Stammbaumanalyse Säugetiere profitierten nicht vom Sauriersterben

Die heute lebenden Säugetiere haben sich erst 10 bis 15 Millionen Jahre nach dem Aussterben der Dinosaurier auf der Erde ausgebreitet. Die Erkenntnis eines internationalen Forscherteams stellt bisherige Theorien auf den Kopf - und ist eine Warnung vor den unvorhersehbaren Folgen des Klimawandels.

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Das Aussterben der Dinosaurier galt bislang als Wendepunkt in der Geschichte der Säugetiere. Als vor 65 Millionen Jahren ein Asteroid die Erde traf oder einer anderen Hypothese zufolge Vulkane massenhaft ausbrachen, waren die Tage der Saurier gezählt, ein Massenexitus setzte ein. Davon, so die gängige Annahme, profitierten die relativ wenigen damals lebenden Säugetierarten - ein Entwicklungsschub setzte ein.

Doch diese Theorie ist laut einer neuen Stammbaumanalyse falsch, die ein internationales Wissenschaftlerteam vorgenommen hat. Die heute lebenden Säugetiere haben sich erst 10 bis 15 Millionen Jahre nach dem Aussterben der Dinosaurier auf der Erde ausgebreitet, berichten Olaf Bininda-Emonds von der Universität Jena und seine Kollegen im Magazin "Nature" (Bd. 446, S. 507).

"Wir haben mehr als 2500 Stammbäume von Säugetieren aus der Literatur zu einer Art Superstammbaum kombiniert", sagte Bininda-Emonds im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Genetische Daten seien nur indirekt genutzt worden, weil die 2500 Säugetierstammbäume selbst auf Genanalysen beruhten. Das Zusammentragen der Daten habe mehr als zehn Jahre gedauert.

Gleichzeitig glichen die Forscher die einzelnen Stammbäume der mit Fossilienfunden ab. Dabei griffen sie auch auf molekulare Untersuchungen der Erbsubstanz heute lebender Tierarten zurück, aus denen sich abschätzen lässt, vor wie langer Zeit bestimmte Tierarten entstanden sind.

4500 Arten in einem Stammbaum

Der Superstammbaum zeigt die Explosion der Artenvielfalt in einem Kreis beginnend im Mittelpunkt vor etwa 170 Millionen Jahren (siehe Fotostrecke). Er umfasst 4500 Arten. "Im Superstammbaum fehlen 44 Arten, die wir nicht zuordnen konnten", sagte der Forscher. Diese Arten seien jedoch kaum bekannt, meist handle es sich um Insektenfresser. Bininda-Emonds musste sich den Stammbaum in Plakatgröße ausdrucken, um die Namen der Arten überhaupt entziffern zu können, die am Rand des Kreises eingetragen sind.

Es habe zwei Entwicklungsphasen der Säuger gegeben, eine lange vor und eine weitere lange nach dem Verschwinden der Dinosaurier, berichten die Forscher in "Nature". Die erste explosionsartige Diversifizierung der Säugetierarten habe vor etwa 93 Millionen Jahren stattgefunden. Die Vorfahren heutiger Primaten, Huftiere und Nager seien vor 75 Millionen Jahren zum ersten Mal aufgetaucht, so die Forscher. Die zweite Entwicklungsphase fand vor etwa 50 Millionen Jahren statt.

Warnung für die heutige Zeit

Wodurch die beiden Schübe ausgelöst wurden, darüber gibt es bislang nur Hypothesen. "Es gab zu beiden Zeitpunkten einen Klimawandel, der die Zunahme der Arten ausgelöst haben könnte", sagte Bininda-Emonds. "Im ersten Zeitfenster von vor 100 Millionen Jahren bis vor 75 Millionen Jahren gab es eine Kaltphase, unter anderem hat damals die Vielfalt der Grünpflanzen zugenommen." Vor 50 Millionen Jahren war hingegen eine Warmphase, Biotope änderten sich. Die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels auf die Artenvielfalt müssten auch als Warnung für die heutige Zeit verstanden werden, sagte der Wissenschaftler.

Der vermutete Einschlag eines Asteroiden, der die Ära der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit jäh beendet haben soll, habe den anderen Säugern keinesfalls genutzt, sondern ihnen genauso geschadet, berichten die Forscher. Viele Säugetierarten seien damals genau wie die Dinosaurier ausgestorben. Erst sehr viel später habe es einen neuen Entwicklungsschub gegeben, aus dem die meisten heute bekannten Arten hervorgegangen seien. "Die große Frage bleibt jetzt, warum die Vorfahren der modernen Säugetiere so lange brauchten, um sich zu diversifizieren", sagte Ross MacPhee vom American Museum of Natural History.

mit Material von AFP und ddp



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