Energiegewinnung aus Wasserkraft Immer mehr Staudamm-Projekte in Schutzgebieten

Tausende Staudämme werden weltweit geplant oder gebaut – mehr als 500 davon in teils unberührter Natur, schreiben Forscher in einer Studie. Wie sieht die Umweltbilanz solcher Anlagen aus?
Pumpspeicherkraftwerk Raccoon Mountain: Stausee am Tenessee River in den USA

Pumpspeicherkraftwerk Raccoon Mountain: Stausee am Tenessee River in den USA

Foto: Voith Hydro / dpa

Das Selous-Wildreservat in Afrika ist ein Paradies für Tiere. Hier leben große Elefantenpopulationen, dazu Nashörner und Löwen auf etwa fünf Prozent des gesamten Staatsgebiets von Tansania. Der Park ist aber auch eines der letzten Refugien des vom Aussterben bedrohten Afrikanischen Wildhundes. Nun soll für ein großes Staudamm-Projekt am zentralen Fluss Rufiji weitgehend unberührte Natur geopfert werden. Eine Fläche von der doppelten Größe des Bodensees würde überflutet werden. Flusswälder, Savannen und Feuchtgebiete würden verschwinden.

Staudämme dienen der Bewässerung und wichtiger: Sie liefern ausgesprochen klimafreundlichen Strom aus Wasserkraft – und tragen damit zum Kampf gegen den Klimawandel und zum Ende fossiler Energieträger bei. Aber sie stehen oft im Widerspruch zu den natürlichen Kreisläufen der Gewässer. Dennoch werden derzeit weltweit mehr als 500 Staudämme in Schutzgebieten geplant oder sind bereits im Bau. Das entspricht etwa einem Siebtel aller aktuellen Staudammprojekte, berichten Forscher um Michele Thieme von der Umweltorganisation WWF kürzlich in der Fachzeitschrift »Conservation Letters« . Neben dem WWF bezahlte die Studie das Außenministerium der Vereinigten Staaten und Conservation International, eine weitere Umweltorganisation.

Die Auswirkungen solcher Projekte sind vielfältig, erklärt Boris Lehmann von der Technischen Universität Darmstadt, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. Im Stausee lagern sich Sedimente ab, weil die Strömung fehlt. Das »verschlamme« den ökologisch wichtigen Raum an der Gewässersohle und zerstöre so das Habitat für die Wasserfauna. Zwar könne der Schlamm durch eine Stauraum-Spülung in den talwärts anschließenden Gewässerlauf geschwemmt werden. Aber auch das hat gewässerökologisch negative Folgen, sagt Lehmann. Fische zum Beispiel ersticken bei zu hoher Konzentration von Feinsedimenten.

Derzeit gibt es nach Angaben der Studie weltweit mehr als 58.000 Großdämme – also Bauwerke, die mindestens 15 Meter hoch sind. Als Großdämme werden aber auch solche ab fünf Metern Höhe mit einem Fassungsvermögen ab drei Millionen Kubikmetern bezeichnet. Fast 24.000 davon entfallen auf China, für Deutschland sind es rund 370.

Nur ein Drittel aller Flüsse, die mehr als 1000 Kilometer lang sind, fließen noch ungehindert von der Quelle bis zur Mündung. In europäischen Flüssen gibt es nach Angaben der Europäischen Umweltagentur (EEA) aus dem Jahr 2018 Hunderttausende Hindernisse wie Staustufen, Wehre oder Talsperren. Allein Deutschland hatte laut Umweltbundesamt im Jahr 2015 rund 200.000 solche Querbauwerke. Den deutlichsten Einfluss auf die Wanderbewegungen von bestimmten Fischarten hätten Dämme.

Wenn Flussfische vor einer Mauer stehen

Dass Fische sich frei in ihrem Lebensraum bewegen können, ist noch aus einem anderen Grund wichtig. Es ist für sie eine Möglichkeit, sich dem Klimawandel anpassen. Denn die Erderwärmung beeinflusse Temperatur und Wasserqualität, sagt Christian Wolter vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Flussfische können sich aber keine neuen Lebensräume erschließen, wenn sie durch Staudämme behindert werden.

Staudämme verändert die Dynamik von Flüssen nicht nur in Fließrichtung, sondern auch im Austausch mit der Aue, wie Christiane Zarfl vom Zentrum für Angewandte Geowissenschaften der Universität Tübingen erläutert. Und weil die Dämme auch den Nachschub von Sedimenten ins Tal zurückhalten, könnten etwa Deltaregionen langfristig absinken. Dies sei angesichts steigender Meeresspiegel durch den Klimawandel besonders problematisch. »Intakte Flusssysteme erfüllen viele Funktionen für ein Ökosystem«, so Zarfl. »Sie sind Transportweg, Lebensraum oder liefern Nahrung.«

Wasserkraft-Bauer halten dagegen

Ricarda Bohn vom Konzern Voith Hydro, einem weltweit führenden Ausrüster für Wasserkraft-Anlagen, verweist auf Nachhaltigkeitsprüfungen, um Wasserkraftwerke und deren Bau so umweltverträglich wie möglich zu gestalten. »Sie sind die Basis für die Bewertung, ob ein Projekt zum Beispiel umweltverträglich gebaut werden kann und überhaupt genehmigt wird.«

Aber gerade, wenn es um die Stromerzeugung geht, ist für einige Experten häufig der wirtschaftliche Nutzen fraglich. In Deutschland werden etwa 85 Prozent des Stroms aus Wasserkraft von nur 146 Anlagen erzeugt. Insgesamt gebe es aber 7700 Wasserkraft-Anlagen. »Das bedeutet: Die 7500 kleinen Anlagen produzieren insgesamt nur 15 Prozent der gesamten Elektrizität aus Wasserkraft«, sagt IGB-Experte Christian Wolter. Strom aus Wasserkraft hat im deutschen Strommix einen Anteil von gerade einmal drei Prozent. Rechtfertigt das eine solche Menge von Anlagen?

Die Anlagenbauer von Voith Hydro weisen auf den Klimawandel hin: Auch kleinere Wasserkraftwerke sparen CO₂ ein. Zudem gebe es in Deutschland sehr hohe ökologische Anforderungen wie beispielsweise Mindestwasserführung, Durchgängigkeit der Gewässer oder Fischschutz. »Bei Wasserkraft-Projekten geht es darum, die gesamte Nachhaltigkeit im Auge zu behalten, das heißt die wirtschaftlichen, die sozialen und die ökologischen Aspekte auszubalancieren«, sagt Bohn.

Wasserkraftgegner stützen sich hingegen auf eine Studie von 2019. Darin stellen Wissenschaftler fest, dass die gleiche Strommenge, die rund 2600 Staudämme in den USA produzieren, mittels Fotovoltaik auf 13 Prozent der Fläche dieser Stauseen  erzielt werden könnte.

Immerhin werden nicht alle Staudamm-Projekte in geschützten Gebieten durchgesetzt. In Brasilien verweigerte die Umweltbehörde 2016 dem Bau des Projekts »São Luiz do Tapajós« am Tapajós-Fluss im Bundesstaat Pará eine Umweltlizenz. Geplant war ein Mega-Staudamm über 7,6 Kilometer Länge. Das geplante Wasserkraftwerk sollte über 8000 Megawatt Leistung liefern, das entspricht etwa sechs Atomkraftwerken. Und auch in Albanien feierten Forscher und Umweltschützer jüngst einen Teilerfolg. Ein geplanter Damm, der die Vjosa, einen der letzten wilden Flüsse Europas, bändigen sollte, wird wohl doch nicht gebaut.

joe/dpa
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