Suche nach Erdbeben-Warnsystem Vollmond. Vollmond. Beben?

Die Katastrophe von Haiti konfrontiert die Wissenschaft mit ihrer vielleicht größten Niederlage: Seit mehr als 100 Jahren bemühen sich Forscher darum, Erdbeben korrekt vorhersagen zu können. Mal werden Tiere beobachtet, mal der Mond - jetzt setzen die Experten auf Tiefbohrungen.
Seismische Analyse des Haiti-Bebens: "Ich habe einen Horror vor Prognosen"

Seismische Analyse des Haiti-Bebens: "Ich habe einen Horror vor Prognosen"

Foto: Damian Dovarganes/ AP

Der Köter hätte den Forschern eine Warnung sein sollen. Am 18. November 1911 druckte die Wiener Tageszeitung "Neue Freie Presse" einen Artikel des Ingenieurs Arthur Schütz, in dem er einen Durchbruch in der Erdbeben-Vorhersage verkündete: Sein im Labor schlafender Grubenhund zeige eine halbe Stunde vor einem Erdbeben "auffällige Zeichen größter Unruhe". Technische Begriffe wie "Varietät der Spannung", "Zentrifugalregulator" und "Keilnut" verliehen dem Text Glaubwürdigkeit. Doch Schütz hatte die Öffentlichkeit hereingelegt, wie er am folgenden Tag schelmisch zugab.

Die Pioniere der Erdbebenkunde ließen sich davon aber nicht beeindrucken. Sie hatten fünf Jahre zuvor ihre Mission begonnen. Im Morgengrauen des 18. April 1906 war der San-Andreas-Graben in Kalifornien mit einem Schlag aufgerissen. Bei dem Beben starben in San Francisco mindestens 3000 Menschen; Hunderttausende wurden obdachlos. Die Katastrophe war die Geburtsstunde der modernen Seismologie. Geoforscher haben es sich nach dem Trauma zur Aufgabe gemacht, Signale zu erkunden, um vor Erdstößen warnen zu können.

Kurz darauf gab es bedeutende Fortschritte zu bejubeln: 1910 erkannte der Geologe Harry Reid, dass Erdbeben in Rhythmen auftreten, er vermutete, dass sich in der Erdkruste Spannungen aufbauen, die sich schließlich bei einem Beben entladen. Je länger die Ruhephasen, desto stärker die Erdstöße. Nach dieser wesentlichen Erkenntnis schien eigentlich nur noch die Frage geklärt werden zu müssen, wie sich große Spannung messen ließ.

Die Theorie der Plattentektonik beflügelte die Fachwelt

1934 schien die Antwort ganz nah, die Seismologen feierten ihren ersten Helden: Der 31-jährige Geophysiker Reuben Greenspan glaubte, er habe anhand des Standes von Mond und Sonne mehrere Beben vorhergesagt, darunter ein Beben in Indien mit 56.000 Toten. "Die Opfer tun mir natürlich Leid", sagte seine Frau Miriam. "Wenn die Leute doch nur auf meinen Reuben hören würden!" Doch Vollmond um Vollmond verging, ohne dass sich weitere starke Beben ereigneten, und um die gefeierte Theorie von Reuben Greenspan wurde es still - wie um die gesamte Erdbebenvorhersage.

Erst in den sechziger Jahren schöpften die Forscher neue Hoffnung. Die Theorie der Plattentektonik beflügelte die Fachwelt. Ein geschlossenes Mosaik von Gesteinsblöcken ruckelt demnach über die Erdoberfläche, an den Grenzen der Platten bauen sich Spannungen auf. Endlich gab es eine schlüssige Erklärung für Erdbeben, in der Forschergemeinde herrschte Euphorie.

1971 riefen sowjetische Forscher auf einer internationalen Tagung in Moskau ihren Kollegen zu, sie hätten das Ziel erreicht; sie wüssten, welche Signale Beben ankündigten. Ihre These: Vor einem Erdstoß verändern sich die Geschwindigkeiten von Schwingungen in der Erde auf charakteristische Weise. Tagungsteilnehmer aus den USA überprüften die Angaben, bestätigten sie - und lieferten die Ursache der Signale nach: Vor einem Beben öffnen sich kleine Risse im Gestein, auch der elektrische Widerstand verändert sich - damit glaubten auch die Amerikaner ein Warnsignal entdeckt zu haben.

"Ich konnte die Wellen spüren, und sie machten mich glücklich!"

Nun häuften sich die Erfolgsmeldungen, vor allem vom San-Andreas-Graben. "Ich konnte die Wellen spüren, und sie machten mich glücklich!", jubilierte ein Seismologe nachdem seine Beben-Prognose angeblich eingetroffen war. Am 27. November 1974 wurden Hunderte Geoforscher auf einer Tagung im "California's Pick and Hammer Club" Zeuge "wie Geschichte geschrieben wird", berichtete das Magazin "Time". Der Seismologe Malcolm Johnston prophezeite anhand seiner Daten vom San-Andreas-Graben ein heftiges Beben für die Gegend um Hollister, "vielleicht schon morgen". Tatsächlich bebte es dort am folgenden Nachmittag mit der Stärke 5,2.

Am fortschrittlichsten waren die Chinesen, wie eine Forscherdelegation aus den USA im Oktober 1974 staunend feststellte. Am 4. Februar 1975 schien sich diese Einschätzung auf dramatische Weise zu bestätigen, als ein gewaltiges Beben die Stadt Haicheng erschütterte. Hunderttausende waren tags zuvor evakuiert worden, was ihnen das Leben gerettet hatte. Ein grandioser Triumph der Seismologie.

