Satellitenbild der Woche Die Monsterwelle von Nazaré

Ein junger Portugiese soll die größte bekannte Welle der Welt gesurft sein. Satellitenaufnahmen zeigen, dass an jenem Tag tatsächlich außergewöhnliche Bedingungen herrschten.
Satellitenbild vom 29. Oktober 2020: Sedimente und Weißwasser

Satellitenbild vom 29. Oktober 2020: Sedimente und Weißwasser

Foto: NASA Earth Observatory

Es war ein außergewöhnlicher Tag, das erkannte António Laureano sofort, als er morgens auf das Meer vor Nazaré schaute. Die Wellen vor dem kleinen, roten Leuchtturm, der die Festung São Miguel Acanjo über den Klippen ziert, waren an diesem Tag besonders hoch und brachen besonders weit vor der Küste, erzählt er.

Laureano, der seit dem Kleinkindalter auf dem Surfboard steht, schnappte sich sein Brett und ließ sich mit dem Jetski auf den Atlantik ziehen. Er sei zuversichtlich gewesen, habe aber gleichzeitig auch ein wenig Angst gehabt, als er die Riesenwellen gesehen habe, die an diesem Tag Richtung Praia do Norte rollten, sagte der Portugiese  später über den Augenblick des Ruhms. Bei der letzten Welle seiner Surfsession habe er sofort die außergewöhnlich hohe Geschwindigkeit gespürt, mit der er den Riesenbrecher hinabgeglitten sei. Die Zuschauer am Leuchtturm schrien, sie sahen eine winzige Figur vor einer riesigen Wand aus Wasser. Hätte ihn seine Mutter dabei beobachtet, hätte sie vermutlich einen Herzanfall bekommen, erzählt der damals gerade mal 18 Jahre alte Surfer.

Der französische Surfer Eric Rebiere surft eine Welle in Nazaré

Der französische Surfer Eric Rebiere surft eine Welle in Nazaré

Foto: Carlos Costa / AFP

Im Gegensatz zu Helden des Big Wave Surfings wie den Amerikanern Laird Hamilton oder Garrett McNamara, der das Städtchen Nazaré erst vor einigen Jahren auf die globale Weltkarte des Surfens setzte, ist Laureano von eher schmächtiger Statur. Dass er nun zusammen mit den großen seines Sports genannt wird, liegt maßgeblich an jenem 29. Oktober 2020. Sollte sich die Höhe der Monsterwelle von mehr als 101 Fuß, rund 31 Metern, bestätigen, wäre das ein neuer Rekord, der die 80-Fuß-Welle (mehr als 24 Meter) des Brasilianers Rodrigo Koxa von 2017 noch übertreffen würde. Auch dessen große Welle rollte in Nazaré an Land.

Schon an einem durchschnittlichen Tag der Saison erreichen die Nazaré-Wellen vor dem Nordstrand durchschnittlich 15 Meter. An einem wirklich guten türmen sich die Wassermassen mehr als 20 Meter hoch auf. Der Ort zwischen Lissabon und Porto gilt inzwischen als Mekka für Fans besonders gigantischer Wellen und übertrifft zumindest nach der Menge der aufgestellten Rekorde legendäre Spots wie Mavericks in Kalifornien, Jaws auf Maui oder Teahupoo vor Tahiti. Aber stieg das Wasser Ende Oktober 2020 wirklich so hoch, wie es António Laureano sagt?

Satellitenbild von Nazaré vom 29. Oktober 2020 (l.) und vom 5. Februar 2022: Schäumende See und aufgewühlte Sedimente
Satellitenbild von Nazaré vom 29. Oktober 2020 (l.) und vom 5. Februar 2022: Schäumende See und aufgewühlte Sedimente

Satellitenbild von Nazaré vom 29. Oktober 2020 (l.) und vom 5. Februar 2022: Schäumende See und aufgewühlte Sedimente

Foto: NASA Earth Observatory / NASA Earth Observatory

Das Messen von Wellenhöhen bei vermeintlichen Surfrekorden ist eine komplizierte Angelegenheit. Die World Surf League, die die Höhe der Monsterbrecher aufgrund von Videos und Fotos prüft und vor einem Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde offiziell anerkennen muss, hat dazu ein 17-seitiges Dokument  herausgegeben. Noch steht Koxas ganz oben in der Liste der größten gemessenen Wellenritte.

