Veränderte DNA Eidechsen sind bei Geburt schon alt – wegen des Klimawandels

Stress durch Hitze lässt Eidechsen in Frankreich schneller altern – das haben Fachleute im Rahmen einer zehnjährigen Studie festgestellt. Auch für andere Arten könnte das Phänomen zum Problem werden.
Waldeidechse

Waldeidechse

Foto: Karin Jähne / Shotshop / IMAGO

Die Temperaturen steigen aufgrund der Klimakrise – und nun gebären Eidechsen in Frankreich Nachwuchs, bei dem Hitzestress die DNA verändert hat: Ihre Telomere, Schutzkappen am Ende der Chromosomen, die auch als »Zündschnüre des Todes« bekannt sind, weil sie mit dem Alterungsprozess zu tun haben, sind deutlich verkürzt. Die Echsen sind alt, auch wenn sie frisch geboren sind.

Darauf deutet eine Studie hin, die Fachleute um den Biologen Andréaz Dupoué‬ vom Forschungsinstitut Ifremer in Frankreich, in den »Proceedings of the National Academy of Sciences« veröffentlicht haben . Sie untersuchten zehn verschiedene Völker von Waldeidechsen im französischen Zentralmassiv. Die Waldeidechse gilt als eine der am weitesten verbreiteten Eidechsenarten der Welt, sie ist in ganz Eurasien aufzufinden, von Spanien bis nach Japan.

Blutproben und Schwanzstückchen

Mehr als zehn Jahre lang entnahmen die Fachleute den Echsen Blutproben aus den Augen und knipsten winzige Stücke am Schwanz ab, um das genetische Material von Hunderten Tieren zu katalogisieren. Da sich die Reptilien gern im Grasland aufhalten, sind sie gar nicht so schwer einzufangen.

Im Labor analysierten sie die Telomere als Kenngröße für Alterungsprozesse im Körper. Die Wissenschaft geht hier von folgendem Vorgang aus: Je öfter sich eine Zelle teilt, desto kürzer wird das Telomer. Ist das Telomer irgendwann zu kurz, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und stirbt.

Auch Stress kann zu verkürzten Telomeren führen, das ist bereits bekannt und wurde auch bei Menschen beobachtet: Traumata aufgrund von Mobbing, sexueller oder häuslicher Gewalt verkürzen bei Kindern die Telomere.

Im vorliegenden Fall haben die Eidechsen auch Stress: durch Hitze.

Gefahr für Schildkröten und Krokodile?

Das Fachteam fand heraus, dass in abnehmenden und von Hitze betroffenen Populationen die Telomere ungewöhnlich kurz sind. Da Weibchen ihre verkürzten Telomere wahrscheinlich an den Nachwuchs vererben, könnte das die Tiere für Generationen prägen und womöglich zu ihrem Aussterben führen. Bei steigenden Temperaturen könnte das umso mehr zum Problem werden.

Frankreich kämpft seit Jahren mit besonders heißen Sommern, dieses Jahr wurden Schienen bei Bordeaux 53 Grad warm, im Mai erlebte Frankreich eine historische Hitzewelle, der Juli war ebenfalls so heiß wie fast nie. Schon 2019 wurde gewarnt, dass sich das Risiko für Hitzewellen verfünffacht habe.

Von den zehn untersuchten Eidechsenpopulationen war am Ende des Studienzeitraums eine komplett ausgestorben. Dennoch ist die Waldeidechse nicht in existenzieller Gefahr. Sie gilt als hart gesotten und passt sich besonders Kälte gut an, im Winter kann sie in Kältestarre verfallen und so überleben. Aber wenn die Studienergebnisse auf andere Reptilienarten übertragbar sind, könnten diese vor größeren Problemen stehen. Mehr als ein Fünftel aller Reptilien sind schon jetzt vom Aussterben bedroht, unter anderem Schildkröten und Krokodile.

Telomere: Ursache oder Indikator?

Gleichzeitig könnte das Untersuchen von Telomeren auch eine Chance sein: ein Indikator, wie sehr eine Population oder Tierart unter Stress steht – oder wie sehr konservatorische Maßnahmen den Stress auf die Tiere reduzieren.

Telomere sind auch beim Menschen noch nicht vollständig untersucht. Als erwiesen gilt, dass sie mit dem Alterungsprozess in Zusammenhang stehen und dass eine hohe Anzahl von kurzen Telomeren als ungünstig gilt. Alterung ist jedoch ein Prozess, auf den mehrere Faktoren einwirken, von denen die Länge von Telomeren nur einer ist. Menschen mit verkürzten Telomeren leben durchschnittlich 3,6 Jahre kürzer, ergab eine Studie im Jahr 2010. Telomere sind also kein Blick in die Zukunft – aber definitiv ein Indikator für Umstände, unter denen ein Organismus lebt.

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