Silvester Liebe Leserin, lieber Leser,


als Jugendliche stopfte ich an jedem Silvester Kartons mit D-Böllern in meinen Rucksack. Drei dieser sogenannten Schinken konnte ich übereinanderstapeln, dann ging der Reißverschluss mit dem Diddl-Maus-Anhänger gerade noch so zu. In einer Nacht habe ich locker 240 Böller verknallt - und mein ganzes Taschengeld gleich mit.

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Heft 1/2019
Der Konflikt mit China wird bedrohlich

Irgendwann habe ich den Spaß am Böllern aber verloren. Weil ich begriff, wie viel Müll ich damit produziere. Weil ich den Krach nicht mehr toll fand, sondern nervig und weil einmal ein Fisch bäuchlings im Dorfteich schwamm, nachdem ich einen Böller hineingeschmissen hatte (die explodieren auch unter Wasser) - ob es da einen ursächlichen Zusammenhang gab, weiß ich nicht.

Seitdem zünde ich zum Jahreswechsel höchstens eine Wunderkerze oder lasse eine Knallerbse fallen. Die Böller und Raketen habe ich nie vermisst - bis neulich, als ich einen Freund von früher wiedertraf. Gemeinsam schwelgten wir in Böller-Erinnerungen; die Faszination, etwas ganz laut knallen zu lassen, genau dann und dort, wo wir wollten. Wir hatten damals plötzlich Macht, obwohl Mama uns abends noch die Klamotten für den nächsten Tag rauslegte.

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Dieses Jahr will ich mich noch mal so fühlen. Empörend, ich weiß. Böllern an Silvester verpestet die Umwelt und verschlingt Geld, das Leute anderswo dringend brauchen könnten. Es ist schlichtweg unvernünftig. Das gilt aber auch für Rauchen, Wettessen und SUV fahren in der Stadt. Die Menschen machen es dennoch.

Ich habe mich gefragt: Geht Böllern auch umweltfreundlich? Und welche Knaller lohnen sich wirklich? Das Umweltbundesamt und ein Pyrotechniker gaben zwei ernüchternde Antworten:

  • Erstens: Den umweltfreundlichen Fairtrade-Bio-Böller gibt es nicht. Jede Explosion eines Böllers verursacht Feinstaub. Etwa zwei Prozent der menschengemachten Feinstaubemissionen pro Jahr stammen vom Silvesterfeuerwerk. Außerdem hinterlässt jeder Böller Müll. Allein in München sammelte die Straßenreinigung im vergangenen Jahr 50 Tonnen Silvesterabfall ein. Wer seine Straße zumindest etwas sauberer halten will, kann die Böllerabfälle selbst auflesen und im Restmüll entsorgen. Blindgänger sollte man aber vorher eine halbe Stunde lang in Wasser tauchen und erst dann wegschmeißen.
  • Zweitens: Die Böller aus meiner Jugend gibt es kaum noch. "Die wurden kaputt gespart", erzählte mir der Pyrotechniker Dirk Abolins. Ein Durchschnittsböller enthalte heute nur noch zwei Gramm Schwarzpulver, erlaubt wäre das Dreifache. Zwar gebe es auch wieder Retro-Böller, die kosten aber zwischen 40 und 45 Euro pro Schinken - im Vergleich zu fünf bis sechs Euro für die herkömmlichen Böller.

Ich werde die Retro-Böller testen. Und wer weiß, vielleicht reichen im nächsten Jahr wieder Wunderkerzen und Knallerbsen.

Herzlich

Ihre Julia Köppe

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Wer sich für die Feinstaub-Problematik an Silvester interessiert, dem empfehle ich einen Artikel meines Kollegen Axel Bojanowski. Der Beitrag ist zwar aus dem vergangenen Jahr - aber noch immer aktuell.
  • Sie haben genug von Günther Jauchs Jahresrückblick? Wie wäre es dann mit einer Rückschau auf die diesjährigen Wissenschafts-Desaster? Die Zeitschrift "The Scientist" hat die Top-Ten der Rückrufe von vermeintlichen Fachpublikationen gekürt. Darunter sind haarsträubende Täuschungsversuche: Ein MIT-Forscher will beispielsweise ein Paper gemeinsam mit Kim Kardashian geschrieben haben.
  • Mein Wunsch für das kommende Jahr: Ein Lebenszeichen des Marsroboters "Opportunity". Das Mini-Auto ruckelt seit 2004 über die Marsoberfläche und trotzte den widrigsten Bedingungen - bis zu einem Sandsturm vor gut sechs Monaten. Seitdem hat "Opportunity" nichts mehr von sich hören lassen. Die Nasa glaubt trotzdem an ein Comeback, berichtet mein Kollege Christoph Seidler aus Pasadena.
  • Was wir wissenschaftlich für 2019 noch so erwarten dürfen, hat das Fachblatt "Nature" zusammengefasst. China könnte demnach zum weltweit größten Geldgeber für Forschung aufsteigen. Außerdem experimentieren ab dem kommenden Jahr Forscher, ob die Erde künstlich gekühlt werden kann und in China soll das größte Radioteleskop der Welt in Betrieb gehen.
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Bild der Woche

Lava und Asche spie der Ätna, Europas größter aktiver Vulkan, in der Nacht zum 24. Dezember. Die Urgewalt des Ausbruchs ließ im Osten der Insel Sizilien mehrfach die Erde beben; hunderte Einwohner mussten ihre Wohnungen verlassen, zeitweilig blieb der Flughafen von Catania geschlossen. Zuletzt war der Ätna im Frühjahr 2017 ausgebrochen. Auch der Vulkan Stromboli auf den benachbarten Äolischen Inseln scheint wieder aktiv zu werden.

