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08. März 2012, 14:30 Uhr

Teilchenphysik

Neue Datenspur zum Higgs-Boson

Es ist ein weiterer Schritt zur Entdeckung des lange gesuchten Higgs-Bosons. US-Forscher haben auf einer Tagung in Italien Daten vorgestellt, die bisherige Schätzungen zur Masse unterstützen. Ein endgültiger Beweis ist das noch nicht.

La Thuile - Seit vergangenem September steht der US-Teilchenbeschleuniger Tevatron still. Doch vor seiner Abschaltung hat er möglicherweise noch Daten gesammelt, die Physiker jetzt näher an die Entdeckung des vielgesuchten Higgs-Bosons bringen. "Wir haben jetzt mehr Daten, die auf das Higgs hinzuweisen scheinen", sagte Dmitri Denisov vom Fermilab in Batavia bei Chicago.

Das Ergebnis stützt sich auf Experimente, die in mehr als einem Jahrzehnt am Tevatron-Beschleuniger des Fermilab durchgeführt wurden, heißt es in einer Erklärung des staatlichen US-Forschungslabors. Die Daten waren am Mittwoch auf einer Konferenz im italienischen La Thuile vorgestellt worden.

Das Higgs-Boson gilt als letztes noch fehlendes Puzzlestück im derzeit gültigen Standardmodell der Teilchenphysik. Die Masse der Elementarteilchen ließe sich ohne seine Hilfe nicht erklären. Ohne Higgs würde die Suche nach "neuen Dimensionen in Raum und Zeit" beginnen, sagte die Teilchen-Physikerin Anadi Canepa vom kanadischen Nationallabor Triumf in Vancouver.

Das Teilchen ist nach dem britischen Physiker Peter Higgs benannt. Er hatte es im Jahr 1964 vorhergesagt. Das Universum wird nach diesem Modell von einem sirupähnlichen Feld durchzogen, das Elementarteilchen bremst und ihnen so ihre Masse verleiht.

Cern-Forscher hoffen auf Nachweis noch in diesem Jahr

Direkt beobachten lässt sich das Higgs-Teilchen nicht. Sein Nachweis ist nur über seine Zerfallsprodukte möglich. Am LHC werden dafür nahezu lichtschnelle Protonen aufeinander geschossen. Bei den Kollisionen entstehen etliche Folgeteilchen.

Die Tevatron-Daten lassen nach Angaben des zuständigen Projektleiters Rob Roser darauf schließen, dass die Masse des Higgs-Bosons in einem Bereich zwischen 115 und 135 Gigaelektronenvolt (GeV) liegt. In etwa diesem Bereich war auch das Europäische Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf auf Hinweise gestoßen. Physiker geben die Masse von Elementarteilchen häufig als Energieäquivalent an - die übliche Einheit dafür ist das Elektronenvolt (eV).

Am Cern jagen zwei Forscherteams dem Higgs nach. Sie hoffen, einen endgültigen Nachweis noch in diesem Jahr erbringen zu können. Die Europäer verfügen durch den modernen LHC (Large Hadron Collider) des Cern über das fast vierzigfache Datenmaterial der Amerikaner. Sie könnten das Higgs-Rätsel laut Roser schon im Juli bei der nächsten Konferenz der Teilphysiker in Melbourne (Australien) auflösen. Derzeit steht der Beschleuniger allerdings wegen Wartungsarbeiten still.

Anadi Capena, die an den Cern-Versuchen beteiligt ist, sagte, der Nachweis des Higgs mit größerer Sicherheit dürfte bis Ende 2012 möglich sein. Die Messwerte des Fermilabs reichten als Nachweis nicht aus und könnten sich immer noch als Fluktuation herausstellen. "Es liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, bevor wir mit Sicherheit sagen können, das Higgs existiert", räumte auch Denisov ein.

chs/dpa

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