbe es eine derartige Hitzeperiode demnach höchstens alle 80.000 Jahre. Bereits seit Jahren berichten arktische Messstationen von Temperaturrekorden in den Winter- und Sommermonaten. Auch die arktische Eisausdehnung nimmt stetig ab. Erst vergangenen Sommer waren Rekordtemperaturen an der nördlichsten Messstation  in der Nähe des Nordpols gemessen worden.

Dass sich Wetterereignisse wie Stürme oder Dürren durch den Klimawandel verstärken oder häufen, vermuten Klimaforscher schon lange. Doch erst seit Kurzem ist der neue Forschungszweig der Attribution Science ("Zuordnungswissenschaft") in der Lage, einzelne Wetterextreme eindeutig mit der Erderwärmung in Verbindung zu bringen.

Wie hoch ist der Einfluss des Klimawandels?

Das Forscherteam der Initiative "World Weather Attribution" will mithilfe von Computersimulationen den Einfluss des Klimawandels auf die Hitze in Sibirien ermittelt haben. Die CO2-Verschmutzung der Atmosphäre habe die ungewöhnlich hohen Temperaturen ihren Berechnungen nach 600 Mal wahrscheinlicher gemacht.

Dem Forscherteam zufolge hat die Hitzewelle in Sibirien gravierende Folgen für die gesamte Welt und setze extreme Kettenreaktionen in Gang: So seien inzwischen 1,15 Millionen Hektar Wald in Flammen aufgegangen und dadurch wiederum Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre abgegeben worden. Der gleichzeitig auftauende Permafrostboden führte wiederum im Mai mutmaßlich zur Beschädigung eines Öltanks und einer der bislang schwersten Umweltkatastrophen in der Region.

Hauptautor Andrew Ciavarella vom britischen Wetterdienst (Met Office) bezeichnete die Ergebnisse der Studie als "niederschmetternd". Diese seien "ein weiterer Beweis für die extremen Temperaturen, die wir in einem sich erwärmenden Klima weltweit häufiger zu erwarten haben", sagte er.

Noch wurde die Studie allerdings nicht von anderen Wissenschaftlern begutachtet - und ist deshalb auch noch nicht in einem Fachjournal erschienen. Mitautorin Sarah Kew vom Königlich-Niederländischen Meteorologischen Institut sprach dennoch von einem der "überzeugendsten Ergebnisse aller bisherigen Zuordnungsstudien".

Sogenannte Attributionsstudien ermöglichen es Wissenschaftlern inzwischen, das derzeit im Schnitt um ein Grad erwärmte Klima mit jenem Klima zu vergleichen, das ohne die menschengemachte Erderhitzung herrschen würde. Die Zuordnungswissenschaft ist eine Art Querschnittswissenschaft zwischen Meteorologie und Klimaforschung und nutzt Wetterdaten genauso wie Klimamodelle.

Die Forscher versuchen zu berechnen, wie wahrscheinlich ein Wetterextrem unter "normalen" Umständen vor der menschengemachten Klimaerwärmung war. Dafür simulieren sie am Computer Tausende Male, wie oft es genau diese Wetterlage zu vorindustrieller Zeit gegeben hätte und heute gibt. Der Vergleich der Ergebnisse offenbart den Einfluss des Klimawandels.

Allerdings gibt es immer noch Unsicherheiten. So können die Forscher Änderungen von Wetterlagen - beispielsweise ein stabiles Hoch mit wenig Regen, das sich über Wochen hält - bisher noch nicht zweifelsfrei auf Klima-Effekte zurückführen. Rekordtemperaturen, weniger Niederschlag oder Stürme hingegen schon.

sug/afp
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