Sonderbericht des Weltklimarats Land unter

Der Meeresspiegel steigt noch schneller, die Eismassen schmelzen dramatisch ab: In seinem Sonderbericht zum Zustand von Meeren und Eisschilden kommt der Weltklimarat zu einem verheerenden Fazit.

Junge bei Überflutungen in Jakarta im Februar 2010
ADEK BERRY/ AFP

Junge bei Überflutungen in Jakarta im Februar 2010

Von Susanne Götze


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen Jahren weiter beschleunigt. Von 2006 bis 2015 legte er mit fast vier Millimetern pro Jahr bedeutend schneller zu als in den Jahrzehnten zuvor. Bis 2100 könnte sich der Anstieg im schlechtesten Fall - dem Business-as-usual-Szenario - noch einmal vervierfachen und insgesamt fast einen Meter erreichen. Das ist das Ergebnis des gestern in Monaco verabschiedeten Sonderberichts des Weltklimarats zum Stand der Ozeane und der Kryosphäre (Eiswelten).

Das Papier warnt zudem vor einer starken Erwärmung der Meere und dem Absterben von Ökosystemen. Weltweit würden die Eismassen schmelzen. An den Polen, aber auch in Gebirgen und Permafrostböden. Annahmen und Prognosen von vielen Klimaforschern haben sich bestätigt oder sogar zugespitzt. Nach dem 1,5-Grad-Sonderbericht und dem zu Klimawandel und Landsystemen ist es nun der dritte Report des Weltklimarats innerhalb eines Jahres.

Für den Bericht arbeiteten sich mehr als hundert Forscher aus 36 Ländern zwei Jahre lang durch Tausende Untersuchungen - allein 7000 Studien tauchen als Referenzen in dem Report auf. Der Sonderbericht ist damit eine Art Metastudie, bei der sich die Forscher auf den aktuellen Stand gebracht haben. Er soll auch der Politik Druck machen. Im Dezember treffen sich die Staats- und Regierungschefs wieder zur jährlichen Uno-Klimakonferenz, um das Weltklimaabkommen umzusetzen.

"Für den Anstieg des Meeresspiegels macht es einen Unterschied, ob wir 1,5 oder 2 Grad Erwärmung haben", erklärte IPCC-Autor Hans Otto Pörtner. Denn es spielen viele Faktoren zusammen:

  • Einerseits erwärmt sich das Meer durch den globalen Temperaturanstieg - an der Ozeanoberfläche bis heute schon um etwa ein Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit.
  • Durch die Erwärmung dehnt sich das Wasser aus, das Volumen der Meere nimmt dann zu.
  • Hinzu kommen die Zuflüsse aus abschmelzenden Gletschern, die durch die Flüsse ins Meer fließen, und der Eintrag durch Eisschilde in Polarregionen.

Das Meer steigt nicht überall gleichschnell

Das hat Folgen für Millionen Menschen. "Die Küsten sind weltweit stark besiedelt, allen voran mit Megacitys wie New York oder Jakarta", erklärt der Ozeanograf Detlef Stammer von der Universität Hamburg. Doch nicht überall steige der Meeresspiegel gleich an - es gebe sogenannte Hotspots, beispielsweise in den tropischen Regionen - dort ist der Anstieg um etwa zehn Prozent höher als im Mittel - oder an der Ostküste der USA. Dort könnte der Anstieg sogar um 20 bis 30 Prozent stärker ausfallen. "In manchen Regionen wie Grönland hebt sich zwar das Land, wenn der Eisschild kleiner wird und der Meeresspiegel sinkt", erklärt Stammer, "Aber durch die Schmelze wird Wasser verdrängt, was dann wiederum tropische Inseln, etwa in der Karibik, gefährden kann." So verteilten beispielsweise Meeresströmungen die Wärme ungleich. Deswegen dehne sich das Wasser in einigen Gebieten mehr, in anderen weniger aus.

Auch wenn die regionalen Folgen im Nordatlantik, Südpazifik oder im Indischen Ozean unterschiedlich ausfallen, gibt es einen gemeinsamen Trend: In allen Weltmeeren steigt der Meeresspiegel an, der Sauerstoffgehalt geht fast überall zurück und der pH-Wert sinkt. Letzteres führt zu einer Versauerung der Weltmeere, was unter anderem zum Absterben von Meerestieren wie Korallen führt.

