Sturmflut-Gefahr "Die Gischt muss hochspritzen"

Die Deiche an deutschen Küsten und Flüssen wiegen Anwohner in trügerischer Sicherheit. Der Anstieg des Meeresspiegels, so warnen Experten, erhöht zusammen mit der Landabsenkung und einer verfehlten Schifffahrtspolitik die Gefahr von Katastrophen in den kommenden Jahrzehnten.

Von Jochen Bölsche


Sturm an der Küste Helgolands: Deiche sinken, Meeresspiegel steigt
DDP

Sturm an der Küste Helgolands: Deiche sinken, Meeresspiegel steigt

Denis Behnke, seines Zeichens "Visual Effects Supervisor", sieht sich vor einer "besonderen Herausforderung". Mit moderner Simulationssoftware soll er eine Flutwelle auf den Bildschirm zaubern, "die auf ihrem Weg durch die Straßen von Hamburg alles mit sich reißt" - und das, Pixel für Pixel, möglichst naturgetreu: "Die Gischt muss hochspritzen."

Behnke ist einer von weit über tausend Akteuren, von denen der Privatsender RTL derzeit das "aufwendigste TV-Event aller Zeiten" produzieren lässt. In dem acht Millionen Euro teuren Zweiteiler "Die Sturmflut" sind selbst die Nebenrollen mit Prominenten besetzt. Stars wie Götz George und Heiner Lauterbach, Gaby Dohm und Hannelore Elsner spielen vor der weitgehend elektronisch simulierten Kulisse der größten Naturkatastrophe im Nachkriegsdeutschland: des gurgelnden Infernos, bei dem im Februar 1962 in Hamburg 315 Menschen ertranken oder erfroren und 15.000 ihr Zuhause verloren.

Echte Autos in virtuellen Wassermassen

Während die Darsteller, von Wasserkanonen durchnässt und von Windmaschinen zerzaust, "die Härte der Dreharbeiten" (Schauspieler Benno Fürmann) beklagen, sitzen die Computerkünstler zwar im Trockenen, aber vor höchst kniffligen Aufgaben. Eine Stuttgarter Firma namens Unexpected arbeitet an der elektronischen Visualisierung von überschwemmten Landschaften. Und das Münchner Unternehmen CA Scanline ist monatelang mit der Interaktion zwischen virtuellen Wassermassen und realen Personen oder Fahrzeugen beschäftigt. Eines der größten Probleme dabei, so Supervisor Behnke: "Es werden echte und computergenerierte Autos in derselben Szene zu sehen sein."

Gänzlich andere Sorgen plagen eine Gruppe deutscher Experten, die ebenfalls an Computern sitzen und sich dem Phänomen Sturmflut widmen. Ihre Arbeit allerdings wird vom Publikum sehr viel weniger aufmerksam verfolgt als die Produktion des RTL-Wassertheaters, die immer wieder von spektakulären PR- und Presseterminen begleitet wird.

Hinterm Deich sinkt das Schutzniveau

Sturmflut in Hamburg 1962: Schlimmste Naturkatastrophe der deutschen Nachkriegsgeschichte
AP

Sturmflut in Hamburg 1962: Schlimmste Naturkatastrophe der deutschen Nachkriegsgeschichte

Eine zunehmende Zahl von Klimaforschern und Küstenschützern warnt vor wachsenden Gefahren, die den Anrainern der deutschen Wasserkante fast ein halbes Jahrhundert nach der großen Hamburger Sturmflut drohen. Denn obwohl seither die Deiche erhöht worden sind, wird es sich an Deutschlands Küsten in den kommenden Jahrzehnten stellenweise keineswegs sicherer leben lassen als im Katastrophenjahr 1962. "Delikat" nennt die "Frankfurter Allgemeine" den Inhalt eines soeben im Heidelberger Springer-Verlag erschienenen 80-Euro-Wälzers mit dem Titel "Klimawandel und Küste".

