Erfolglose Expedition Kein Hörnchen. Nirgends.

Bis zu 80 Meter weit können Europäische Gleithörnchen zwischen Bäumen hin- und hersegeln. Die größte Population des Kontinents lebt in einem finnischen Nationalpark. Doch wer sich nach ihnen auf die Suche macht, erfährt schnell: Die kleinen Flieger machen sich rar. Sehr rar.

Corbis

Von und Hannes Leonard, Espoo, Finnland


"Natürlich weiß ich, was Gleithörnchen sind." Kollegin H. ist beinahe empört, als sie beim Mittagessen von unserem Plan für das Wochenende hört. "Ich arbeite doch im Internet, da kriege ich ständig Videos von lustigen Tieren geschickt." Und in der Tat: Kaum ein Tag, an dem einen Freunde und Kollegen nicht mit Links versorgen, zu ängstlichen Baby-Faultieren, kämpfenden Insekten oder wandlungsfähigen Eulen. Hätte man sich ja denken können, dass H. unter diesen Umständen auch schon einmal segelnde Nager untergekommen sind. Die Frau kennt einfach alles.

Wie sie sind viele Büromenschen zu Zoologen der besonderen Art geworden. Durch den regelmäßigen Blick in den Eingangsordner des Mailprogramms ist man auf Du-und-Du mit den Skurrilitäten des Tierreichs. Alles hat man schon mal gesehen: all die Makis mit dem Monsterblick, all die possierlichen Pinguine und all die piepsenden Pandas.

Doch wir wollen mehr, wenigstens dieses eine Mal. Wir wollen das Gleithörnchen bei sich zu Hause besuchen. Ganz in echt sollen die Tiere an uns vorbeisausen, nicht nur auf YouTube. Bis zu 80 Meter weit können die grauen Nager durch die Luft segeln. Eine Flughaut zwischen Handwurzel und Fußgelenk macht es möglich. Der buschige Schwanz und die Beine helfen beim Steuern.

Also auf nach Finnland! Dort findet sich im Nuuksio-Nationalpark, nordwestlich von Helsinki, die größte Gleithörnchen-Population Europas zwischen steilen Felsen, Mooren und Seen. Zwei Stunden Flug von Berlin, dann schnurrt unser kleiner Mietwagen die Autobahn entlang. Es folgt eine Landstraße, später eine Schotterpiste. Und irgendwann sind wir angekommen, parken an der Haukkalampi-Hütte an einem kleinen See.

Der Start ist vielversprechend: Informationstafeln zum Flughörnchen sind hier aufgestellt. Allerdings in Finnisch - die lesen wir dann also mal nicht. Die Tiere sind auch die Maskottchen des Parks und auf zahlreichen Wegweisern zu finden. Wahrscheinlich dauert es nur Minuten bis zur ersten Sichtung! Aber von wegen, die Realität hat mit den Youtube-Videos eben nicht viel gemein.

Mücken freuen sich über Gleithörnchensucher

Auf einem Rundkurs geht es zunächst bergauf durch einen schönen Mischwald. Rechterhand taucht bald eine Felsformation auf, die aussieht wie ein versteinerter Wasserfall unter dickem Moos. Still ist es hier, zwischen den monumentalen Bäumen hört man nichts als deren Rauschen - und ab und zu eine Mücke. Von denen gibt es hier so einige. Und die Insekten freuen sich augenscheinlich über neue Gleithörnchensucher.

Die Gleithörnchen selbst machen sich dagegen rar. Sie mögen zum Beispiel Espen und Birken, wo sie am liebsten in alten Spechtlöchern wohnen. Das haben wir vor der Abfahrt noch auf der Webseite des Nationalparks nachgelesen. Doch sogar bei intensiver Beobachtung ist nichts von ihnen zu sehen. Kein Hörnchen. Nirgends.

Zur Not könne man sich auf die Suche nach den jeweils reiskorngroßen Hinterlassenschaften der Tiere machen, hatte es auf der Webseite geheißen. Das sollte einen auf die Spur der Hörnchen bringen. Dabei gibt es einen feinen Unterschied zu beachten - denn je nach Jahreszeit sind die Exkremente unterschiedlich gefärbt: gelb im Winter und Frühjahr, dank Blütenpollen, und dunkelbraun bis schwarz im Sommer, wenn Blätter auf dem Speiseplan der Nager stehen.

Doch unter den Bäumen von Nuuksio lässt sich nichts finden, auf das die Beschreibung passt. Gras wächst hier und Moos - und kleine, leuchtend rote Pilze auf umgestürzten Bäumen. Doch Gleithörnchenkacke? Fehlanzeige! Irgendwann beginnt es zu regnen und lange dauert es nicht, bis die Kleidung am Körper klebt. Frustriert kehren wir zur Haukkalampi-Hütte zurück. Von dort nehmen wir wieder Kurs auf Helsinki.

Von einer freundlichen Nationalpark-Mitarbeiterin erfahren wir später, dass wir zur falschen Tageszeit nach den scheuen Nagern gesucht haben. "Wenn man einmal das Habitat gefunden hat, dann sollte man nachts nach den Gleithörnchen Ausschau halten", sagt Ulpu Mankinen von der Nationalparkverwaltung. "Nach Einbruch der Dämmerung sind sie am aktivsten." Hätten wir natürlich auch vorher nachlesen können.

Im Sommer wagt sich wohl dann und wann auch einmal eine junge Mutter während des Tages hinaus, um Futter zu suchen. Doch dafür muss man noch größeres Glück haben. Und wir schlecht vorbereiteten Möchtegern-Entdecker hatten es diesmal eben nicht.

Und so macht der Ausflug in den hohen Norden nicht zuletzt eines klar: Die echte Natur entzieht sich - zum Glück - der scheinbar ständigen Beobachtbarkeit. Auch wenn Youtube und co. uns anderes suggerieren. Die Verfügbarkeit der Bilder täuscht außerdem darüber hinweg, dass Arten wie das Gleithörnchen in Europa in ihrer Existenz bedroht sind. "Die Zahl der Gleithörnchen ist stark zurückgegangen, weil die meisten ihrer Habitate durch die Forstwirtschaft und Holzeinschlag verloren gegangen sind", sagt Ulpu Mankinen.

Im Nuuksio-Nationalpark gibt es gerade noch 300 bis 400 Tiere - wen wundert es da, dass sie so schwer zu finden sind. Auf dem Rückweg springt übrigens irgendwann ein Nager vor dem Auto über die Straße. In sicherem Abstand. Ob es ein Gleithörnchen war? Wer weiß. Am besten schnell bei YouTube nachsehen!

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

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