Fotostrecke

Unwetter über Deutschland: Ahnungslos in die Katastrophe

Foto: Sven Friebe/ dpa

Katastrophenschutz Karten sagen Risiko von Sturzfluten vorher

Viele Orte in Deutschland sind von Sturzfluten bedroht, doch Betroffene sind ahnungslos. Dabei zeigen Karten das Risiko. Die liegen aber unbeachtet auf einer Computerfestplatte, berichtet ein Forscher.

Das Wasser kam plötzlich. Binnen Minuten schwollen die Fluten auf den Straßen von Braunsbach, Schorndorf, Xanten und anderen Orten. Im Mai und Juni rissen Gewitterfluten dort vielerorts Autos mit, verwüsteten Häuser und töteten und verletzten Menschen.

Zwar hatten Wetterdienste vor Unwettern gewarnt. Doch die betroffenen Siedlungen waren nicht vorbereitet auf Sturzfluten.

Dabei liegen sie alle in der "blauen Zone": Karten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigen, wo sich bei Regen das Wasser sammelt: In Niederungen, die auf den Karten blau gekennzeichnet sind.

Das Problem: Die Karten hängen nicht in Rathäusern, bei Feuerwehr oder Katastrophenschutz - sondern liegen bei den DLR-Forschern auf der Computerfestplatte. Bislang hätte kaum Interesse an einer Verwendung bestanden, berichtet DLR-Forscher Thomas Krauß.

Die Flutkatastrophen dieses Sommers aber haben gezeigt, dass gerade Bewohner in Ortschaften abseits großer Flüsse die Gefahr nicht ahnen, sie wurden von den Sturzfluten überrascht. Krauß erklärt im Interview, wie die Gefahr rechtzeitig erkannt werden könnte.

Zur Person
Foto: Thomas Krauß

Thomas Krauß forscht am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Er entwickelt Verfahren für die Erstellung von Landschaftsmodellen aus Luftbild- und Satellitendaten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Krauß, Ihre Karten scheinen simpel: Rote Gebiete liegen höher, von dort fließt das Wasser bei Regen in die gelben, dann in die grünen und schließlich in die blauen Regionen, die am tiefsten liegen. Braucht es wirklich solche Karten? Wissen denn Talbewohner nicht, dass sie in einer Risikozone leben?

Xanten (Blau = Risikozonen bei Starkregen):

Thomas Krauß: In Siedlungen an Flussläufen ist das Risiko tatsächlich meist bekannt. Dort tritt das Wasser immer mal über die Ufer, sodass Deiche und andere Schutzwälle gebaut wurden. Doch in Tälern abseits der großen Ströme werden Ortschaften von Fluten meist überrascht, so wie vielfach in den vergangenen Wochen. In solchen unvorbereiteten Gebieten, wo bei Sturzregen Fluten abgehen können, ereignen sich extrem teure Katastrophen, wie Statistiken belegen. Auf unseren Karten können Betroffene sehen, dass sie in der Gefahrenzone liegen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen sollten Orte in der blauen Zone ziehen?

Thomas Krauß: Sie sollten ein Abflusssystem für Starkregenfälle und gegebenenfalls Dämme bauen. Außerdem dürften sie möglichst keine Baugenehmigungen in blauen Bereichen erteilen - bei Neuausweisung von Bauflächen sollten die Karten einbezogen werden. Es fällt auf, dass Altstädte oft auf Anhöhen stehen, neuere Stadtteile hingegen in die Täler wuchern.

Schorndorf (Blau = Risikozonen bei Starkregen):

SPIEGEL ONLINE: Aber sind Ihre Karten nicht sehr ungenau? Nur alle 25 Meter zeigen sie einen Messpunkt, der die Höhe des Geländes angibt. Sinnvolle Aussagen über die Fließrichtung von Regenwasser lassen sich also nur grob treffen, für Gebiete von mehreren hundert Metern Ausdehnung. Blockierende Gebäude oder kanalisierende Straßen fallen durchs Raster.

Thomas Krauß: Ja, die Karten bieten lediglich eine erste Orientierung. In Großstädten bestimmen vor allem Bauten, wohin das Wasser fließt, nicht unbedingt die Geländeform. Die Karten erlauben es aber Behörden und Versicherungen, Gebiete in Risikoklassen einzuteilen. Alle Regionen werden damit vergleichbar.

SPIEGEL ONLINE: Um sich zu schützen, benötigen Risikogebiete also weitere Informationen?

SPIEGEL ONLINE

Thomas Krauß: Ja. Würden zusätzlich Kanalisation, Gebäude, Bordsteine, Tiefgaragen, die Sättigung des Bodens, U-Bahnen und Straßen berechnet, ließen sich zusammen mit Wettersimulationen Gefahrenszenarien für einzelne Straßenzüge errechnen.

SPIEGEL ONLINE: In Simbach war es vor einigen Wochen ein mit Treibgut verstopftes Kanalrohr, was die Flutkatastrophe in dem bayerischen Ort auslöste.

Thomas Krauß: Solch konkrete Gefahren können natürlich nur vor Ort ausfindig gemacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Karten eigentlich entwickelt?

Thomas Krauß: Die Karten beruhen auf Satellitendaten und auf Landvermessungen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie getestet, ob sie das Fließen von Regenwasser tatsächlich realistisch vorwegnehmen?

Thomas Krauß: Bisherige Flutereignisse bestätigen unsere Analyse. Unter anderem haben wir unsere Ergebnisse anhand eines Starkregenereignisses im vergangenen Sommer in Münster abgleichen können.

Der Autor auf Twitter:

Hier finden Sie weitere Risikokarten: