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23. Januar 2009, 12:35 Uhr

Statistik-Tricks

Wie sich Klimawandel-Skeptiker die Erderwärmung kaltrechnen

Von Volker Mrasek

Die Klimaforschung eine einzige Lüge, die Erderwärmung eine Erfindung: Selbsternannte Experten und Lobbyisten streuen schon wieder Zweifel an Aussagen des Weltklimarats IPCC. Sie tricksen - und ergehen sich in Verschwörungstheorien.

Der neue US-Präsident Barack Obama muss sich auf kräftigen Widerstand von notorischen Klimaskeptikern gefasst machen. Einen Vorgeschmack darauf liefert jetzt ein als "Minderheitsreport" aus dem US-Senat deklariertes Papier. Verbreitet wird es vom Büro des republikanischen Senators James Inhofe. In dem Dokument werden mehr als 650 Wissenschaftler als Kronzeugen gegen den Weltklimarat IPCC der Vereinten Nationen aufgeboten. Sie alle bezweifelten, dass die gegenwärtige Erderwärmung auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sei, betonen die Herausgeber. Es gebe also keineswegs einen wissenschaftlichen Konsens über den anthropogenen Klimawandel, wie es die Verantwortlichen des Weltklimarats ständig glauben machen wollten.

Zusätzliches Gewicht bekommt das Konvolut angeblich durch Verweise auf wissenschaftliche Studien, die sogar in begutachteten Fachzeitschriften ("Peer Reviewed Journals") veröffentlicht wurden. Belegen sollen sie zum Beispiel, dass die Sonne für die Hälfte der Erwärmung seit 1970 verantwortlich ist. Und auch, dass es seit rund zehn Jahren gar keine globale Erwärmung mehr gibt, die Erde sich stattdessen abkühlt.

Tatsächlich entpuppt sich der sogenannte Minderheitsreport nach Ansicht von renommierten Klimaforschern als fadenscheiniger Versuch, die Arbeit des IPCC zu diskreditieren und Laien über den Stand der Wissenschaft zu täuschen. Von einem "Report" zu sprechen - schon das ist ein Fall von Irreführung. "Ich habe mir dieses Dokument angeschaut, es ist einfach eine Auflistung von Meinungen einer Reihe von Wissenschaftlern", sagt der belgische Physiker und Klimaforscher Jean-Pascal van Ypersele, einer der drei stellvertretenden Vorsitzenden des Weltklimarats: "Wenn der IPCC seinen Bericht in dieser Weise abgefasst hätte, wäre er vollkommen unbrauchbar."

Dreist behaupten die Herausgeber der Klimapolemik, dass sie mit "vielen derzeitigen und früheren IPCC-Wissenschaftlern" aufwartet. Tatsächlich sind es nur einige wenige, und selbst deren Reputation steht in Frage. Ziemlich weit oben in der Zitatenliste rangiert zum Beispiel der südafrikanische Chemie-Ingenieur Philip Lloyd.

IPCC-Vize van Ypersele bestätigt: "Er war koordinierender Hauptautor, das ist eine wichtige Funktion." Aber: "Das war bloß in einem technischen Report des IPCC über das Auffangen und Einlagern von Kohlendioxid." Das mache Lloyd noch lange nicht zum Klimawissenschaftler, sagt van Ypersele: "Was er hier in diesem Papier über den Kohlenstoff-Kreislauf sagt, ist grundlegend falsch." Lloyds Aussage, die anthropogenen CO2-Emissionen seien zu gering, um das Klima zu beeinflussen, ist ein alter, längst widerlegter Einwand.

Und die begutachteten Fachartikel, auf die der Minderheitsreport Bezug nimmt? Die existieren wirklich. Etwa eine Studie über die Temperaturentwicklung im sibirischen Altai-Gebirge in den vergangenen acht Jahrhunderten. Sie erschien erst vor wenigen Tagen in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" (GRL). Laut dem Inhofe-Team zeigt sie, dass die aktuelle Erwärmung zu 50 Prozent auf das Konto der Sonne geht - eine Kernthese der Polemik.

"Die unterstellen uns etwas, was wir gar nicht sagen und was auch nicht stimmt", entgegnet darauf Jürg Beer von der Schweizer Forschungsanstalt EAWAG. Der Physiker zählt zu den Autoren des "GRL"-Artikels und stellt klar, dass die Studie "genau das Gegenteil von dem zeigt, was diese Leute behaupten". Demnach sind die Treibhausgase in den vergangenen 50 Jahren der klar dominierende Faktor. Das sei ganz eindeutig, sagt Beer.

Ein Hirngespinst ist auch die angebliche Abkühlung des Klimas seit 1998, dem bisher wärmsten Jahr der Aufzeichnungen mit einer globalen Durchschnittstemperatur von 14,52 Grad Celsius. Tatsächlich hält der allgemeine Erwärmungstrend unvermindert an. Das bestätigen die Datensätze des britischen Wetterdienstes und der University of East Anglia. Im Auftrag der Weltmeteorologie-Organisation WMO verfolgen die beiden Institutionen den Verlauf der globalen Mitteltemperatur. "1997 und 1998 gab es im tropischen Pazifik den stärksten El Niño im ganzen 20. Jahrhundert, deshalb war 1998 so warm", sagt Phil Jones, Direktor der Klimaforschungsabteilung an der University of East Anglia. Zuletzt habe die natürliche Klimaschwankung zur anderen, kühleren Seite ausgeschlagen: "Aus diesem Grund waren die vergangenen Jahre etwas kälter." Das gilt auch noch für 2008. Es war sogar das bisher kühlste Jahr dieser Dekade.

Zwar sagt auch Jones, das laufende Jahrzehnt sei "0,2 Grad Celsius wärmer, als es die neunziger Jahre im Mittel waren". Doch der britische Wetterdienst Metoffice betont, dass die zehn wärmsten Jahre der Aufzeichnungen alle in den Zeitraum ab 1997 fallen. "Ohne den menschlichen Einfluss auf das Klima wäre die Wahrscheinlichkeit für ein Jahr, das so warm war wie 2008, mehr als 50 Mal geringer", sagt Peter Stott aus dem Klimazentrum des Metoffice in Exeter. Außerdem stehen die Zeichen längst wieder auf Hitze: Nach der aktuellen Klimadekaden-Vorhersage der Briten ist ab 2010 mit einer Folge neuer Rekord-Wärmejahre zu rechnen. Weil dann wieder El-Niño-Verhältnisse im tropischen Pazifik herrschen.

Irreführende Grafiken und Klimaverschwörer

Versuche, den Klimawandel in Abrede zu stellen oder ihn zu verniedlichen, gibt es auch in Deutschland. Ein Beispiel dafür liefert jetzt der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) in seinem Jahresbericht für 2008. Auch dort heißt es, dass "sich die globale Mitteltemperatur in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr erhöht hat". Etwas später liest man gar: "Treibhausbedingte Klimaänderungen haben eher am unteren Ende der vom IPCC genannten Bandbreite stattgefunden beziehungsweise werden stattfinden." Als vermeintlichen Beleg präsentiert der Bericht eine Grafik mit der "Bandbreite der Temperaturveränderungen nach verschiedenen IPCC-Szenarien" (siehe Fotostrecke).

Nur: Die Darstellung enthält "eine Reihe dicker Fehler", sagt Philippe Marbaix, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Jean-Pascal van Ypersele am Institut für Astronomie und Geophysik der Universität Louvain in Belgien. Grundsätzlich sei schon die gewählte Einheit falsch: Die Kurve in der Grafik stelle keinen dekadischen Trend dar wie angegeben, "sondern einfach durchschnittliche Jahrestemperaturen". Fragwürdig ist aber insbesondere, wie der Kohleverband die IPCC-Szenarien wiedergibt. Anders als die Grafik suggeriert, starte keine der Projektionen schon 1980. Auch die skizzierte Spanne der Szenarien sei komplett falsch, heißt es aus Louvain - ein Vorwurf, der für den Verband wiederum "nicht nachvollziehbar ist, da die von uns zitierte Datenbasis für jedermann nachprüfbar ist".