"Erdbebenvorhersage ist jetzt eine Tatsache", resümierte die US-Wissenschaftsbehörde, die National Academy of Science. Die Prognoseforschung genieße jetzt "höchste Priorität". Eine gewaltige Fördergeld-Schwemme führte dazu, dass "alles gemessen wurde, was uns einfiel, von Kakerlaken bis zu Hormonen", erinnert sich ein Forscher. Schon wurde intensiv der nächste technologische Schritt diskutiert: Die Verhinderung von Erbeben mittels Bohrungen und Wasser.

"Ich habe einen Horror vor Prognosen"

Doch die Freude verging bald. Von den Wissenschaftlern wurden nun dramatische Entscheidungen erwartet: Soll eine Stadt aufgrund vermeintlicher Warnsignale evakuiert werden? Angesichts solcher Konsequenzen erschienen die Alarmzeichen nun nicht mehr so eindeutig. Bei genauem Hinsehen erwiesen sich vorige Prognoseerfolge als zufällig; der Rausch war verflogen.

Auch der Triumph von Haicheng blieb ein Einzelfall. 2006 enthüllten historische Dokumente die Gründe für den Erfolg: Immer stärker werdende Vorbeben hatten die Behörden zur Räumung der Stadt veranlasst. Doch diese Signale sind selten, wie auch die Chinesen leidvoll erkennen mussten. Nur ein Jahr später kamen bei einem Beben im chinesischen Tangshan eine halbe Million Menschen ums Leben. Es hatte keine Warnung gegeben. Wissenschaftler forderten nun, keine Vorhersagen mehr zu veröffentlichen. Der Seismologe Charles Richter - der Erfinder der berühmten Erdbebenskala - bekannte: "Ich habe einen Horror vor Prognosen." Das "P-Wort" galt in der westlichen Fachwelt plötzlich als Tabu.

Doch es war zu spät, den Trend zu stoppen. In Peru warnte ein Geologe vor einem vernichtenden Schlag in der Hauptstadt Lima um den 28. Juni 1981 herum. Um zu demonstrieren, dass keine Gefahr bestand, reisten Seismologen aus den USA eigens nach Lima. Beim Abendessen in der US-Botschaft wunderten sie sich allerdings, dass der Botschafter und seine Frau die Thunfisch-Schnitten selbst schmierten und servierten. Das Küchenpersonal war mit ihren Familien aus Lima geflohen. Das Beben blieb aus.

Präzise Vorhersagen seien prinzipiell unmöglich, hieß es 1997

In den folgenden Jahren halfen Satelliten, eine Vielzahl von Signalen zu entdecken, die Erdbeben vorausgegangen waren. Ein ominöses Leuchten der Luft etwa, die Dehnung der Erdkruste, Gasemissionen, die elektrische Spannung des Untergrunds oder Veränderungen des Grundwasserspiegels. Doch selbst grobe Prognosen misslangen: Für das kalifornische Dorf Parkfield wurde ein Erdbeben 1988 und 1992 vorhergesagt - es ereignete sich 2004.

Die frustrierten Seismologen setzten nun vermehrt auf Statistik, sie vermuteten: Die Verteilung schwacher Beben könnte Starkbeben ankündigen. Doch eines der heftigsten Beben in den USA der vergangenen Jahre ereignete sich 1994 in einer Region, die als weniger gefährdet galt. Ob das Beben denn vorhergesagt worden sei, wurde eine Seismologin der US-Geologiebehörde gefragt: "Noch nicht", antwortete sie lakonisch.

1997 erklärte der Geophysiker Robert Geller von der Universität Tokio die Debatte für tot: Präzise Vorhersagen seien prinzipiell unmöglich. Es hänge vom Zufall ab, wie viel Gestein sich in Bewegung setze. Die Stimmung unter den Forschern war vergiftet. Jeder Vorstoß einer neuen Theorie wurde sogleich abgekanzelt.

"Die Erwähnung von Tieren macht mich zum Tier!"

Doch weiterhin starteten viele junge Seismologen ihre Karriere mit großen Hoffnungen. Noch immer gilt die Frage der Bebenvorwarnung als bedeutendste der Geoforschung.

Angesichts der großen Gefahr durch die Naturgewalt, hat die US-Regierung dem Fachgebiet einen teuren neuen Anlauf genehmigt: In Parkfield, auf halbem Wege zwischen Los Angeles und San Francisco, stößt derzeit ein Bohrer in einen Erdbebenherd des San-Andreas-Grabens vor. Auch vor der Küste Japans fressen sich von einem neuen Forschungsschiff aus Bohrer in die Nahtzone zweier Erdplatten. In unterirdischen Langzeitlabors hoffen die Seismologen, doch noch Warnsignale für Erdbeben zu entdecken.

Derweil machen vor allem Amateure mit Bebenprognosen von sich reden. Nach nahezu jedem großen Beben berichten sie von Tieren, die vor dem Ereignis unruhig geworden seien. Von jenen Tieren, die nichts gemerkt hatten, wird freilich nicht erzählt.

"Die Erwähnung von Tieren macht mich zum Tier!", schimpft der renommierte Seismologe Max Wyss von der ETH Zürich. "Das ist Nonsens." Die Mahnung des Grubenhundes bleibt unvergessen.

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