SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. Mai 2019, 19:28 Uhr

Welterbe Selous-Reservat

"1500 Quadratkilometer sollen abgeholzt werden - da passen mehrere deutsche Nationalparks rein"

Ein Interview von Winfried Schumacher

Ausgerechnet in einem der größten Wildtierreservate Afrikas wird ein Staudamm gebaut. Was wiegt schwerer, Naturschutz oder Entwicklung? Fragen an den Chef der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schenk, das Selous-Wildreservat in Tansania gilt seit 1982 als Unesco-Welterbe. Was macht es so besonders?

Christof Schenck: Die Größe und Wildnis sind einfach herausragend. Das Reservat ist größer als die Schweiz oder Belgien, es gibt keinen Ackerbau, keine Viehzucht und keine Besiedlung. Solche Refugien sind weltweit sehr selten geworden und besonders wertvoll. Bis 2050 werden in Afrika etwa eine Milliarde mehr Menschen leben als Heute, dadurch gerät der letzte, verbliebene Rest unberührter Natur stärker in Bedrängnis. Hinzu kommen die Bestände von Elefanten und Flusspferden bis zu Afrikanischen Wildhunden, die anderswo stark bedroht sind, hier aber in bedeutender Zahl vorkommen.

SPIEGEL ONLINE: Das Schutzgebiet wird durch den Bau gefährdet. Warum will die Regierung Tansanias ausgerechnet dort einen Staudamm bauen?

Schenck: Tansania braucht Energie, um die schnell wachsende Bevölkerung zu versorgen. Der Rufiji im Osten des Landes ist einer der größten Ströme Afrikas. Er fließt durch eine enge Schlucht, also braucht es für ein Wasserkraftwerk am Oberlauf nur einen Damm und Turbinen - rein technisch betrachtet sieht das ideal aus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Größe wird der Damm haben?

Schenck: Er soll etwa 130 Meter hoch werden und die Turbinen eine Leistung von 2,1 Gigawatt Strom erzeugen. Es wäre das viertgrößte Kraftwerk des Kontinents. Das ist für Tansania ein Projekt von beträchtlicher Größe und die Regierung erhofft sich damit einen entscheidenden Beitrag, um das Land dauerhaft mit Energie zu versorgen.

SPIEGEL ONLINE: Und ist die Hoffnung berechtigt?

Schenck: Auch aufgrund des Klimawandels schwankt bei vielen afrikanischen Flüssen der Wasserstand stark, dadurch sinkt die mögliche Leistung eines Wasserkraftwerks. Dementsprechend ist es fraglich, welche Leistung letztendlich zu erwarten ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist es sicher, dass das Kraftwerk gebaut wird?

Schenck: Jedenfalls steht die Regierung fest hinter dem Projekt. Es gibt Verträge mit ägyptischen Baufirmen, aber es ist nach wie vor unklar, wie die Finanzierung aussieht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird sich der Damm auf das Ökosystem des Selous auswirken?

Schenck: Er könnte dramatische Folgen haben. Ausgerechnet die Region am Oberlauf des Flusses, wo der Staudamm errichtet werden soll, gilt als besonders artenreich. Das Wasserkraftwerk würde das biologische System des Flusses verändern, bis zu den Mangroven an der Mündung zum Indischen Ozean. Der Stausee würde eine riesige Fläche überfluten. Dafür sollen etwa 1500 Quadratkilometer abgeholzt werden - da passen mehrere deutsche Nationalparks rein. Zudem geht man davon aus, dass über 10.000 Arbeiter im Schutzgebiet leben werden. Die müssen mit Nahrung und Energie versorgt werden - Abfall und Wilderei könnten zum Problem werden.

SPIEGEL ONLINE: Hätte der Damm denn gar nichts Gutes?

Schenck: Grundsätzlich unterstützen wir den Ausbau regenerativer Energie, denn wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wirkt sich das auch massiv auf den Artenschwund aus. Aber in diesem speziellen Fall halten wir die Wasserkraft für sehr problematisch. Tansania hat viele Jahrzehnte lang große Anstrengungen unternommen, eines der größten Schutzgebiete dieser Welt zu schaffen Der Selous wird durch diesen Staudamm deutlich leiden.

SPIEGEL ONLINE: Die tansanische Regierung hat der Unesco zwei Umweltverträglichkeitsgutachten vorgelegt. Darin wird argumentiert, dass das Projekt nur einen kleinen Teil des Reservats betrifft.

Schenck: Das erste Gutachten hat der Unesco nicht ausgereicht. Ich gehe davon aus, dass das zweite bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz der Welterbekonvention im Juni thematisiert wird. Wegen der Elefantenwilderei in Tansania steht der Selous seit 2014 bei der Unesco auf der "Liste des gefährdeten Welterbes" und damals hatten die Arbeiten an dem Staudamm noch nicht einmal begonnen. Ich halte es für möglich, dass die Unesco dem Reservat den Status als Welterbe komplett aberkennt, wenn die Arbeiten am Damm weitergeführt werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Alternativen gibt es für den Damm?

Schenck: Wir würden es begrüßen, wenn Tansania nach Alternativen sucht, um Strom dezentraler zu erzeugen. Beispielsweise mit Solarmodulen. Das klingt teuer, aber das geplante Wasserkraftwerk wird auch keineswegs ein Schnäppchen: Die Regierung geht offiziell von gut drei Milliarden Euro Kosten aus, andere Experten halten bis zu zehn Milliarden für denkbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht man damit um, wenn ein jahrelanger Einsatz für die Natur sprichwörtlich planiert wird?

Schenck: Das ist bitter. Aber das würde uns nie dazu bringen, grundsätzlich aufzugeben. Tansania ist ein Land mit enorm wichtigen Schutzgebieten, mit nationaler aber auch globaler Bedeutung. Da gilt es weiter Unterstützung zu leisten.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung