Forscherstreit Das große Haisterben, das es wohl nie gab

Im Sommer berichteten zwei Wissenschaftlerinnen über ein rätselhaftes Massensterben von Haien vor 19 Millionen Jahren. Nun sind Zweifel an der Arbeit aufgekommen.
Haie im Meer

Haie im Meer

Foto: Tomas Kotouc / 500px Plus / Getty Images

Haie tauchten auf diesem Planeten erstmals vor gut 400 Millionen Jahren auf. Seitdem haben sie allerhand Katastrophen überstanden – wie beispielsweise das große Massensterben vor 66 Millionen Jahren, dem infolge eines Meteoriteneinschlags wohl auch die Dinosaurier zum Opfer fielen.

Doch vor rund 19 Millionen Jahre wären sie fast aus den Weltmeeren verschwunden, berichteten Wissenschaftlerinnen im Sommer 2021 in einer Studie im Fachmagazin »Science«.  Damals ereignete sich laut der Arbeit ein in der Evolution der Tiefseehaie beispielloses wie rätselhaftes Massensterben. Rund 90 Prozent der Bestände seien vernichtet worden, folgerte die Studie von zwei Forscherinnen aus Yale und der Harvard University. Es war das erste Mal, dass von so einem bis dahin unbekannten Massensterben berichtet wurde. Doch nun sind Zweifel aufgekommen, ob das große Sterben in der Tiefsee tatsächlich stattgefunden hat.

Für die Studie hatten die Forscherinnen seinerzeit Bohrkerne aus der Tiefsee analysiert. Diese Sedimente sind eine Art Archiv der Meere – hier lagerte sich alles ab, was im Laufe der Zeit zu Boden sank. Dazu zählen auch winzige fossile Hautschuppen und Zähne oder Zahnstücke von Haien. In der Studie meinten die Autorinnen, aus einem Rückgang dieser Spuren in den alten Sedimenten auf das relativ plötzliche Ende vieler Knorpelfische schließen zu können. Doch nun haben gleich zwei Wissenschaftlerteams Zweifel an einem so einschneidenden Ereignis. Sie veröffentlichten jeweils entsprechende Kommentare in »Science«.

Die Forscherinnen und Forscher um Iris Feichtinger  vom Naturhistorischen Museums (NHM) Wien haben ähnlich alte Meeresablagerungen aus Europa und Asien untersucht. Einen Hinweis auf ein derart massives Ereignis konnten sie nirgends finden. Möglicherweise seien die Proben der erste Studie, in denen sich nur winzige Mengen Fossilien befanden, einfach durch erhöhten Schlammeintrag verdünnt worden, heißt es über die aus ihrer Sicht fehlgeleitete Interpretation.

Auch ein Team um Gavin Naylor von der University of Florida glaubt nicht an den Tod von so vielen Knorpelfischen vor Millionen Jahren. »Wir gehen davon aus, dass das beobachtete Muster nicht auf ein Aussterben zurückzuführen ist, sondern auf die Verschiebung der Verbreitungsgebiete der Arten, die durch eine Veränderung der Meeresströmungen entstanden ist«, heißt es in ihrem Beitrag . Anhand der Hautschuppen lasse sich so ein Ereignis jedenfalls nicht feststellen.

Kaum einzelne Haiarten identifizierbar

Auch die Paläobiologin Julia Türtscher vom Institut für Paläontologie der Universität Wien, die der SPIEGEL damals um eine Einschätzung zu der Studie gebeten hatte, sah die Ergebnisse bereits zum Veröffentlichungszeitpunkt kritisch. Zwar sprach sie von einer hochinteressanten Arbeit. Aber sie hielt taxonomische Aussagen auf der Grundlage von Hautteilchen, den sogenannten Dentikeln, für schwierig, da man so kaum einzelne Haiarten identifizieren könne. Im drastischsten Fall könne der Verlust von einer einzigen Haiart mit dem Verlust von einer Vielzahl verschiedenster Dentikel-Formen einhergehen. Zwar könne man Haiarten anhand einzelner Zähne identifizieren. Aber auch darüber hätte sich ein derartiges Aussterbe-Ereignis bisher nicht nachweisen lassen, so Türtscher.

Auch die Autorinnen der Ursprungsstudie haben inzwischen auf die Kritik der beiden  Forscherteams  reagiert. Sie gehen nach wie vor davon aus, dass sie aus ihren Daten die richtigen Schlüsse gezogen haben.

joe
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