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03. August 2010, 09:49 Uhr

Sparsamer Kalorienverbrauch

Orang-Utans leben am Energielimit

Orang-Utans sind Meister im Energiesparen: Im Verhältnis zu ihrer Körpergröße verbrauchen die Menschenaffen weniger Kalorien als die meisten Säugetiere. Vermutlich haben sie sich an die Futterknappheit angepasst - doch für ihr sparsames Leben zahlen die Tiere einen hohen Preis.

Orang-Utans verbringen einen Großteil ihres Lebens weit über dem Boden in den Baumkronen der Regenwälder von Sumatra und Borneo. Auf der Suche nach Früchten und Honig hangeln sie sich durch die Äste, nur wenn sie nicht mehr weiterkommen, betreten sie den Waldboden. Auch am Abend verlassen die Tiere die Höhe nicht: Sind sie müde, bauen sich die Menschenaffen ein Nest in den Astgabeln der Baumwipfel. Darin schlafen sie 12 Stunden, bevor der nächste Tag beginnt.

Trotz des aktiven Alltags benötigen Orang-Utans deutlich weniger Energie als die meisten anderen Säugetiere, hat ein internationales Forscherteam um Herman Pontzer von der Washington University in St. Louis herausgefunden. Für ihre Studie beobachteten die Biologen über einen Zeitraum von zwei Wochen den Energieverbrauch von drei Orang-Utans und einem Jungtier in einem Freigehege des "Great Ape Trust" in Des Moines. Dafür untersuchten sie den Urin der Tiere: Da bei der Gewinnung von Energie Verbrennungsprozesse stattfinden, konnten sie anhand des Kohlendioxid-Werts den Stoffwechsel der Tiere analysieren.

Der tägliche Energieverbrauch der Primaten liegt laut den Ergebnissen im Durchschnitt bei 1200 bis 2000 Kilokalorien. Noch weniger verbrauchen nur Faultiere, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the National Acadamy of Science". Der Energiebedarf von Menschen ist im Vergleich dazu deutlich höher. Selbst Personen, die die meiste Zeit auf der Couch verbringen, benötigen mehr Energie; typisch sind Durchschnittswerte von 2000 bis 3000 Kilokalorien am Tag. Die Extrakalorien ermöglichen dem Menschen neben einem größeren Hirnvolumen auch eine höhere Fortpflanzungsrate und einen schnelleren Stoffwechsel als den Menschenaffen.

Warum Orang-Utans so sparsam leben, ist noch nicht endgültig geklärt. Die Wissenschaftler vermuten dahinter eine Anpassung an das knappe Nahrungsangebot in ihrer Heimat: "In der Wildnis der südostasiatischen Regenwälder können Orang-Utans dank des geringen Energiebedarfs auch bei Nahrungsknappheit gut überleben", schreiben die Forscher. Eine derartige Anpassung an ihre Umwelt war von Affen bisher nicht bekannt.

Für ihr sparsames Leben bezahlen die Tiere jedoch auch einen hohen Preis. Generell wachsen Primaten langsamer und pflanzen sich weniger schnell fort als die meisten anderen Säugetiere. Bisher wurde dabei kein direkter Zusammenhang mit dem Energieumsatz vermutet. Die Studie legt nun jedoch nahe, dass dies zumindest bei den vom Aussterben bedrohten Orang-Utans der Fall ist. Weitere Untersuchungen bei anderen Menschenaffen sollen nun helfen, die Hintergründe genauer zu verstehen.

irb/dpa/ddp

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