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Fußnote

80.000 Kilometer werden bis 2050 die bestehenden und geplanten Megakanäle messen, die Süßwasser für Industrie und Landwirtschaft führen - eine Länge, die dem doppelten Erdumfang entspricht. Das berichten Umweltwissenschaftler im Fachblatt "Frontiers in Environmental Science". Als nächstes wollen die Forscher um die Tübinger Umweltsystemanalytikerin Christiane Zarfl die Auswirkungen solcher künstlichen Flüsse untersuchen.


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* Quiz-Antworten: Ein Erwachsener besitzt in der Regel 32 Zähne, ein Kind etwa 20 Milchzähne / Kryptozoologie beschreibt die Wissenschaft von legendären Tieren wie den Yeti oder das Ungeheuer von Loch Ness / Petermännchen sind Fische, die auch in Nord- und Ostsee vorkommen. Jedes Jahr treten etwa 30 Menschen versehentlich auf die Tiere - eine schmerzhafte Begegnung. Die Flossenstacheln der Petermännchen sind giftig.

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
BeatDaddy 29.12.2018
1. Böllern
finde ich inzwischen derartig schrottig, daß ich überhaupt nicht verstehen kann, warum das andere noch machen. Die Kohle der Leute ist mir egal, mir geht es sowohl um die Tiere, als auch um die Umwelt. Zudem werde ich mit der Zeit immer schreckhafter, wenn ein Knaller kurz neben meinem Ohr explodiert. Was für ein grandioser Unsinn. Ich hätte nichts dagegen, wenn das nur noch Offizielle machen würden.
von_hintendrop 29.12.2018
2.
Wenn so Protest in Deutschland aussieht, müssen wir uns keine Gedanken mehr machen, dann kommt der große Knall von ganz alleine. Aber wenn es so einen Spaß macht, sollten Sie nur dran denken: Nicht auf andere Leute zielen und wenigstens einen kurzen Gedanken daran verschwenden, dass andere Menschen auf der Welt das Geld, das da so retromäßig in die Luft geht, gut für ein warmes Essen oder ein Dach über den Kopf benötigen könnten. Mit diesem Gedanken und dem Vorsatz, im nächsten Jahr mehr für Gerechtigkeit einzustehen, kann man auch beruhigt ins neue Jahr starten.
ronald1952 29.12.2018
3. In letzter Zeit
ist ein Trend zu beobachten. An allem wird herumgemeckert! Sei es am Rauchen, Diesel, dann CO2 Ausstoß und jetzt den Böllern und Neujahr. Frauenfeindlichkeit, Männerfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit, gibt es eigentlich ein Thema an dem nicht herum gemeckert oder gar Verteufelt wird? Ja richtig, der Alk fehlt noch in der der Liste aber die haben eine verdammt starke Lobby. Ist nicht so einfach dagegen vor zu gehen also können wir ruhig weiter saufen könnte man sagen.Die Grünen, die Linken, die Rechten und die aus der Mitte, die Öko`s die Christen oder anders gläubige, allen passt etwas nicht an Ihren Mitmenschen und alle wollen etwas verbieten was Ihnen nicht in dern Kram passt.Vor allen Dingen muss das verboten werden was Spaß macht im Leben und was uns allen Freiheit garantiert, denn wie kann es denn sein das wir Menschen frei sind, tun und lassen können was wir wollen im erlaubten Rahmen.Nein das geht nicht, also verbieten wir doch einfach alles. Am besten wir verbieten den Menschen dann brauchen wir uns nicht immer über die anderen so aufzuregen und müssen auch nicht mehr überlegen wem wir was Verbieten wollen. Man staune dann haben wir das Paradies, oder auch nicht? schönen Tag noch,
casbavaria 29.12.2018
4. Völlig unverständlich
..wie man Geld für Böller und Co rausschmeissen kann - in Summe 130 MIO (!) alleine in Deutschland jedes Jahr. Und wenn man so schaut, wer sich bei Aldi und Co den Wagen voller Feuerwerk häuft .. naja. Der Schmarrn gehört in meinen Augen verboten.
cedebe 29.12.2018
5. Wissenschaftsresort
aber, ob Fische durch Explosionen sterben können, weiß sie nicht. ließ sich vor diesem Text offenbar auch grad nicht googlen. So ein Ignoranz-Text erschien vor zwei Tagen schon in ähnlichem Tonfall bei ZON. offenbar ist die postpubertäre Trotzphase grade en vogue....
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