Für dieses Werk haben die Wissenschaftler Bastian Schuchardt, Michael Schirmer und 20 Mitautoren Zahlen recherchiert, deren Bekanntwerden in manchen Regionen den Wert von Immobilien, so die "FAZ", abstürzen lassen könnte. Die Forscher haben das Schutzniveau der Deiche in verschiedenen Abschnitten der Nordseeküste verglichen - und sind zu verblüffenden Erkenntnissen gekommen.

"Jahrtausendflut" - in welchem Jahr?

Mustergültig erscheinen die besonders dicht besiedelten Niederlande, die Wiege des Wasserbaus. Dort, wo 1953 bei einer gewaltigen Sturmflut rund 1800 Menschen umkamen, ist der Küstenschutz heute so üppig bemessen, dass er sogar Ereignissen standhält, wie sie sich rechnerisch nur alle 4000 bis 10.000 Jahre ereignen. Deutsche Deiche hingegen sind für eine "Wiederkehrhäufigkeit" extremer Zustände von lediglich 3000 Jahren (rechts der Weser) beziehungsweise 1000 Jahren (links der Weser) ausgelegt. Selbst solche Zahlen wirken auf Laien beruhigend. Doch Mathematiker wissen, dass das Eintreten einer so genannten Jahrtausendflut im ersten Jahr des Jahrtausends genauso wahrscheinlich ist wie im letzten Jahr.

Angst vor dem Bruch: Feuerwehrleute kontrollieren Elbdeich bei Neu Garge während der Jahrhundertflut von 2002
DPA

Angst vor dem Bruch: Feuerwehrleute kontrollieren Elbdeich bei Neu Garge während der Jahrhundertflut von 2002

Politischen Sprengstoff birgt eine andere Berechnung der Autoren. Das ohnehin vergleichsweise niedrige Schutzniveau der deutschen Deiche wird sich demnach bis zum Jahr 2050 unweigerlich weiter verringern, und zwar um den Faktor 5 bis 10. Der Küstenschutz links der Weser etwa würde bereits bei Extremsituationen versagen, wie sie statistisch alle 130 Jahre eintreten.

Dass die Schutzwirkung der deutschen Deiche derart rasch zerbröselt, begründen die Wissenschaftler mit zwei parallel ablaufenden Prozessen. Bis zur Jahrhundertmitte werde der Boden der Wesermündung um 15 Zentimeter absacken - eine unabwendbare, auf tektonischen Ursachen beruhende "säkulare Senkung". Zugleich werde der Meeresspiegel der Nordsee infolge des vom Menschen verursachten globalen Klimawandels zugleich um 40 Zentimeter steigen.

Das Zusammenspiel beider Trends werde zudem bewirken, dass der Reibungsverlust abnimmt, der beim Heranrollen der Wellen an die Küsten entsteht. Dieser Effekt entspreche einer Reduzierung der Schutzwirkung um weitere 15 Zentimeter Deichhöhe. Die Dämme müssten also - summa summarum - um 70 Zentimeter erhöht werden, wenn auch nur das jetzige Schutzniveau gehalten werden solle.

"Sämtliche Deiche erhöhen"

Wissenschaftler Schirmer, im Hauptberuf an der Uni Bremen für das Forschungsministerium in Berlin und im Ehrenamt als Deichhauptmann in Bremen tätig, sieht in der absehbaren Entwicklung ein "nicht mehr akzeptables Risiko" und plädiert folglich für eine Verbesserung nicht nur des Klimaschutzes, sondern auch des Küstenschutzes: "Angesichts dieses Szenarios müssten sämtliche Deiche an Nord- und Ostsee erhöht werden."

Bereits im 20. Jahrhundert ist der Meeresspiegel um etwa 20 Zentimeter gestiegen. Dass sich dieser Trend noch verstärken wird, steht außer Frage. Der globale Klimawandel, der die Meere erwärmt und die Gletscher abschmelzen lässt, sei "nur noch eine Frage des Ausmaßes", resümierte unlängst eine der Koryphäen auf diesem Gebiet, der Kieler Professor Mojib Latif, bei einem Küstenschutz-Symposium in Bremen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.