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Doch der Frage, ob die Bedingungen an jenem 29. Oktober wirklich so gut waren, kann man sich auch anders annähern: mithilfe von Satellitenbildern. Die zwei Aufnahmen, beide stammen vom Erdbeobachtungssatellit »Landsat 8« der Nasa, offenbaren deutliche Unterschiede im Wasser vor der Küste. Das linke Bild stammt vom vermeintlichen Rekordtag, das rechte zeigt einen eher ruhigen Tag Anfang Februar dieses Jahr. Auf beiden Bildern ist das schäumende Weißwasser entlang der Küste zu sehen, es entsteht, wenn die Wellen brechen und am Strand ausrollen. Der Vergleich der Bilder zeigt, dass es im Oktober 2020 viel wilder im Küstengewässer zuging. Auch auf dem Meer sind teils weiße Schaumränder zu sehen. Laut dem Ozeanografen José da Silva von der Universität Porto treten sie auf, wenn zwei unterschiedliche Strömungen an der Meeresoberfläche aufeinandertreffen. An den Rändern dieser Zonen wirbelt das Wasser auf, während ein Teil nach unten gedrückt wird.

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Laut den Daten betrug die Wellenhöhe an Laureanos großem Tag schon draußen auf dem Meer mehr als sechs Meter – also in der Phase, bevor sie sich in Küstennähe auftürmen und brechen und für Surfer erst interessant werden. Der zeitliche Abstand der einzelnen Wellen wird mit rund 17 Sekunden angegeben. Im Februar betrug die Wellenhöhe vor der Küste dagegen nur etwa zwei Meter bei einer Wellenperiode von elf Sekunden. Das alles liefert noch keine genauen Hinweise auf die Höhe der Welle, die Laureano hinabsurfte. Aber es bestätigt, dass damals einiges in Bewegung war im Meer.

Auch die Wetterlage spricht für sehr hohe Wellen: Im Oktober tobte Hurrikan Epsilon über den Atlantik. Die Ausläufer des Kategorie-3-Sturms sowie eines Tiefdruckgebiets bei Grönland kamen wohl auch an der Westküste Portugals an und brachten hohe Dünung mit sich. Generell begünstigen aber vor allem die speziellen topografischen Formationen des Meeresbodens vor Nazaré die Entstehung der großen Wellen. Eine mehr als 200 Kilometer lange und bis zu 5000 Meter tiefe unterseeische Schlucht reicht fast direkt bis an die Küste.

Diese Formation, in der der Meeresgrund auf relativ wenig Fläche rasch ansteigt, bündelt die Strömung wie ein Kanal. Das Wasser nimmt in der Höhe zu, die Wellenlänge nimmt dagegen ab. Zudem trifft auf diese Wasserbewegungen noch eine zweite Strömung aus einer anderen Richtung. Wenn sie sich überlagern, erhöht das bei perfekten Bedingungen die Kraft des Wassers noch einmal und lässt die Wellen noch größer werden.

Bei seinem Rekordnachweis will sich Laureano aber nicht nur auf Indizien verlassen. Er hat mit Wissenschaftlern der Universität Lissabon zusammen gearbeitet, die seine Welle vermessen haben und auf die Höhe von 31 Metern kamen. Dafür verwendeten die Forscher um Miguel Moreira eine Software, die sich an der Größe des Surfers als Maßstabsreferenz orientiert und den höchsten sowie den niedrigsten Punkt der Welle definiert. Allerdings ist das nicht leicht, denn Wellen unterliegen dynamischen Bewegungen, deshalb verändert sich Größe und Winkel der Wasserwand ständig. Doch die Forscher sind sich sicher, dass sie noch nie eine größere Welle vermessen haben, berichten sie in »Surfing Today« .

joe