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Methan, Ruß und co.: Plan B in der Klimapolitik

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Spitzentreffen in Cancún Klimagipfel streitet über Rettungsplan B

Was passiert, wenn der Klimagipfel in Cancún scheitert? Weil bei der CO2-Senkung kaum Forschritte zu erzielen sind, hoffen Teilnehmer auf Einigungen bei anderen schädlichen Treibhausgasen wie Methan - doch auch der Alternativplan hat viele Gegner.

Weltklimagipfel

Noch wird im Moon Palace in Cancún intensiv um ein neues Klimaabkommen gefeilscht. Doch angesichts der zähen Verhandlungen stellen sich immer mehr Teilnehmer des Spitzentreffens in Mexiko die Frage: Was passiert eigentlich, wenn der mit seinen 15.000 Gästen wieder keine greifbaren Ergebnisse bei der CO2-Reduktion liefert?

Erderwärmung

Die Gefahr ist real - und wenn es bei den bisherigen Zusagen der Staaten bleibt, dann wird sich das Klima nach einer aktuellen Berechnung der Web-Seite "Climate Action Tracker"  bis zum Ende des Jahrhunderts um 3,2 Grad erwärmen. Als gerade noch tolerabel gelten zwei, vielleicht sogar nur anderthalb Grad, ansonsten drohen durch die verheerende Konsequenzen für die Umwelt.

Die Welt braucht also unter Umständen einen Plan B beim Klimaschutz - denn es ist noch nicht einmal sicher, dass die Staaten ihre eher ambitionslosen Zusagen überhaupt einhalten werden.

Kohlendioxid

Wie lässt sich trotz der lahmenden Diplomatie die Lücke beim Klimaschutz schließen, vor der auch das Uno-Umweltprogramm Unep in einem gerade vorgestellten Bericht  eindrücklich warnt? In zahlreichen Diskussionen zerbrechen sich Experten in Cancún die Köpfe darüber, welche Erfolge sich mit Maßnahmen jenseits der so heiß umstrittenen -Reduktionen erreichen lassen.

Immer wieder wird auf die sogenannten Non-CO2-Emissions verwiesen. Dieser Begriff bezeichnet eine Reihe von Gasen, darunter Methan, und riesige Rußwolken in der Atmosphäre. Der Kampf dagegen könnte nach Ansicht von Befürwortern greifbare Erfolge beim Klimaschutz bringen - und zwar außergewöhnlich schnell. Das liegt daran, dass diese Substanzen im Gegensatz zu Kohlendioxid nicht sehr lange in der Atmosphäre ausharren können.

"Wir müssen uns auch mit anderen Dingen als CO2 befassen"

"Wenn wir tatsächlich die Erwärmung auf anderthalb oder zwei Grad begrenzen wollen, dann müssen wir uns auch mit anderen Dingen als CO2 befassen", wirbt Veerabhadran Ramanathan von der Scripps Institution of Oceanography im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Interessant sind zum Beispiel die schwarzen Rußpartikel, mit denen sich Ramanathan seit Jahrzehnten befasst. Sie sorgen in der Atmosphäre dafür, dass weniger von der Sonne einfallende Strahlung zurück ins All reflektiert wird.

Die dunklen Flugteilchen entstehen bei der unvollständigen Verbrennung von organischem Material, zum Beispiel in Autoabgasen oder beim Verfeuern von Holz. Ruß aus Asien, Europa und Nordamerika macht dem Arktischen Eis zu schaffen. Eine riesige braune Wolke über Asien setzt den Gletschern im Himalaja zu. Ramanathan schlägt deswegen zusammen mit Kollegen strengere Luftreinheits-Gesetze vor. Sie sollen gleich zwei Probleme auf einmal lösen: Neben dem positiven Effekt auf das Weltklima verschwinden auch Gesundheitsprobleme durch die dreckige Luft. Zu den möglichen Lösungen gehören Rußfilter für Fahrzeuge und die Förderung für verbesserte Kochgelegenheiten in privaten Haushalten.

Selbst Kritiker sehen die Vorteile sauberer Luft. Doch manch einer in Cancún argumentiert, dass auf keinen Fall Kraft beim Kampf gegen CO2-Emissionen verloren gehen dürfe. Genau das aber sei zu befürchten - zum Beispiel weil sich Staaten wie die USA auf vermeintlichen Erfolgen in anderen Bereichen ausruhen könnten.

