Streit vor US-Kongress Rüpeleien unter Klimaforschern

Eine Untersuchung des US-Kongresses geißelt unsaubere Arbeit von Klimaforscher-Star Michael Mann. Auch der Uno-Klimabeirat und wichtige Fachmagazine geraten dabei in Misskredit: Unerwünschte Ergebnisse - für die Wissenschaft unverzichtbar - würden unterdrückt.

Es war ganz still im Saal des Repräsentantenhauses, als Michael Mann von der Pennsylvania State University das Wort ergriff. Unter Eid musste der Klimaforscher vor Politikern und Wissenschaftlern gestern seine berühmte Hockeyschläger-Kurve verteidigen. Die Grafik, die ihrer Form ihren Namen verdankt, soll die Temperaturentwicklung des letzten Jahrtausends beschreiben. Doch Manns wissenschaftliche Kontrahenten - gestern ebenfalls im Saal - hatten nachgewiesen, dass die Kurve fehlerhaft ist. Mann sollte sich für seine umstrittene Arbeitsweise rechtfertigen, blieb jedoch wortkarg. Dabei erschüttern die Vorwürfe seiner Gegner die Klimaforschung in ihren Grundfesten.

Joe Barton, der Vorsitzende des Energieausschusses im Repräsentantenhaus, ist ein strammer Konservativer und Verfechter der Klimapolitik von Geroge W. Bush. Barton hatte die Wissenschaftler aufgefordert, ihm gegenüber ihre Daten offenzulegen - ein in den Augen vieler Forscher schikanöses Vorgehen.

Anschließend ließ Barton die Arbeit Manns von einem Gremium aus Statistikern überprüfen. Die oppositionellen Demokraten ließen Manns Daten zugleich von einer weiteren Gruppe aus Klimaforschern der der National Academy of Sciences (NAS) durchleuchten.

Bei dem gestrigen Showdown im Kongress gerieten mit der Hockeyschläger-Kurve auch zentrale Aussagen des letzten Berichts des Uno-Klimagremiums IPCC in die Kritik - die Hockeyschläger-Grafik ist in dem IPCC-Report ganz vorn abgebildet.

Verantwortlich für die prominente Platzierung der Kurve war ihr Urheber selbst – Michael Mann war leitender Autor des Reports. Beim IPCC herrsche "mangelnde Kontrolle", rügen nun die Gutachter. Das Problem sei nicht behoben, meinen manche Klimatologen. Auch der nächste IPCC-Bericht, der im Frühjahr 2007 erscheint, leide unter der Dominanz bestimmter Forschergruppen, sagte der IPCC-Autor Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin zu SPIEGEL ONLINE.

Eingeschworene Gruppe

Auch Fachzeitschriften sehen von der Prüfkommission ihr wichtigstes Gut in Frage gestellt – ihre Objektivität. Studien, insbesondere jene von Mann, würden vor der Veröffentlichung in Fachmagazinen "nicht unbedingt unabhängig geprüft", heißt es im Expertenbericht. Üblicherweise lassen Fachmagazine von zwei oder drei Experten untersuchen, ob eine eingereichte Arbeit zur Veröffentlichung taugt. Doch im engen Zirkel der Paläoklimatologen, die das Klima der Vergangenheit erforschen, würden die Arbeiten Michael Manns mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Schreibtisch eines guten Bekannten landen – er habe mit 42 Kollegen zusammen Studien verfasst und bilde mit ihnen "eine Clique", mahnt jetzt die Prüfkommission.

Einige aus der Gruppe betreuen die Internetplattform "Realclimate.org", die über Klimaforschung berichtet. Zu den Autoren der Internetseite gehört auch der deutsche Wissenschaftler Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, von dem sich die Bundesregierung in Sachen Umweltschutz beraten lässt. Manche Umweltverbände und Medien nutzten "Realclimate.org" bislang als objektive wissenschaftliche Quelle, obgleich die Beiträge meist in eigener Sache verfasst sind. Kürzlich war dort zu lesen, das "Hockeyteam" – gemeint waren die Unterstützer Michael Manns – sei mit "2:0" in Führung gegangen. Bis heute leugnet die Gruppe Mängel in der Mannschen Klimakurve.

"Türstehermethoden": Michael Mann soll Forschungsberichte von Kollegen verrissen und Redakteure von Fachmagazinen eingeschüchtert haben. Selbst "Nature" und "Science" geraten in die Schusslinie

Forscher, die der Gruppe nicht angehören, scheinen es schwerer zu haben, Studien zu veröffentlichen. Mehrere Wissenschaftler berichteten, ihre Arbeiten seien von amerikanischen Fachmagazinen abgelehnt worden, weil sie von einem anonymen Prüfer ungewöhnlich rüde verrissen worden seien. Viele Klimaforscher sind überzeugt, dass es sich bei jenem Kontrolleur um Michael Mann handelt. Sie werfen ihm vor, Redakteure von Fachzeitschriften massiv eingeschüchtert zu haben. Von "Türstehermethoden" spricht etwa der Klimatologe Hans von Storch vom GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, der letzte Woche vor dem Repräsentantenhaus vernommen wurde.

Selbst die Flaggschiffe der Wissenschaftsliteratur, die Journale "Nature" und "Science", geraten schwer in die Kritik. "Beide Magazine neigen dazu, publikumswirksame Studien vorzuziehen", sagte Storch zu SPIEGEL ONLINE. Nur so sei erklärlich, warum die "Hockeyschläger-Kurve" trotz all ihrer Mängel publiziert werden konnte.

