Prähistorische Tiertransporte Steinzeitmenschen schipperten Hirsche nach Schottland

Vor 4500 bis 5550 Jahren sollen Menschen Hirsche auf die Inseln vor der schottischen Küste gebracht haben. Das legen Genanalysen nahe, bei denen aktuelle Proben und prähistorische Fundstücke untersucht wurden.

Rotwild in Londoner Park
REUTERS

Rotwild in Londoner Park


Tiertransporte sind ein kontroverses Thema. Um die zehn Millionen Schweine werden jedes Jahr innerhalb Europas über Ländergrenzen hinweg transportiert, zum Beispiel von den Niederlanden nach Deutschland. Womöglich ist das Verschicken von Tieren über große Distanzen alles andere als ein junges Phänomen. Aktuelle Forschungsergebnisse legen nun nahe, dass es so etwas bereits in der Steinzeit gab - und zwar per Schiff.

Forscher um David Stanton von der Cardiff University berichten darüber im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B". Die Wissenschaftler hatten sich Rothirsche auf den schottischen Inseln der Orkneys und der Inneren und Äußeren Hebriden näher angesehen. Zum einen hatten sie Gewebeproben derzeit dort lebender Tiere genommen, zum anderen hatten sie DNA-Material aus archäologischen Ausgrabungen gewonnen. Insgesamt 74 prähistorische Fundstücke hatten die Forscher dabei analysiert, zum Teil waren die Funde 7500 Jahre alt.

Für die Inneren Hebriden liegen die Dinge einfach. Die Tiere hier stammten den Genanalysen zufolge aus Irland. Dorthin waren die Rothirsche aus England gekommen - das hatten frühere Studien gezeigt. Den Steinzeitbewohnern der Inseln dürften die Hirsche als verlässliche Quelle von Fleisch, Leder und Hornmaterial gedient haben.

Inseln außerhalb der Schwimmdistanz

Für die Orkneys und die Äußeren Hebriden zeigten sich Besonderheiten: Hier gibt es wenig genetische Verwandtschaften zu benachbarten Populationen. Die Tiere hier müssen von weiter weg stammen.

Dass die Hirsche schwimmend auf die 16 (im Fall von Orkney) bis 25 Kilometer (im Fall der Äußeren Hebriden) vom schottischen Festland gelegenen Inseln gekommen sein könnten, glauben die Wissenschaftler ausschließen zu können. Die Tiere könnten im Wasser nicht mehr als sieben Kilometer zurücklegen, so die Forscher. Selbst bei einem deutlich niedrigeren Meeresspiegel seien die Inseln außerhalb ihrer Schwimmdistanz gewesen.

Die Hirsche waren, so Stanton und seine Kollegen, offenbar von Menschen vor 4500 bis 5500 Jahren auf die Inseln gebracht worden. Und zwar aus großer Entfernung. Die Forscher gehen davon aus, dass die Hirsche weder vom schottischen Festland, noch aus Irland oder gar Norwegen stammten - sondern von irgendwo noch weiter weg. Woher die Tiere tatsächlich kamen, wissen die Forscher allerdings nicht. Sie gehen davon aus, dass es sich um eine Gegend im Westen Kontinentaleuropas handeln dürfte.

Belgische Bauern brachten Wühlmäuse mit

Eine Möglichkeit ergibt sich aus einer Studie, die 2013 im Fachmagazin "Molecular Ecology" veröffentlicht wurde. Dabei ging es allerdings nicht um Hirsche, sondern um Wühlmäuse. Davon gibt es auf den Orkneys eine ganz spezielle Sorte - und Forschern um Natalia Martinkova von der University of York war es gelungen, diese mit dem Auftauchen von Ackerbauern aus dem Gebiet des heutigen Belgiens auf den Inseln in Verbindung zu bringen. Ob diese Menschen auch etwas mit den Hirschen zu tun haben, ist bisher nicht klar.

Dass die Orkneys in der Jungsteinzeit ein beliebter Lebensort für Menschen waren, steht indes außer Zweifel - und ebenso die Fleischeslust der Bewohner. So sind Forscher fasziniert von der sogenannten Structure Ten. Das ist ein Gebäude mit gewaltigem Ausmaß: 25 Meter lang und 20 Meter breit. Hier fanden die Ausgräber unter anderem die Reste eines riesigen Festgelages, bei dem rund 6000 Rinder verspeist wurden.

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chs



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