"Es geht nicht um eine Alternative zur CO2-Reduktion, sondern um eine zusätzliche kurzfristige Handlungsmöglichkeit", hält Unep-Chef Achim Steiner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE dagegen. Emissionsreduktionen bei Methan, Ruß und Co. könnten helfen, das Zeitfenster beim Kampf gegen den Klimawandel "so offen zu halten, dass wir überhaupt noch eine Chance haben".

Kampf gegen Methanemissionen lohnt bisher nicht

Neben Ruß wird auf dem Gipfel auch über eine Gruppe von normalerweise eher wenig beachteten Treibhaugasen diskutiert - allen voran Methan. Es entweicht aus Kohlegruben und Müllhalden, aus alten Gaspipelines und Reisfeldern - und fällt in großen Mengen bei der Tierhaltung an. Die Methanemissionen weltweit könnten durch technische Maßnahmen kurzfristig um 40 Prozent sinken, rechnen Befürworter vor. Dafür müssten Mülldeponien in Entwicklungsländern fachgerecht saniert, lecke Gaspipelines abgedichtet werden. Doch die aktuellen Finanzierungsinstrumente im Kampf gegen den Klimawandel machen das wenig attraktiv.

Diskutiert wird auch über Einsparmöglichkeiten bei den sogenannten Fluor-Kohlenwasserstoffen (FKW, im englischen Sprachraum HFC abgekürzt). Diese Substanzen werden derzeit vor allem eingesetzt, um ozonschädliche Kühlmittel zu ersetzen. Das Problem: Die Chemikalien sind wahre Klimamonster, zum Teil tausendmal so wirksam wie CO2. Die USA werben dafür, die FKWs ins Montréal-Protkoll zum Schutz der Ozonschicht einzubeziehen. Der Vertrag sei schließlich ausgesprochen effektiv. Und außerdem seien die nun diskutierten Substanzen ja wegen des Abkommens zum Ozonschutz überhaupt erst in Gebrauch gekommen.

Umweltschützer begrüßen den Plan im Grundsatz - haben aber Angst, dass auch er in Wahrheit ein Ablenkungsmanöver der Amerikaner ist, um weniger beim Kohlendioxid tun zu müssen.

Notwendige Debatten tauchen nicht im Verhandlungspapier auf

"Wir müssen uns an jeder möglichen Front vorwärts bewegen", kommentiert Alden Meyer von der Union of Concerned Scientists die Diskussion um Emissionsreduktionen jenseits von CO2. Allerdings fänden die Debatten in Cancún eher in öffentlichen Diskussionsrunden und nicht in den eigentlichen Klimagesprächen statt: "Ich wüsste nicht, dass die Sache wirklich im Verhandlungstext auftaucht."

Und das wird wohl auch so bleiben, wie Indiens Umweltminister Jairam Ramesh klar macht. Seine Regierung werde sich zum Beispiel "dagegen sperren", das Thema Ruß in die internationalen Klimaverhandlungen aufzunehmen. Experten erklären das damit, dass Indien sonst erstmals zu Emissionsreduktionen gezwungen werden könnte - weil das Land ein großer Ruß-Produzent ist.

Außerdem, so sagte Ramesh, werde sein Land "unter allen Umständen" dagegen kämpfen, FKWs in das Montréal-Protokoll aufzunehmen. Derzeit ist die Vernichtung dieser Substanzen für viele Entwicklungsländer ein Milliardengeschäft. Damit wäre es dann vorbei.

Am Ende werden sich die Staaten wohl trotzdem mit dem CO2 befassen müssen, das machen Klimaforscher in Cancún eindrücklich klar. Schuld daran sei die extrem lange Verweildauer des Kohlendioxids in der Atmosphäre. Sie sorge dafür, dass die Substanz am Ende dieses Jahrhunderts beinahe allein für Aufheizung der Erde verantwortlich sei. Man müsse sich also in jedem Fall um sie kümmern - ungeachtet von Ruß, Methan und FKWs. Der vermeintliche Plan B beim Klimaschutz scheint nicht zu funktionieren.

Forscher Ramanathan gibt sich trotzdem optimistisch, dass die Debatte um Emissionsreduktionen jenseits von CO2 auch langfristig Früchte tragen könnte: "Wenn die Staaten etwas gegen Methan und Ruß tun, und wenn die Erfolge sichtbar sind, dann wird es mehr Vertrauen für weitere Schritte geben."

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