Sichuan-Katastrophe Staudamm könnte Beben gestartet haben

70.000 Tote, fünf Millionen Obdachlose - das Erdbeben, das im Mai 2008 die chinesische Provinz Sichuan erschütterte, hatte grauenhafte Folgen. Immer mehr Forscher vermuten inzwischen, dass ein Staudamm als Auslöser der Katastrophe eine Rolle gespielt haben könnte.


Eigentlich ist die chinesische Provinz Sichuan nicht als Beben-Hotspot bekannt. Ungewöhnlich war daher die Stärke der Erdstöße, die im Mai 2008 Magnituden von 7,8 bis 8,0 erreichten. 70.000 Menschen ließen ihr Leben, fünf Millionen wurden obdachlos - es war eine nationale Katastrophe, die tagelang die internationalen Schlagzeilen beherrschte, auch weil sie so kurz vor den Olympischen Spielen in China stattgefunden hatte.

"Das Beben kam völlig überraschend", sagte der Seismologe Joachim Saul vom Geoforschungszentrum Potsdam damals im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man habe es nicht vorhersagen können. In der Region befindet sich eine Quetschungszone zweier tektonischer Platten. Dennoch: Sichuan ist nicht so erdbebengefährdet wie etwa Kalifornien oder Indonesien. Solch ein schweres Beben war ungewöhnlich für die Region - Wissenschaftler suchten nach den Gründen.

Wie der SPIEGEL schon im Juni 2008 berichtete, vermutete Fan Xiao, Chefingenieur des Geologischen Büros in Sichuan, dass der Zipingpu-Staudamm ein Auslöser für das Beben gewesen sein könnte. Das immense Gewicht des aufgestauten Wassers - 315 Millionen Tonnen - könnte den Zeitpunkt und die Schwere des Bebens beeinflusst haben, glaubt Fan. Nun meldete sich der Geologe erneut zu Wort: "Ich sage nicht, dass das Beben ohne den Damm nicht auch ausgelöst worden wäre", sagte Fan der Nachrichtenagentur AP. "Aber der Zipingpu-Damm könnte das Ausmaß und den Zeitpunkt des Bebens verändert haben."

Der 156 Meter hohe Damm befindet sich nur 550 Meter vom Epizentrum entfernt. Bei dem Erdbeben wurde er beschädigt, das Wasser musste aus dem Reservoir abgelassen werden.

Verdacht gegen Staudämme unter Forschern verbreitet

Fan ist nicht der einzige Wissenschaftler, der in Staudämmen einen Erdbeben-Risikofaktor sieht. Erst kürzlich hatten mehrere Forscher im US-Fachblatt "Science" die Staudamm-These als Grund für das Sichuan-Beben wieder ins Spiel gebracht. Das Gewicht der großen Wassermengen könnte möglicherweise den Druck auf Verwerfungslinien tief unter der Erde erhöhen, glauben manche Geologen. Dadurch würden die Ränder der Platten noch stärker zusammengepresst und die Reibung erhöht.

Lage des Erdbebengebiets
SPIEGEL ONLINE

Lage des Erdbebengebiets

Geologe Rainer Kind vom Geoforschungszentrum Potsdam bestätigt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Es ist bekannt, dass Staudämme Beben auslösen können." Im indischen Konya etwa habe 1967 ein Erdbeben der Stärke 6,4 180 Menschenleben gefordert. Es könnte nach Meinung von Experten von einem Wasserreservoir ausgelöst worden sein. "Vor dem Bau des Damms gab es dort vorher keinerlei Erdbeben", sagt Kind.

Lei Xinglin, ein Geologe der chinesischen Abteilung für Erdbebenforschung, bezweifelt jedoch, dass der Zipingpu-Damm die Ursache des verheerenden Erdbebens in Sichuan war. Wassermassen könnten seismische Aktivitäten verstärken, aber kein Erdbeben auslösen, meint er.

Nur Auslöser oder auch Verstärker?

Der Potsdamer Experte Kind sieht es genau andersherum: "Der Staudamm könnte der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte." Anders sehe es jedoch bei der Frage aus, ob der Staudamm auch die Stärke des Bebens beeinflusst haben könnte. "Der Staudamm ist nur ein kleiner Punkt in diesem Gebiet, seine Auswirkungen können nicht so groß sein", meint Kind. Dass das Beben durch den Staudamm verstärkt wurde, ist seiner Meinung nach "reine Spekulation". Der Damm könnte auch einen gegenteiligen Effekt gehabt haben: "Möglicherweise hat er ein noch größeres Beben verhindert."

Die Thesen der Wissenschaftler könnten die chinesische Regierung in Bedrängnis bringen. Peking hatte das Erdbeben von Sichuan als unvermeidbare Naturkatastrophe bezeichnet. Den Bau großer Dämme - wie beispielsweise den Drei-Schluchten-Damm - treibt China mitunter rücksichtslos voran, um dringend benötigte Energie zu erzeugen und Überschwemmungen zu verhindern. Für das Prestige-Bauprojekt siedelte die Regierung sogar Millionen Bürger um. Kritik an den Dammprojekten wird von offizieller Seite unterdrückt.

Kind: "Man kann nicht vorhersagen, was passiert, wenn ein Staudamm auf einem so empfindlichen Gebiet errichtet wird." Auch die Provinz Hubei, wo der Drei-Schluchten-Damm liegt, ist ein Erdbebengebiet.

lub/AP



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