Tarnung im Tierreich Pimp my Schneckenhaus

So etwas haben Forscher bisher noch nie gesehen: Eine kleine Schnecke bastelt an ihrem Haus, um für Feinde unsichtbar zu werden. Ein deutscher Biologe hat die faszinierende Tarn-Strategie des Winzlings jetzt erstmals dokumentiert.

Von Jörg Isert


Eigentlich ist Napaeus barquini häuslich bestens versorgt. Und zwar von Kindesschleimen an: Wie bei anderen Gehäuseschneckenarten wird das Haus schon im Ei angelegt, als sogenannte Embryonalschale. Wenn die Schnecke schlüpft, hat sie bereits ein kleines Heim. Doch dem einen Zentimeter langen Winzling, der nur auf der Kanareninsel La Gomera zu finden ist, genügt das nicht: Die Schnecke veredelt ihr Haus - und das auf eine Art und Weise, die Forschern bisher unbekannt war.

Ein bisschen ähnelt das Verhalten einer Katze, die sich das Fell leckt. Doch was Napaeus barquini tut, hat nichts mit Putzen zu tun. Die Schnecke, deren Art 2006 entdeckt wurde, schichtet in mühseliger Feinarbeit Tarnvorrichtungen auf ihr Haus. Mit dem Mund modelliert sie lange, abstehende Flechtenhöcker - um besser vor natürlichen Feinden, Vögeln und Reptilien, geschützt zu sein.

Christoph Allgaier, Biologe an der Universität Tübingen, hat das beispiellose Verhalten im Fachblatt "Zoological Science" jetzt erstmals beschrieben. Das Tun von Napaeus barquini sei "ein eindrucksvoller Fall von Tarnung", sagte Allgaier zu SPIEGEL ONLINE. Auffällig sei insbesondere die Stachelstruktur auf dem Gehäuse, denn dieses Tarnrelief sei äußerst unüblich. Die Camouflage anderer Schnecken bestehe lediglich aus einem flachen Schalenüberzug. Bei Napaeus Barquini dagegen, die in 1000 Metern Höhe an flechtenüberwachsenen Felswänden lebt, übertrifft die Höhe der aufgesetzten Höcker die eigentliche Schalendicke um das Hundertfache.

Auch andere Forscher sind beeindruckt von den Fähigkeiten der kleinen Schnecke. "Das ist in der Tat eine spannende Sache, weil bei Landschnecken ein solch aktives Verhalten noch nie beobachtet wurde", sagt der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht, Kurator am Berliner Naturkundemuseum. Der Weichtier-Experte geht davon aus, dass es noch weitere Landschnecken mit einem ähnlichen Verhalten geben könnte, "bei denen es einfach noch nicht erforscht ist".

Bei manchen marinen Schneckenarten gibt es ähnliche Verhaltensweisen. Eine Gattung namens Xenophora setzt auf ihrem faustgroßen Gehäuse die kleinen Schalen anderer Schnecken auf. "Sie klebt sie regelrecht an - und zwar immer rechtwinklig", erläutert Glaubrecht. "Das Ergebnis sieht sehr reizvoll aus. Bis heute wissen Weichkundler allerdings nicht, warum sie das macht."

Lieber aktiv als passiv tarnen

Für getarnte Landschnecken galt bisher die Vermutung, dass sie ihr Gehäuse lediglich mit einer klebrigen Schleimschicht versehen, an der dann immer mehr Schmutzpartikel kleben bleiben. Doch bei Napaeus barquini beobachtete Allgaier bei mehreren Aufenthalten auf La Gomera etwas anderes. Die Schnecke, für die es noch keinen deutschen Namen gibt, mag es lieber aktiv als passiv.

Weil sie sich erstaunlich weit strecken kann, kann sie überall am Gehäuse Flechtenmaterial anbringen. "Das Besondere daran ist, dass es sich um ein einprogrammiertes Verhalten handelt, das die Gehäuseform verändert", meint Allgaier. "Die Evolution hätte auch einen anderen Weg einschlagen können, indem sich die Stachelgestalt durch die Veränderung der Schale herausbildet." Bei Napaeus barquini aber habe sich das Bauverhalten durch Selektion entwickelt: Gut sichtbare Schnecken waren leichte Beute für ihre Feinde und wurden verspeist, während die Tarnungs-Talente ihre Gene öfter weitergeben und sich so mit der Zeit durchsetzen konnten.

Das Endergebnis: Auf La Gomera scheinen die schleimigen Erfinderchen mit der felsigen Umgebung zu verschmelzen - und sind so für ihre Feinde nur schwer zu entdecken. "Vielleicht wird Napaeus barquini mit ihrem interessanten Verhalten jetzt zum Symphatieträger", sagt Glaubrecht. "Zu wünschen wäre es, denn viele Menschen verbinden Schnecken zunächst nur mit schleimigen Nacktschnecken, die in feuchten Sommer zuhauf unsere Gärten heimsuchen."



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