Tempo-Rangliste Tyrannosaurus kaum schneller als ein Mofa

Wer wäre schneller - Tyrannosaurus rex oder David Beckham? Forscher haben per Computer eine Geschwindigkeits-Rangliste für lebende und ausgestorbene Wesen errechnet. Das Ergebnis: Der Tyrannosaurus wurde von truthahngroßen Zeitgenossen abgehängt, könnte aber Fußballstars verspeisen.


Im Kinofilm "Jurassic Park" schritt er eher gravitätisch daher. Wenn ein Tyrannosaurus rex hier Beute machte, dann ganz langsam: Einen Forscher schnappte er sich, als der gerade auf der Toilette saß. Dafür muss man nicht schnell sein. In der Neuverfilmung von "King Kong" rannten Tyrannosaurier plötzlich durch enge Schluchten, als gelte es, ihre Beute zu Tode zu hetzen. Diese Vorstellung vom gewaltigen, sprintstarken Jäger hält sich hartnäckig. Doch wie - und wie schnell - hat sich der König der Kreidezeit wirklich vorwärtsbewegt?

Tyrannosaurus rex konnte ungefähr so schnell laufen wie ein Mensch, vermelden jetzt britische Forscher. In der renommierten Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society B" listen William Sellers und Phillip Manning von der University of Manchester detaillierte Höchstgeschwindigkeiten für längst ausgestorbene Tiere auf. Der T. rex, heißt es da, schaffte nur knapp 29 Kilometer pro Stunde. Das wäre nur wenig schneller als ein Mofa, das in Deutschland maximal 25 km/h fahren darf.

Vom reißenden Raser zur lahmen Ente? Tatsächlich wird der wohl bekannteste Dinosaurier im Laufe seiner Erforschung zusehends langsamer: Erst Anfang Juni hatte John Hutchinson vom Royal Veterinary College in London in der Fachzeitschrift "Journal of Theoretical Biology" verkündet, dass der Tyrannosaurus ein langsamer Klotz war. Ein biomechanisches Computermodell zur Muskelmasse hatte gezeigt, dass die Spitzengeschwindigkeit des T. rex bei etwa 40 Stundenkilometern gelegen haben muss. Zuvor waren Paläontologen sogar von noch größeren Geschwindigkeiten ausgegangen, einige von bis zu 70 Stundenkilometern.

Auf den neuen, deutlich kleineren Wert kamen Sellers und Manning mit einem ähnlichen Vorgehen - das aber bei Tieren der Gegenwart seinen Anfang nahm: Für ihre Geschwindigkeitskalkulation bauten die beiden Wissenschaftler am Computer virtuelle Modelle aus einem starren Rumpf und einem rechten und einem linken Bein, aufgeteilt in Oberschenkel, Unterschenkel und Fuß und versehen mit drei Scharniergelenken.

Emu, Strauß und Mensch gegen die Dinos

Als Basis verwendeten sie dazu die Parameter dreier noch lebender Zweibeiner - Emu, Strauß und Mensch - sowie von fünf Dinosauriern. Die digitalen Skelette wurden am Rechner mit Muskeln ausgestattet, denen bestimmte Werte für die Dichte, die Kontraktionsgeschwindigkeit, die Kraft und ähnliche Eigenschaften zugeordnet waren. Anschließend ließen die Forscher ihre virtuellen Tiere unter der Kontrolle einer Software loslaufen, die aus jedem Fehler lernte und das Modell entsprechend verfeinerte.

Am Ende erreichten die virtuellen Emus, Strauße und Menschen Geschwindigkeiten von 48, 57 und 28 Kilometern pro Stunde - Werte, die nur wenig unterhalb der in der Realität messbaren Höchstgeschwindigkeiten von 50, 61 und 36 Kilometern pro Stunde lagen. Das Modell schien also zu funktionieren. Daraus schöpfen Sellers und Manning die Zuversicht, auch Aussagen über das Spitzentempo längst ausgestorbener Tiere treffen zu können, zumindest ungefähr.

So lauten die Ergebnisse ihres Rechenmodells:

  • Die truthahngroßen Velociraptoren, die als kleine, gemeine Jäger hinreichend aus "Jurassic Park" bekannt sind, kamen wohl auf knapp 40 Stundenkilometer.
  • Der bloß hühnergroße Compsognathus übertrumpfte laut der Simulation mit 64 Kilometern pro Stunde selbst den heutigen Vogel Strauß.
  • Tyrannosaurus rex hingegen wurde durch das Rechenmodell lediglich eine Tempo-Obergrenze von 29 Stundenkilometern beschieden.

Schon einmal hatten Forscher Verdacht geschöpft, der berühmte Raubsaurier sei eher lahm unterwegs gewesen. Julia Day von der University of Cambridge berichtete im Jahr 2002 in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" von Spuren auf einem versteinerten Dino-Trampelpfad - die ebenfalls auf Tempo 30 bei T. rex schließen ließen.

"Unsere Forschungsarbeit, bei der wir von der minimal für die T-rex-Bewegung notwendigen Muskelmasse ausgingen, legt nahe, dass dieser Fleischfresser wenngleich nicht unglaublich schnell, doch zum Spurt fähig war", sagte Manning. "Er würde wohl wenig Schwierigkeiten gehabt haben, einen Fußballer wie David Beckham einzuholen." Prompt titelte die britische Nachrichtenagentur Reuters: "Sorry, David, you're lunch!" - Sorry, David, dich gibt's zum Mittagessen.

Schwerfälliger Sprinter

Denn rund 30 Stundenkilometer sind für einen Menschen nicht nur so ziemlich die Obergrenze - sie entsprechen etwa zwölf Sekunden auf 100 Metern. Homo sapiens ist auch nicht in der Lage, dieses Tempo auf mehr als sehr kurze Distanzen aufrecht zu erhalten. Da Sellers und Manning selbst das verwendete Modell als stark vereinfacht beschreiben und zudem von einer Minimalmuskelmasse ausgegangen sind, würde man sich im wirklichen Leben kein Wettrennen zwischen Tyrannosaurus und Menschen wünschen.

Für künftige Dino-Action könnte die Arbeit von Hutchinson Drehbuchschreibern und Regisseuren ein spannungsförderndes Schlupfloch aufzeigen. Hutchinson hatte im Juni aufgrund detaillierter Berechnung zu Muskelmasse und Gelenkbewegungen spekuliert, dass T. rex schon für eine Drehung von nur 45 Grad mehrere Sekunden benötigt haben könnte. Schauspieler, die wilde Haken schlagen, würden sich demnach plausiblermaßen den Jäger länger vom Leib halten.

Wie sich der Verfolger bei einer solchen Hatz bewegen könnte, hatte Hutchinson mit seinem US-Kollegen Stephen Gatesy von der Brown University im März 2006 immerhin eingegrenzt: Mit Hilfe von biomechanischen Simulationen und einer Animationssoftware trennten sie jene Tausende Körperhaltungen und -bewegungen, die theoretisch möglich sind, von Millionen unrealistischer Varianten.

stx/ddp/Reuters

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