Solar Geoengineering Wissenschaftler warnen vor Dimmen der Sonne

Letzte Hoffnung in der Klimakrise – oder gefährliches Experiment? Die Idee, Sonnenstrahlen ins All zurückzuschicken, ist ebenso gewagt wie umstritten. Kritische Wissenschaftler und Umweltschützer fordern ein weltweites Moratorium.
Die Sonne verschwindet am Sonntag in Baden-Württemberg hinter natürlichem Nebel

Die Sonne verschwindet am Sonntag in Baden-Württemberg hinter natürlichem Nebel

Foto: Thomas Warnack / dpa

Wissenschaftler und Umweltschützer haben vor Plänen zur künstlichen Reduzierung der weltweiten Sonneneinstrahlung im Kampf gegen die Erderwärmung gewarnt. In einem am Montag in der Fachzeitschrift »Wires Climate Change«  veröffentlichten Brief schreiben die Experten, dass ein solcher weltweiter Eingriff »nicht auf faire, integrative und effektive Weise geregelt werden« könne. Nationale Regierungen und die Uno sollten deshalb eine »Normalisierung« solcher Maßnahmen verhindern.

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Zu den mehr als 60 Unterzeichnern gehören der Präsident des Umweltbundesamts, Dirk Messner, sowie der Klimawandelexperte Frank Biermann von der Universität Utrecht.

Unter dem Begriff »Solar Geoengineering« werden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wie Menschen künstlich die Intensität der Sonneneinstrahlung und damit die Erderwärmung verringern könnten. Eine Option wäre die massenhafte Zufuhr von Schwefel in die Atmosphäre, wodurch winzige Schwebeteilchen entstehen, die ähnlich wie Wolken Sonnenstrahlung zurück in den Weltraum reflektieren, bevor diese die Erdoberfläche erreicht. Ein ähnlicher Effekt ist in der Natur nach großen Vulkanausbrüchen oder Meteoriteneinschlägen bekannt.

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Ausbleibender Monsun und trockener Amazonas

Während solche technologischen Maßnahmen gegen den Klimawandel die Erwärmung theoretisch stoppen könnten, wären die regionalen Auswirkungen laut diversen Studien verheerend. So würde eine künstliche Abschwächung der Strahlungskraft der Sonne wahrscheinlich die Monsunregenfälle in Südasien und Westafrika unterbrechen. Dadurch könnte die vom Regen abhängige Landwirtschaft dort vernichtet werden, die Hunderte Millionen Menschen ernährt. Der Weltklimarat IPCC warnte zudem kürzlich, dass dadurch auch Trockenheit im Amazonasgebiet in Lateinamerika droht.

Die Wissenschaftler machen sich zudem Sorgen darüber, was passieren könnte, wenn die künstliche Zufuhr der Teilchen in der Atmosphäre plötzlich endet. In dem Falle würden die »Oberflächentemperaturen mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell ansteigen«, warnte der IPCC. Darüber hinaus würde die Technologie nichts gegen die anhaltende Anreicherung von Treibhausgasen wie CO₂ in der Atmosphäre ausrichten.

Vorzeigeprojekt in Schweden gestoppt

In naher Zukunft ist mit solchen Methoden ohnehin nicht zu rechnen. Obwohl die Wissenschaftsberater von US-Präsident Lyndon B. Johnson schon 1965 Solar Engineering als Mittel gegen eine wachsende Konzentration von Treibhausgasen anregten, gab es seitdem kaum Fortschritt. Im vergangenen Jahr stieß ein aufsehenerregendes Forschungsprojekt namens Scopex auf Widerstand. Die Harvarduniversität wollte aus einem Testballon über Schweden mit kleinen, reflektierenden Partikeln in 20 Kilometer Höhe den Kühlungseffekt von Vulkanausbrüchen in der Atmosphäre imitieren.

Der Rat der Rentierzüchter aus der Volksgruppe der Samen kritisierte, das verletze das Grundprinzip ihrer Kultur, im Einklang mit der Natur zu leben. »Wir haben seitdem nichts mehr von ihnen gehört«, sagte die Protestführerin Åsa Larsson-Blind nun der Nachrichtenagentur Reuters. »Wenn es in der öffentlichen Schlacht um Harvard gegen indigene Völker geht, können wir nicht weitermachen«, räumte der an Scopex beteiligte Physikprofessor David Keith ein. Harvard erwäge nun, den Versuch woanders zu starten, vielleicht aber auch ganz abzublasen.

Auch Befürworter wollen einen Uno-Beschluss

Auch die Befürworter des Solar Geoengineering bilden Allianzen. Laut Janos Pasztor, dem Geschäftsführer der Carnegie Climate Governance Initiative, laufe »diplomatische Arbeit hinter den Kulissen«. Ziel sei, dass die Uno-Generalversammlung ab September 2023 erstmals über die Technik diskutiert.

Das Pariser Friedensforum will in den kommenden Wochen eine Kommission aus früheren Regierungschefs bilden, um Optionen für den Fall vorzuschlagen, dass die globalen Temperaturen über das 1,5-Grad-Ziel des Klimaabkommens von Paris hinaus steigen. Das Gremium unter Leitung von Ex-WTO-Generalsekretär Pascal Lamy werde auch über Solar Engineering beraten, erklärte der Koordinator Adrien Abecassis.

Die Schweiz erwägt eine Resolution für klimaverändernde Technologien in der Uno-Umweltversammlung, die wahrscheinlich im April tagt. Bereits 2019 hatte die Eidgenossenschaft einen solchen Entwurf vorgelegt, aber zurückgezogen, nachdem ihn nur zehn andere Nationen unterstützt hatten.

Die Non-Profit-Organisation Degrees Initiative hat einen Fonds namens Decimals ins Leben gerufen, der Forschungsprojekte für das als »kontrovers« eingestufte »Management von Sonnenstrahlung« fördert. Degrees-Leiter Andy Parker kommentierte, die Welt stehe vor »der großen Frage: Welche Optionen haben wir, wenn die Senkung der Emissionen sich als unzureichend erweist?«

Auch private Projekte sollen gestoppt werden

Die Unterzeichner des gegnerischen Briefs hingegen warnten davor, dass die Diskussion über Geoengineering Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Klimaproblems wecken könnte, ohne dessen Ursache – die fehlende Nachhaltigkeit der Wirtschaft – anzugehen. Demnach könnte dies Regierungen, Unternehmen und Gesellschaft davon abhalten, »ihr Möglichstes zu tun, um so schnell wie möglich eine Dekarbonisierung oder Kohlenstoffneutralität zu erreichen«.

Es gebe derzeit kein System, das Geoengineering-Programme überwachen könnte. Theoretisch wäre es möglich, dass ein Land oder sogar ein einzelner Milliardär mit Raketentechnologie ein solches Projekt im Alleingang startet.

In dem Brief wird deshalb ein internationales Abkommen über den Verzicht auf solche Projekte gefordert. Damit sollte die Finanzierung von Experimenten zum Geoengineering verboten werden. Auch sollten keine Patente für solche Technologien erteilt werden, forderten die Experten.

ak/AFP/Reuters