Der Einfluss des Menschen steht fest - sein Ausmaß nicht

Als neueste Opfer der Fachmagazine sehen sich die profilierten deutschen Klimatologen Gerd Bürger und Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin, deren Kritik an der Hockeyschläger-Kurve zunächst von den angesehenen "Geophysical Research Letters" (GRL) abgelehnt wurde. Die Kritik des anonymen GRL-Gutachters wäre "unter der Gürtellinie" gewesen, sagte Cubasch. Nun erschien die Arbeit in der weniger gewichtigen Online-Zeitschrift "Climate of the Past", wo Studien nicht abgelehnt werden, sondern die Kritiken anderer Forscher vielmehr einsehbar sind – unter anderem der ungewöhnlich böse Verriss eines anonymen Autors , von dem viele meinen, es handele sich um Mann.

Die Hockeyschläger-Kurve steht seit langem in der Kritik. Wohl nichts verdeutlicht den vom Menschen verursachten Klimawandel so gut wie diese Grafik; zahlreiche Vorträge und Filme griffen auf sie zurück. Doch sollte das Klima auch früher stärker geschwankt haben als Manns Kurve Glauben macht, fallen auch Rückschlüsse auf die Stärke des menschlichen Einflusses schwerer. Dass es diesen Einfluss generell gibt, zweifelt auch die Mehrzahl der Hockeystick-Kritiker nicht an. Umstritten ist jedoch sein Ausmaß.

Die im letzten IPCC-Bericht vertretene These, die vergangenen Jahrzehnte wären wahrscheinlich die wärmsten des letzten Jahrtausends, ist den Prüfern zufolge nicht ausreichend belegt. Mit genügender Sicherheit lasse sich lediglich feststellen, dass die Temperaturen derzeit höher sind als in den vergangenen 400 Jahren – eine wenig verwunderliche Feststellung, herrschte doch seinerzeit die sogenannte Kleine Eiszeit.

Ihren ersten schweren Schlag bekam die Hockeyschläger-Grafik im Sommer 2004, als die kanadischen Forscher Stephen McIntyre und Ross McKitrick Mann zu einer Richtigstellung im Wissenschaftsmagazin "Nature" zwangen, in der er handwerkliche Fehler einräumte. Bis heute könne Mann nicht vollständig nachweisen, welche Daten er für die Arbeit genutzt hat, bemängeln nun die Prüfer nun. Die Studie sei nicht reproduzierbar, sie sei gar "schlechte Wissenschaft", erklärte gestern der Statistiker Edward Wegman, der führend an der Prüfung beteiligt war.

Andere Forschergruppen wiesen in den letzten zwei Jahren nach, dass Manns Methode dazu neige, Temperaturschwankungen einzuebnen – der "Griff des Hockeyschlägers" suggeriere also für das Mittelalter ein zu gleichmäßiges Klima. Der Prüfreport bestätigt nun die Kritik. Die Unsicherheiten der Temperaturkurve seien unterschätzt worden, die zugrundeliegenden Daten teilweise ungeeignet und die Rechenmethode von Mann mangelhaft.

Showdown der Kontrahenten

Vor dem Repräsentantenhaus kam es gestern zur Begegnung der Kontrahenten. Unter Eid erklärte Michael Mann, etwaige Fehler in seiner Studie hätten auf die Gesamtaussage seiner Kurve keine große Auswirkung. Zudem hätten andere Gruppen ähnliche Temperaturkurven entwickelt. Das sei wenig verwunderlich, beruhten die Rekonstruktionen doch zum Teil auf identischen Daten, entgegnete der Kanadier Stephen McIntyre.

Dass der Streit der Klimaforscher eskalieren würde, hatte sich abgezeichnet. "Der Umgangston ist rau geworden", sagte Uwe Mikolajewicz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie zu SPIEGEL ONLINE. Das liege an der starken Politisierung des Themas: Auf der einen Seite versuchen sogenannte Klimaskeptiker trotz zahlreicher gegenteiliger Belege häufig in dogmatischer Weise, Zweifel an der These der globalen Erwärmung zu säen. Auf der anderen Seite kämpften Klimaforscher "mit quasi-religiösem Sendungsbewusstsein für die Rettung der Welt", meint Cubasch. Wer sich differenzierter äußere, gelte schnell als Nestbeschmutzer.

Das Schema griff auch bei der gestrigen Anhörung: Politiker der oppositionellen Demokratischen Partei schimpften, die Kontrolle der Klimastudien sei lediglich durchgeführt worden, um die These der globalen Erwärmung in Misskredit zu bringen. "Der Verdacht, den Klimaskeptikern in die Hände zu spielen, darf nicht dazu führen, die komplizierte Sachlage zu vereinfachen", widerspricht von Storch. Das IPCC habe in seinem Bericht versäumt, die Komplexität der Materie zu vermitteln, meint der Klimatologe John Christy von der University of Alabama.

Die zu Recht aufgeflammte Kritik am Hockeyschläger zeige, wozu Simplifizierung und Selbstzensur führten, meint Storch: Die Forschung verliere an Glaubwürdigkeit. Aus der Affäre müsse man lernen, sagte Eduardo Zorita vom GKSS zu SPIEGEL ONLINE. Die Öffentlichkeit sei fähig, mit komplexen Details und der unvermeidlichen Unsicherheit der Ergebnisse umzugehen.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels waren beide Prüfkommissionen der NAS zugeordnet worden. Wir bedauern den Fehler.

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