Tansania Forscher finden Katzen-Krokodil aus der Urzeit

Es war nur katzengroß, lebte an Land und konnte kauen: Wissenschaftler haben in Tansania Überreste eines Urzeit-Krokodils entdeckt, das verblüffende Ähnlichkeiten mit Säugetieren hatte. Nun spekulieren die Forscher, was sich noch alles im afrikanischen Boden verbirgt.

AFP / National Science Foundation / John Sattle

Krokodile gehören neben Schildkröten zu den einzigen Tieren, deren Vorfahren bereits Seite an Seite mit den Dinosauriern lebten. Vor rund 100 Millionen Jahren lauerten sie neben den Giganten auf Nahrung, schnappten mal nach einem Urzeitfisch, mal nach einer kleinen Echse. Heute bevölkern Krokodile Flüsse und Seen in den Tropen und Subtropen. Im Schutz der Nacht gehen sie auf Jagd; warten darauf, dass ein argloses Beutetier vorbeischwimmt, um blitzschnell zuzuschlagen.

Kaum geschnappt, schlingen die Reptilien ihre Opfer in großen Stücke herunter - zum Kauen verwenden sie keine Energie. Dies scheint bei einem Urzeit-Krokodil anders gewesen zu sein, hat ein internationales Forscherteam herausgefunden. Bereits 2008 entdeckten die Wissenschaftler ein komplettes Fossil des Reptils an einem Flussufer im Ostafrikanischen Graben. Mittlerweile wurden im Süden Tansanias sieben Individuen der Spezies ausgegraben. Zwei Jahre lang analysierten die Forscher um Patrick O'Connor von der Ohio University die Überreste, jetzt berichten sie im Fachmagazin "Nature" über ihre Ergebnisse.

Das auf dem Namen Pakasuchus kapilimai getaufte Tier lebte vor rund 105 Millionen Jahren in der Kreidezeit. Große Flüsse durchzogen die Landschaft, immer wieder wurden Flächen überflutet, auf denen sich eine vielfältige Tierwelt entwickelte. Pflanzenfressende Sauropoden und kleinere Raubdinosaurier streiften durch die Gegend, in den Gewässern tummelten sich verschiedenste Fischarten. In dieser Umgebung besetzte das Urzeit-Krokodil eine Nische, die sonst vor allem kleine Säugetiere einnehmen: Überwiegend an Land verbrachte es sein Leben mit der Jagd auf Insekten und andere kleine Tiere.

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Sensationsfund: Kauendes Mini-Krokodil aus der Kreidezeit
"Auf den ersten Blick scheint es so, als hätte das Krokodil sehr angestrengt versucht, ein Säugetier zu sein", sagt der Erstautor O'Connor. Zwar zeigt eine Vielzahl an Eigenschaften eindeutig, dass es zu den Krokodilen gehört. Gleichzeitig verfügt das Urzeit-Reptil jedoch über diverse Säugetier-Merkmale.

So war es abgesehen von seinem langen Schwanz weniger gepanzert als andere Krokodile. Vor allem an den Seiten des Körpers zeigten sich Lücken zwischen den Knochenplatten, die das Reptil gemeinsam mit seinen grazilen Beinen zu einem wendigen Jäger machten. Dieser Tatsache und seiner Größe - der Kopf des Urzeit-Krokodils würde in eine Handfläche passen - verdankt Pakasuchus seinen Namen: "Paka" bedeutet auf Swahili (eine Bantusprache) Katze. Am meisten überrascht waren die Forscher jedoch, als sie dem Urzeit-Krokodil ins Maul schauten.

"Wer sich nur die Zähne ansieht, wird sich fragen, was für einen starken Säuger oder was für ein säugetierähnliches Reptil er vor sich hat", sagt O'Connor. Röntgenuntersuchungen des Kiefers von Pakasuchus haben ergeben, dass das Tier weniger Zähne besaß als andere Vertreter der Krokodilsfamilie. Gleichzeitig hatte es Backenzähne ausgebildet, die aufeinander aufsaßen und offensichtlich dem Zermalmen von Nahrung dienten - zwei Merkmale, die sich auch bei der Entwicklung von Säugetieren aus ihren Vorfahren ausbildeten.

Mit seinen Eigenheiten ist Pakasuchus nicht der einzige Sonderling unter den Krokodilen. Anhand von 236 Merkmalen steckten die Forscher das Tier in die Gruppe der Notosuchian, einer ausgestorbenen Krokodilsgattung mit ungewöhnlichen, säugetierähnlichen Merkmalen. Die Tiere bevölkerten vor rund 110 bis 80 Millionen Jahren den Riesenkontinent Gondwana und seine Bruchstücke.

Der neue Fund unterstützt die These, dass Krokodilarten einst viel vielfältiger waren als heute. Wahrscheinlich beherrschten die Reptilien in der Kreidezeit die Südhalbkugel, während sich die Säugetiere auf der Nordhalbkugel ausbreiteten. Um die Zusammenhänge noch besser zu verstehen, werden die Wissenschaftler weitergraben. "Man weiß bisher verhältnismäßig wenig über die frühe Tierwelt auf der Südhalbkugel", sagt O'Connor. Wer weiß, was für Sensationsfunde die Paläontologen noch erwarten.

irb



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