Steigende Temperaturen Klimawandel erstmals täglich im weltweiten Wetter nachweisbar

Schweizer Forscher haben im weltweiten Wetter Signale des Klimawandels ausgemacht. Für jeden einzelnen Tag seit 2012.
Die vergangenen fünf Jahre waren die heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

Die vergangenen fünf Jahre waren die heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

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Joshua Stevens/ NASA

Als die Temperaturen im Mittleren Westen der USA Anfang des Jahres besonders stark sanken, twitterte der US-Präsident: "Was zum Teufel ist mit der globalen Erwärmung los? Komm bitte zurück, wir brauchen dich." In dem Tweet steckt ein Argument, das viele Klimawandelleugner gern vorbringen: Wie kann es sein, dass sich die Erde erwärmt, obwohl es immer wieder Tage gibt, an denen es für die jeweilige Jahreszeit ungewöhnlich kalt ist?

Die Antwort von Forschern: Klima ist eben nicht Wetter. Wetter beschreibt den Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Also ob es beispielsweise am Freitag in Hamburg regnet, während in Berlin die Sonne scheint. Das Klima bezieht sich dagegen auf einen längeren Zeitraum von mehreren Jahrzehnten.

Wissenschaftler der ETH Zürich rütteln nun an diesem Wetter-ist-nicht-gleich-Klima-Paradigma. Sie haben das erste Mal den Fingerabdruck des menschengemachten Klimawandels im täglichen Weltwetter ausgemacht, berichten sie im Fachblatt "Nature Climate Change ".

Generell ist es problematisch, einzelne Wetterereignisse direkt auf den Klimawandel zurückzuführen. Hitzewellen hat es schließlich schon gegeben, bevor der Mensch begonnen hat, massenhaft CO2 in die Atmosphäre zu blasen.

Dieses Problem versucht die sogenannte Attributionsforschung zu lösen, die auch die Forscher in der aktuellen Studie genutzt haben. Die Idee: Sie berechnen die Wahrscheinlichkeit für die jeweilige Tagestemperatur. Dafür simulieren sie am Computer Tausende Male, wie oft es genau diese Wetterlage zu vorindustrieller Zeit gegeben hätte, und vergleichen die Häufigkeit mit heute. Die unterschiedlichen Ergebnisse offenbaren den Fingerabdruck des Klimawandels. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Für die aktuelle Studie haben die Forscher globale Wetterdaten und Klimamodelle mithilfe statistischer Methoden neu analysiert. Ergebnis: Der langfristige Trend zur Erderwärmung zeigt sich auch in täglichen Wetterdaten zur globalen Lufttemperatur und Feuchtigkeit. Und zwar an jedem einzelnen Tag seit dem Frühjahr 2012. Berücksichtigt man Wetterdaten aus dem ganzen Jahr, zeigt sich der Fingerabdruck des menschengemachten Klimawandels sogar seit 1999.

Schon vorherige Studien haben untersucht, wie sich der Klimawandel auf einzelne Wetterereignisse auswirkt. Demnach hat sich das Risiko für Hitzewellen in Mitteleuropa im Juli verfünffacht (Mehr dazu lesen Sie hier). Die aktuelle Studie bezieht sich jedoch ausschließlich auf globale Wetterdaten. Rückschlüsse auf lokale Extremwetterereignisse wie Hitzewellen lassen sich deshalb nicht daraus ziehen.

"Um im täglichen Wettergeschehen das Signal für den Klimawandel zu entdecken, ist eine globale Betrachtungsweise nötig, nicht eine regionale", sagt Sebastian Sippel, Erstautor der Studie. Denn während die lokalen Tagesmitteltemperaturen stark schwanken und so den Fingerabdruck des Klimawandels verschleiern, sind die globalen Tagesmittelwerte relativ konstant.

Anders gesagt: Es kann trotz Klimaerwärmung in den USA einen Kälterekord geben, wenn es gleichzeitig in anderen Regionen der Welt überdurchschnittlich warm ist.

Dass die Temperaturen weltweit steigen, ist nicht neu. Deutschland hat sich beispielsweise im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits um 1,5 Grad Celsius erwärmt. 2019 war in Deutschland gemeinsam mit 2014 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung. In beiden Jahren lag die Mitteltemperatur bei 10,3 Grad. Das bisher wärmste Jahr war 2018.

Der Fingerabdruck des Klimawandels zeigt sich laut dem renommierten Schweizer Klimaforscher Reto Knutti mittlerweile an jedem Tag. "Wetter auf globaler Ebene trägt wichtige Klimainformationen in sich", sagt Knutti, der an der Studie mitgearbeitet hat.

"Der Klimawandel hat unser Wetter verändert"

Die Studie hat jedoch auch einige Einschränkungen. Klimamodelle sind generell mit Unsicherheiten verbunden und hängen beispielsweise davon ab, ob und mit welcher Gewichtung Faktoren wie Landnutzung oder Emissionen einbezogen werden.

In der aktuellen Studie zeigten sich die Abweichungen im Wetter durch den Klimawandel jedoch selbst dann, wenn der langfristig zu erwartende weitere Temperaturanstieg herausgerechnet wurde. "Das ist beunruhigend", sagte Michael Wehner vom Lawrence Berkeley National Laboratory, der nicht an der Studie beteiligt war, der "Washington Post" . "Die Erde ist auf dem besten Weg, sich auch in den optimistischsten Zukunftsszenarien deutlich zu erwärmen."

"Der Klimawandel ist da", sagt auch Matthias Mengel vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), der nicht an der Studie beteiligt war, dem SPIEGEL. Nun könne man dies auch am täglichen Wetter ablesen. "Das ist ein wichtiger wissenschaftlicher Schritt", sagt Mengel. "Der Klimawandel hat schon wesentlich unser Wetter verändert, und es ist jeden Tag erkennbar."


Zusammengefasst: Der Klimawandel ist mittlerweile auch im täglichen Wetter nachweisbar, berichten Forscher aus der Schweiz in einer aktuellen Studie. Allerdings nur auf globaler Ebene. Lokale Wettereignisse schwanken zu sehr und verschleiern dadurch langfristige globale Klimatrends.

Anmerkung: In einer früheren Version des Texts stand, 2019 sei das zweitwärmste Jahr nach 2014 gewesen. Richtig ist, dass 2018 das wärmste Jahr war, 2019 rangierte bei den Temperaturen gemeinsam mit 2014 dahinter. Wir haben den Fehler korrigiert.

koe
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