Zwar schlucken die Ozeane auch viel CO2 und Wärme und puffern dadurch die Folgen des menschengemachten Klimawandels ab, eine Grafik des Berichts zeigt aber, dass die negativen Einflüsse klar überwiegen: Ob Tourismus, Fischerei oder küstennahe Lebensräume - schon jetzt kämpft man dort mit Verlusten. Einziger Gewinner ist die Schifffahrt, die nun über längere Zeiträume durch eisfreie Meere, etwa in der Arktis, schippern kann.

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REUTERS

Dass der Meeresspiegel im Extremfall auch noch stärker steigen könnte, liegt laut Bericht vor allem an den Schmelzprozessen in der Antarktis. Der südlichste Eiskontinent gehört zu den gefährlichen Kipp-Elementen des Klimasystems. Wenn die Durchschnittstemperaturen zu stark steigen, könnten die Eismassen instabil werden und ins Meer abfließen. Dadurch könnte der Meeresspiegel sogar um bis zu drei Meter steigen. "Es ist schwer vorherzusagen, wann das eintritt", meint die Glaziologin Angelika Humbert vom Alfred Wegener Institut. "Auch mit unseren Simulationen können wir nicht ganz präzise sagen, wann genau sich die Gletscher zurückziehen und den kontinentalen Gletscherschild gefährden".

Fakt jenseits von Prognosen ist: Der antarktische Eisverlust ist weiter gestiegen. Laut dem letzten Sachstandbericht von 2013 verlor der antarktische Eisschild zwischen 1992 und 2001 im Schnitt 147 Gigatonnen pro Jahr - von 2006 bis 2015 waren es nun schon 155 Gigatonnen jährlich. Das entspricht ungefähr dreimal dem Wasservolumen des Bodensees (enthält rund 50 Gigatonnen).

Erst vor rund einem Jahr brach ein riesiger Eisberg vom Pine-Island-Gletscher ab. Forscher nennen das "Kalben" eines Gletschers. Der schwimmende Eisriese an sich ist kein Problem. Aber der Muttergletscher hat weniger Halt und rutscht schneller ins Meer vor. Je mehr Gletscher aus dem Inland der Antarktis ins anliegende Admunsen-Meer rücken, desto stärker ist auch der Meeresspiegelanstieg. Bewegen sich die Eisschilde schließlich unaufhaltsam in Richtung Meer, ist der Kipppunkt erreicht.

"Es ist eine Art Wettlauf, die Eisschilde ändern sich sehr schnell und als Modellierer hinkt man hinterher, die Prozesse adäquat in die Modelle einzubauen", meint die Glaziologin Humbert. Kaum jemand kennt sich so gut mit Eismassen aus wie sie. Humbert war gerade erst auf Grönland und hat ihre Messstationen am Unterlauf der Gletscher nachgerüstet. Einige Studien von Humbert werden auch im IPCC-Sonderbericht zitiert.

Auf Grönland schmelze das Eis sogar noch schneller als anderswo, weil dort der Temperaturanstieg doppelt so hoch ausfällt wie in Mitteleuropa. "Wenn wir bei 1,5 Grad globaler Erwärmung sind, dann sind wir in Grönland bei drei Grad", so Humbert. Laut dem neuen IPCC-Report trägt Grönlands schmelzender Eisschild derzeit sogar mehr zum Meeresspiegelanstieg bei als die Antarktis. Bis Ende des Jahrhunderts werde aber wahrscheinlich die Antarktis entsprechend "aufholen", vermuten die Forscher.

Humbert kennt die Schmelzprozesse aus eigener Erfahrung: "Wenn Sie mit Gummistiefeln auf grönländischem Eis stehen, dann ist es pitschnass und mit einer dünnen Wasserschicht überzogen." Im Jahr 2012 sei der gesamte grönländische Eisschild erstmals komplett angetaut. Durch das Tauen und Gefrieren komme es zu Rückkopplungseffekten, die das Schmelzen noch beschleunigen: "Wenn Schmelzwasser wieder gefriert, wird Wärme freigesetzt", so Humbert. Ein Gramm gefrierendes Wasser erwärmen rund 160 Gramm Schnee um ein Grad.

Bis die Eismassen an den Polen verschwunden sind, könnte es aber noch eine Weile dauern. "Es geht nicht darum, dass die Eisschilde von Grönland oder der Antarktis bis 2100 komplett abschmelzen", meint Humbert. Immerhin handele es sich um Eismassen mit einer Dicke von bis zu drei Kilometern. Vielmehr gehe es darum herauszufinden, wie viel Eismasse und Schmelzwasser vom Eisriesen ins Meer transportiert wird und den Meeresspiegel beeinflusst. Der antarktische Pine-Island-Gletscher steht besonders unter Beobachtung: Die zwei Kilometer dicke Eiszunge verliert im weltweiten Vergleich am meisten Masse.

Diese Daten könnten auch für Regierungen entscheidend sein. Denn sie müssen nicht nur für mehr Klimaschutz sorgen, sondern auch ihre Küsten schützen und wissen, wo und wie hoch Dämme und Deiche gebaut werden. Westliche Staaten haben schon längst damit begonnen: So plante die Stadt New York im Auslauf des Hudson Rivers einen riesigen Schutzwall, um New Jersey und Manhattan zu schützen. Aber auch Städte und Dörfer an der Nord- und Ostsee müssen derzeit aufrüsten. Diese gefährdeten Küstenregionen sind auf die Prognosen von Forschern wie Angelika Humbert angewiesen.

Zusammengefasst: Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen Jahren weiter beschleunigt. Zu diesem Ergebnis kommt der Sonderbericht des Weltklimarats zum Stand der Ozeane und der Kryosphäre (Eiswelten), der mehr als 7000 Studien ausgewertet hat. Mehrere Faktoren wie Eisschmelze und Ausdehnung des Wassers durch Erwärmung begünstigen den Anstieg. Dieser kann allerdings je nach Region auch sehr unterschiedlich sein.



insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
interessierter10 25.09.2019
1. Leider können wir nur solange den Notwendigkeiten
eines Klimaschuitzes nachkommen, wie wir die schwarze Null nicht gefährden. Sorry, liebe Kinder und Enkel, das ist für die Neoliberalen Ideologen leider das Wichtigste - und nicht das Überleben der Menschheit. Seit doch vernünftig und überlegt doch mal: Geld ist immer noch unser Gott, auch wenn es keine Zukunft gibt.
rosinenzuechterin 25.09.2019
2. Trotzdem kein Umdenken
Auch dieser Bericht wird diejenigen, die es nicht glauben, die zweifeln, die skeptisch sind, denen das Geschäft wichtiger ist oder die die Zukunft einfach nicht interessiert, nicht überzeugen, dass sich etwas ändern muss, und zwar sofort. Die weitere Kommentare werden dies deutlich untermauern.
archi47 25.09.2019
3. Ein eindeutiges Szenario
Wer jetzt noch nicht einsehen will, dass es überlebensnotwenidig für viele Arten uns uns ist, den menschengemachten Anteil der Schadgasfreisetzung rasch auf nahe Null zu reduzieren, der hat in öffentlichen Ämtern und Entscheidungsgremien nichts verloren. Ich hoffe nur, dass das den Wähler kurzfristig nahe gebracht werden kann ...
josho 25.09.2019
4. Der Beitrag passt doch prima.....
.....zu dem Spott und der Herabwürdigung, welchem die Person Greta Thunberg von Seiten Trumps und seiner Anhänger (auch in manchen Foren hier) ausgesetzt ist. Wenn's ums Geld und Arbeitsplätze geht, dann interessieren weder schmelzende Eisschichten noch steigende Meeresspiegel. Einfach weglächeln oder bestreiten.
peterpeterweise 25.09.2019
5. Auftrag: Der Politik Druck machen
Natürlich stützt sich die Studie auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Problematisch ist allerdings der Auftrag: "der Politik Druck machen". Mit diesem Auftrag ist schon definiert, dass vornehmlich Untersuchungen herangezogen werden, die möglichst dramatisch sind und Druck erzeugen können. Wissenschaftliche Ergebnisse, welche zu Ergebnissen kommen, die nicht den gewünschten Druck erzeugen würden, fließen damit nicht, oder nur untergeordnet in die Studie ein. Besser wäre eine Studie mit dem Auftrag gewesen, den Stand der Forschung zusammenzufassen ohne das gewünschte Ergebnis schon in der Aufgabenbeschreibung festzulegen. So besteht die Gefahr, dass die Studie eher polit-moralisch als wissenschaftlich erstellt wurde, und damit fachlich angreifbar ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass dem IPCC grob unwissenschaftliche Arbeit nachgewiesen würde.
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