Temperaturanstieg Schweiz erwärmt sich doppelt so stark wie Nordhalbkugel

Erheblich stärker als sonst in der nördlichen Hemisphäre steigen die Durchschnittstemperaturen in der Schweiz. Das ergab die Auswertung von Messreihen der letzten hundert Jahre. Und: Im Land der schmelzenden Alpengletscher hat sich die Erwärmung jüngst noch beschleunigt.


Vom Säntis, dem 2500 Meter hohen Grenzberg der Kantone Appenzell Ausserrhoden, Innerrhoden und St. Gallen, bis an die Bergsee-Ufer von Genf und Lugano konnten Klimaforscher feststellen: Es wird wärmer in der Schweiz - und zwar in einem außergewöhnlichen Ausmaß.

Von zwölf Messstationen analysierten Martine Rebetez von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und Michael Reinhard von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Lausanne zweierlei Messreihen: einmal die Veränderung der Durchschnittstemperaturen zwischen den Jahren 1901 und 2000 - des gesamten 20. Jahrhundertes also, und außerdem jene mittlere Temperaturveränderung während der 30 Jahre von 1975 bis 2004.

Gemessen wurde an unterschiedlichen Stellen der Alpennord- und -südseite in Höhen zwischen knapp 300 und fast 2500 Metern - und dennoch gab es nur geringe Abweichungen zwischen den einzelnen Orten. In der Fachzeitschrift "Theoretical and Applied Climatology" berichten die Forscher daher nun: Hier geht es nicht um lokale Trends, sondern um einen Zusammenhang von "Prozessen im großen Maßstab". Die globale Erwärmung heizt der Schweiz ein - und zwar überdurchschnittlich.

Temperaturanstieg in der Schweiz

Messstation Höhe Anstieg
1901-2000
Anstieg
1975-2004
Genf 420 m 0,14 °C 0,63 °C
Basel 316 m 0,15 °C 0,58 °C
Chaumont 1071 m 0,13 °C 0,45 °C
Bern 565 m 0,13 °C 0,54 °C
Château d'Oex 985 m 0,17 °C 0,55 °C
Sion 482 m 0,17 °C 0,73 °C
Zürich 556 m 0,13 °C 0,59 °C
Engelberg 1015 m 0,13 °C 0,51 °C
Säntis 2490 m 0,14 °C 0,62 °C
Davos 1590 m 0,15 °C 0,52 °C
Sils 1798 m 0,10 °C 0,52 °C
Lugano 273 m 0,10 °C 0,62 °C

(Veränderung der Durchschnittstemperatur an zwölf Orten der Schweiz
Quelle: Rebetez/Reinhard, 2007)

Rebetez und Reinhard haben einen Mittelwert aller Stationen aus den Daten berechnet: "Die durchschnittliche Erwärmung in der Schweiz betrug im 20. Jahrhundert 1,35 Grad Celsius." Aber während der letzten 30 Jahre, von 1975 bis 2004, sei der Trend auf 0,57 Grad Celsius pro Jahrzehnt angewachsen. "Das würde einem hypothetischen Jahrhunderttrend von 5,7 Grad Celsius während der letzten drei Jahrzehnte entsprechen", schreiben die Forscher weiter. Verglichen mit der durchschnittlichen Erwärmung auf der Nordhalbkugel in dieser Zeit sei der Anstieg in der Schweiz mehr als doppelt so hoch - er liege um den Faktor 2,3 über dem Durchschnitt der nördlichen Hemisphäre.

Schmelzende Gletscher, Steinschlag, Hochwasser

Auch für den längeren Zeitraum des 20. Jahrhunderts fanden die Forscher einen ganz ähnlichen Trend: 2,05 Mal stärker als auf der restlichen Nordhalbkugel seien die Durchschnittstemperaturen in der Schweiz zwischen den Jahren 1901 und 2000 gestiegen.

Offenbar ist es die Lage der eidgenössischen Konföderation, welche die überdurchschnittliche Erwärmung begünstigt: Wenn man die geographische Breite und den kontinentalen Charakter der untersuchten Region in Betracht ziehe, sei das Ergebnis eigentlich nicht arg überraschend, schreiben die Forscher. Schließlich gilt als Faustregel unter Klimaforschern, dass sich die globale Erwärmung einerseits stärker auswirkt, je näher man den Polen kommt. Andererseits üben Meere - statistisch gesehen - einen kühlenden Effekt auf Küstenländer aus. Im Binnenland Schweiz ist der entsprechender schwächer.

Nach Angaben der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL sind die Temperaturen in den letzten 30 Jahren am stärksten im Frühjahr und im Sommer angestiegen. Beide Jahreszeiten hätten sich um mehr als 0,8 Grad Celsius pro Jahrzehnt erwärmt. "Dieser Umstand erklärt zum Beispiel den massiven Rückgang der Schweizer Alpengletscher seit den achtziger Jahren sowie den zeitigeren Vegetationsbeginn im Frühjahr", heißt es in einer Pressemitteilung des Forschungsinstituts. Denn trotz der vielen Einflussgrößen sei vor allem die Sommertemperatur für die Gletscherschmelze ausschlaggebend.

Die Temperaturzunahme der letzten 30 Jahre, so das WSL, sei gleichzusetzen mit einem Höhenunterschied von etwa 300 Meter, denn die Temperatur nehme pro 100 Metern Höhe um rund 0,65°C ab. Dies beeinflusse nicht nur Gletscher und Vegetation, sondern auch Landwirtschaft, Tourismus, Energieverbrauch, Permafrostböden, Gesundheit und die Sicherheit des Menschen. So nannte das WSL Naturereignisse wie Schlammlawinen (Muren), Steinschlag und Hochwasser.

stx/AFP



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