Der IPCC legt in seinem jüngsten Weltklimareport von 2007 selbst dar, wie sich die Globaltemperatur im Vergleich zu den Projektionen der vorhergehenden drei Sachstandsberichte bis 2005 entwickelt hat. Als Reaktion auf die Anfrage von SPIEGEL ONLINE hat das Büro van Yperseles diese Daten noch einmal in einen größeren zeitlichen Kontext gestellt (siehe Fotostrecke). Demnach kann keine Rede davon sein, dass sich die Temperatur am unteren Rand bewegt - zeitweilig übertraf sie sogar das Worst-Case-Szenario.

Ein Hort eingefleischter Zweifler ist auch ein eingetragener Verein aus Jena, der sich Europäisches Institut für Klima und Energie (Eike) nennt. Seine Mission ist es, das etablierte Modell vom anthropogenen Klimawandel zu Fall zu bringen. Denn diese Hypothese, wettern die Jenaer, beruhe "auf unphysikalischen statistischen und subjektiv angepassten Computersimulationen" und sei "ein Betrug an der Bevölkerung".

Hinter der "anerkannten Klimawissenschaft" steckten "Verlautbarungen des IPCC und einer wirklich kleinen Gruppe von weltweit vielleicht 60 Wissenschaftlern, die auf dem Klimagebiet arbeiten", sagt Eike-Sprecher Michael Limburg. Diese Forscher seien fast ausschließlich in Institutionen zu Hause, die ein "starkes Eigeninteresse an der Fortschreibung der vermeintlichen Klimakatastrophe haben, da diese ihre Existenz und ihren Einfluss sichert". Ein öffentlicher Dialog zum Thema Klima und CO2 werde heute nicht mehr zugelassen, die Meinung durch Institutionen wie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung majorisiert. Die Zahl der Kritiker an der Klimawandeltheorie übersteige "die der 50 bis 60 am IPCC-Prozess maßgeblich beteiligten Klimaexperten bei weitem", sagt Limburg auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Dabei haben gerade erst Forscher der University of Illinois aus Chicago mehr als 10.000 Geowissenschaftler weltweit zum Klimawandel befragt. 3146 von ihnen füllten den Fragebogen aus - und die Ergebnisse sprechen für sich. 82 Prozent bestätigten, dass menschliche Aktivitäten ein wichtiger Faktor im Klimawandel sind. Die feinere Auswertung nach Fachgebieten ergab, dass sogar 97 Prozent der Klimaforscher die These der vom Menschen verursachten Erderwärmung stützen. Bei Geologen aus der Ölbranche und Meteorologen lag die Zustimmung nur bei 47 beziehungsweise 64 Prozent.

Aufschlussreich auch eine Studie der Geologin Naomi Oreskes von der University of California in San Diego. Die Forscherin prüfte mehr als 900 begutachtete und veröffentlichte Fachartikel zum Klimawandel, die von 1993 bis 2003 erschienen sind. Das Ergebnis: In keinem einzigen der Aufsätze wurde angezweifelt, dass der Mensch die Klimaerwärmung der vergangenen 50 Jahre maßgeblich beeinflusst hat.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Jenaer Verein neuerdings oft auf die angebliche globale Abkühlung verweist. Auf der Eike-Internet-Seite findet sich außerdem ein Link zur Klimapolemik aus dem Senatsbüro von James Inhofe in Washington, wo die These vom Stopp der Erwärmung wohl die tollsten Blüten treibt.

Dort wird sogar auf Quellen verwiesen, die den gerade ausgeschiedenen US-Präsidenten ausdrücklich für seine beharrliche Anti-Kyoto-Politik loben. Verwegene Begründung: Sowie George W. Bush ins Amt gekommen sei, habe sich der Globus abgekühlt.

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