Tierisches Taktgefühl Seelöwe tanzt zu Backstreet Boys

Können Tiere tanzen? Bisher haben allenfalls einige Papageien vorgeführt, dass sie sich im Takt zur Musik bewegen können. Doch ein Video beweist, dass auch Seelöwen Rhythmusgefühl besitzen. Es könnte im Tierreich viel weiter verbreitet sein als gedacht.

Aus Chicago berichtet


Menschen bewegen sich so selbstverständlich zu Rhythmen, dass sie oft gar nicht bewusst darüber nachdenken. Hört man etwa ein bekanntes Lied, wiegt man sich nahezu automatisch im Takt oder wippt mit dem Fuß. Im Tierreich scheint diese Fähigkeit dagegen wenig verbreitet zu sein, nicht einmal bei unseren engsten Verwandten. Menschenaffen etwa verfügen bestenfalls über ein rudimentäres Taktgefühl - wenn überhaupt.

Vor einigen Jahren galt es bereits als Sensation, dass Papageien offenbar tanzen können: Der Gelbhauben-Kakadu Snowball wurde mit seinen Videos zum YouTube-Star - und verhalf Forschern zu der Erkenntnis, dass intelligente Vögel tatsächlich ein Gefühl für Rhythmen haben. Die Wissenschaftler nahmen daraufhin an, dass die Fähigkeit zur Nachahmung von Lauten wie der menschlichen Sprache eine Voraussetzung fürs Tanzen sein.

Bis das Video von Ronan auftauchte. Kaum erklingt darin "Boogie Wonderland" von Earth, Wind & Fire, schüttelt das Seelöwen-Weibchen seinen Kopf - und zwar präzise im Takt. Selbst bei "Everybody" von den Backstreet Boys klappte das. Man mag sich kaum vorstellen, was geschähe, wenn man der headbangenden Robbe einen Speed-Metal-Song zu Gehör gäbe. Doch die Forscher haben derartiges getestet: "Bei 150 Schlägen pro Minute ist Schluss", schmunzelt Peter Cook von der University of California in Santa Cruz. "Bei allem, was darüber liegt, wird Ronan sauer auf mich."

Nun kann man über Ronans Musikgeschmack streiten, doch das Ergebnis der Experimente hat die bisherigen Annahmen über Taktgefühl bei Tieren auf den Kopf gestellt: Robben können keine menschlichen Laute nachahmen, auch wenn es einige Ausnahmen wie den Seehund Hoover oder einzelne Elefanten und Belugawale zu geben scheint.

Jahrelanges Training

Die Geschichte von Ronan wäre schon ohne ihr Taktgefühl ungewöhnlich. Dreimal strandete das heute fünfjährige Weibchen in Kalifornien, das dritte Mal 2009 auf einem Highway zwischen Los Angeles und San Francisco. Der Verhaltensforscher Cook nahm sich des Tieres an und erkannte es als idealen Probanden für seine Studien über das Rhythmusverhalten von Tieren.

"Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass sie ein außergewöhnlich aufgeweckter Seelöwe ist", sagt Cook. "Einem Säugetier Rhythmus beizubringen schien eine sehr schwierige Aufgabe, aber Ronan war dafür die perfekte Kandidatin." Dennoch dauerte es Jahre, bis sich das Weibchen im Takt bewegen konnte. "Zuerst hat sie nur wild mit ihrem Kopf gewackelt", sagt Cook. Dann habe sie in langen Trainingssitzungen gelernt, sich einem Metronom anzupassen. "Nach einer Weile konnte sie dann den Takt in Musikstücken erkennen - auch bei Songs, die sie vorher nicht kannte."

Das Video vom wippenden Seelöwen begeisterte im vergangenen Jahr Millionen Internetnutzer und verblüffte Experten. Jetzt stellte Cook seine Erkenntnisse gemeinsam mit anderen Forschern beim Jahrestreffen des weltgrößten Wissenschaftsverbands AAAS in Chicago vor.

Noch vor einigen Jahren sprach man Tieren solche Fähigkeiten generell ab. Dann weichten die Videos von Snowball und anderen Vögeln diese vermeintliche Gewissheit auf - und nun ist es erstmals ein Säugetier. Ronans Tanzen zu unterschiedlichen Rhythmen unterscheide sie von Zirkustieren oder auch menschlichen Kleinkindern, meint Edward Large von der University of Connecticut. "Die bewegen sich zwar auch gern zu Musik. Aber sie tun es nicht im Takt."

Peter Gabriel jammt mit Bonobos

Anniruddh Patel von der Tufts University in Medford (US-Bundesstaat Massachusetts), der die Videos von Papagei Snowball analysiert hat, wies darauf hin, dass schon Charles Darwin musikalische Fähigkeiten bei Tieren vermutete und deshalb einem Orang-Utan Lieder auf der Harmonica vorspielte. Experimente mit Teenagern hätten zuletzt ergeben, dass musikalische und sprachliche Fähigkeiten miteinander in Verbindung stehen. Wie entscheidend dieser Zusammenhang ist, können die Forscher allerdings nicht sagen. "Möglicherweise spielt die Sprachfähigkeit eine Rolle, ist aber nur ein Faktor unter vielen", vermutet Cook.

Patricia Gray von der University of North Carolina in Greensboro zeigte sich von Ronans Können nur milde überrascht. Bei ihren Studien mit dem berühmten Bonobo Kanzi habe sie einmal geistesabwesend mit dem Finger an die Glasscheibe zum Gehege getippt. "Plötzlich hat Kanzi dasselbe getan", sagt Gray. Als er einige Zwiebeln als Belohnung bekam, habe der Affe auch mit seinen Füßen im Takt getippt.

Auf die Spitze trieb es der englische Musiker Peter Gabriel. Er hat in Grays Labor mit Kanzi und dessen Schwester Jamming-Sessions veranstaltet - und die beeindruckenden Videos ins Internet gestellt (Video 1 und Video 2). "Es scheint so, als hätten wir Menschen einfach nicht richtig hingeschaut", sagt Cook. "Wir müssen annehmen, dass der neuronale Mechanismus zum Erkennen unterschiedlicher Takte im Tierreich deutlich weiter verbreitet ist, als wir dachten."

Mit Material von dpa



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