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14. Oktober 2009, 06:34 Uhr

Streit in Berlin

Kahlschlag im Kleingarten

Von Christian Schwägerl

Landwirtschaft in der Stadt ist weltweit groß im Kommen, sogar Michelle Obama hat das Gärtnern entdeckt. Doch in Berlin soll nun mehr als ein Fünftel der Kleingärten verschwinden. Dabei werben Klimaschützer, Stadtplaner und Mediziner für die Vorteile der innerstädtischen Oasen.

Einmal mehr könnte Berlin ganz vorn dran sein bei einem großen Trend. In Amerika, Großbritannien und vielen anderen Ländern wird das Gärtnern mitten in der Stadt gerade neu entdeckt. Im Frühjahr hat die US-amerikanische First Lady mit dem Spaten eine Rasenfläche vor dem Weißen Haus in einen Gemüsegarten verwandelt. So will sie ihre hamburgersüchtigen Mitbürger von der Couch locken und ihnen zeigen, wie man mit Gemüse Marke Eigenanbau in der Wirtschaftskrise Geld sparen kann.

Auch die britische Queen ließ in diesem Jahr zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg am Buckingham Palace wieder Gemüse anbauen. Klimaforscher und Stadtplaner rufen das "urban farming" sogar schon zur Landwirtschaft der Zukunft aus. Statt Lebensmittel von weit her heranzukarren, sollen die Städter sie selbst vor Ort erzeugen.

In Berlin ist das längst Realität. Die deutsche Hauptstadt könnte locker weltweit zum Vorbild werden. Rund 74.500 Kleingärten gibt es in Berlin, sie bedecken 3060 Hektar Fläche. "Keine vergleichbare Metropole verfügt über eine solch große Zahl an privat nutzbaren Gärten im unmittelbaren Einzugsbereich der Innenstadt", lobt sich der Senat noch selbst. In Berliner Kleingartenanlagen wie der Kolonie "Durlach" im Stadtteil Wilmersdorf klingt "urban farming" denn auch überhaupt nicht avantgardistisch. Hier wird es seit Jahrzehnten praktiziert. In den Parzellen am Volkspark Schöneberg gedeihen Äpfel, Birnen, Tomaten, Zucchini und vieles mehr.

Ein Fünftel der Berliner Kleingartenfläche sollen verschwinden

Doch damit dürfte bald Schluss sein. Denn der Berliner Senat meint, es gebe mehr als genug Kleingärten und plant, ein absolutes Negativbeispiel zu setzen. Ein Fünftel der gesamten Kleingartenfläche in der Metropole soll in den kommenden Jahren verschwinden.

"Die Kleingartenanlage Durlach zählt zu den ersten, die es treffen wird", klagt Inge Titel, die Vorsitzende des "Bezirksverbands der Kleingärtner Wilmersdorf". 2010 endet die offizielle Schutzfrist des Senats für die Kleingartenanlage. Dann soll hier gebaut werden können - und nicht nur hier.

Der Grund ist einfach: Aufgrund des Bankenskandals der neunziger Jahre, wegen gewaltiger Sozialausgaben und durch ineffiziente Verwaltung ist die Stadt Berlin mit knapp 60 Milliarden Euro katastrophal überschuldet. Der Verkauf von Kleingartenflächen, die laut Senat zugleich "attraktive innerstädtische Wohnungsbau- oder Gewerbestandorte" sind, soll etwas Geld in die Kassen spülen.

Um die Kolonie "Württemberg", fußläufig am westlichen Ende des Kurfürstendamms gelegen, tobt schon seit Jahren ein erbitterter Streit, den die Kleingärtner wohl verloren haben. Doch bei den anderen Flächen wollen die Stadt-Gärtner nicht nachgeben. Peter Ehrenberg, Vorsitzender des "Landesverbands der Gartenfreunde", fordert im Namen von 500.000 Kleingartennutzern in Berlin einen Bestandsschutz für alle Gärten bis 2020. Bau- und Gewerbeland gebe es genug, argumentiert Ehrenberg: "Auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof und auf dem früheren Gütergelände am Hauptbahnhof stehen riesige Flächen zur Verfügung, bald kommt das riesige Flughafengelände in Tegel dazu, da muss man keinen einzigen Kleingarten opfern", sagt Ehrenberg. Ende August gab es bereits eine Demonstration mit 800 Teilnehmern.

Blumenwiesen statt Jägerzaun

Die Nachfrage nach Kleingärten sinke, argumentiert der Senat. Dagegen weiß Kleingarten-Advokatin Inge Titel vom Gegenteil zu berichten: "Bei uns findet gerade ein Generationenwechsel statt, es bewerben sich hauptsächlich junge Familien mit Kindern um Parzellen", sagt sie. Leerstände gebe es allenfalls am Stadtrand, auf citynahe Flächen, die man umweltfreundlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen könne, gebe es allein in Wilmersdorf 400 Bewerber. Die Wartezeit betrage drei bis vier Jahre. Wenn junge Familien in die Gärten kämen, könnten auch einige der unangenehmen Erscheinungsformen von Kleingärten verschwinden: Gartenzwerge und chemiegetränkte Rasen, Nachbarschafts-Terror und Jägerzäune, die es mancherorts noch gibt, könnten ersetzt werden durch herumtollende Kinder, Blumenwiesen und Hecken.

Die Liste von Vorteilen, die der Senat zu verspielen droht, ist lang:

Dass ausgerechnet ein rot-roter Senat zum Kahlschlag in den Kleingärten ausholen würde, erscheint auch historisch merkwürdig. Denn Kleingärten sind gerade in Berlin als Teil der Arbeiterbewegung entstanden. Zwar wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts mancherorts auch geschaffen, um den Unmut der Arbeiter zu besänftigen und so einer Revolution vorzubeugen, doch in der Fläche sind es Refugien, die Arbeiter sich auf Ödland oder entlang von Eisenbahnstrecken selbst ergattert haben. Die "Pflanzer-Bewegung" von Arbeitern, die hauptsächlich Kartoffeln anbauten, spielte eine große Rolle. In der Weimarer Zeit gab es in Berlin 6240 Hektar Kleingärten, doppelt so viel Fläche wie heute.

Eigentlich wäre es angesagt, eine solche Größenordnung wieder anzustreben. Zumindest sind andere Länder dabei, ihre innerstädtischen Gartenflächen massiv auszubauen. Michelle Obamas Aktion fruchtet in Amerika bestens. Die Zahl der Kleingärten und privaten Gemüsegärtner ist binnen eines Jahres förmlich explodiert. Besonders beliebt sind "Rezessionsgärten". Mit Samen für 50 Dollar könne man Gemüse im Wert von 1250 Dollar heranziehen, wirbt eine Saatgutfirma, die von dem Boom profitieren möchte. In China besinnt man sich auf eine alte Tradition und will auch aus Klimaschutzgründen gerade in Megalopolen wie Shanghai die gärtnerische Landwirtschaft fördern. Und in Kuba ist "urban farming" Staatspolitik, seit die Sowjetunion kollabierte und die Lieferungen von Kunstdünger ausblieben. Seither ernährt sich das sozialistische Land mit großem Erfolg biologisch aus städtischen Gärten.

Kuba als Vorbild - vielleicht kann das den rot-roten Senat noch davon abbringen, das grüne Berliner Volksgut dem schnöden Profit zu opfern. Noch im Oktober wird mit einer endgültigen Entscheidung gerechnet.

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