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Überleben für Dickhäuter: Das Elefantenhospital von Lampang

Foto: Thilo Thielke

Thailand Wild-Elefanten in der Reha

Immer mehr thailändische Elefanten werden Opfer von Verkehrsunfällen und Landminen. In einem Krankenhaus im Norden des Landes werden sie behandelt. Eine Elefantenkuh bekam jetzt eine Beinprothese.

So ganz geheuer ist Motala die Sache mit dem neuen Bein noch nicht. Behutsam und eher widerstrebend tastet sich die Elefantendame über den kurzgeschnittenen Rasen und steuert die Bananen an, die ein Pfleger ausgelegt hat. Es ist neun Uhr morgens, Frühstückszeit im Elefantenkrankenhaus von Lampang, und gerade haben die Tierpfleger Motala, der drei Tonnen schweren und 50 Jahre alten Elefantenkuh, die neue Beinprothese umgeschnallt.

Sie trägt das Kunstbein erst seit dem 15. August, und die Tierärzte glauben, dass es noch mindestens sechs oder sieben Monate dauern wird, bis Motala mit dem Fremdkörper vertraut ist. "Für uns ginge ein Traum in Erfüllung, wenn sie das Bein akzeptieren würde", sagt die Veterinärin Cruetong Kayan, 27. Seit zehn Jahren befindet sich Motala nun schon im Elefantenspital, das von der Organisation "Friends of the Asian Elephant" betrieben wird. Nun scheint ein Durchbruch nahe.

Motala ist eines der zahllosen Opfer des burmesischen Bürgerkriegs. Im Grenzgebiet zu Thailand führt das Bergvolk der Karen schon seit sechzig Jahren einen Unabhängigkeitskrieg gegen die Militärjunta. Das Gemetzel hat Tausende Tote gefordert, unzählige Menschen wurden von Landminen verstümmelt. Und immer wieder erwischt es auch Elefanten, die hier als Lasttiere eingesetzt werden.

1999 trat Motala im thailändisch-burmesischen Grenzgebiet auf eine Landmine; der linke vordere Fuß des Elefanten wurde abgerissen. Doch zum Glück alarmierten besorgte Mahouts, wie die Führer der Arbeitstiere heißen, das Elefantenkrankenhaus von Lampang, rund anderthalb Autostunden südlich von Chiang Mai, und so konnte Motala gerettet werden. Nun ist sie einer von fünf Dauerpatienten in Lampang.

"Onkel Elefant kommt in den Himmel"

Das Krankenhaus wurde 1993 als erstes seiner Art von der Thailänderin Soraida Salwala gegründet. Als achtjähriges Mädchen hatte Soraida eine traumatische Erfahrung gemacht. Auf einem Ausflug mit ihrem Vater und den Geschwistern sah sie am Straßenrand einen sterbenden Elefanten liegen, der von einem Lastwagen angefahren worden war. "Wir müssen den Elefanten zum Doktor bringen", schrie Soraida. Aber da war kein Krankenhaus, und es gab niemanden, der sich um die Dickhäuter kümmerte. "Onkel Elefant kommt in den Himmel", tröstete der Vater, und Soraida schwor sich, den thailändischen Elefanten zu helfen und später ein Krankenhaus für Dickhäuter zu gründen.

"Es ist so wichtig, dass es dieses Krankenhaus gibt", sagt Kayan, die Tierärztin. Ständig würden neue Elefanten eingeliefert. "Viele werden Opfer von Verkehrsunfällen, andere scheuern sich auf dem Asphalt der Großstädte, wo sie betteln gehen müssen, die Füße wund, immer mehr leiden auch an Depressionen und Neurosen." Es ist ein trauriges Los, das die meisten Elefanten fristen.

Noch vor hundert Jahren gab es in Thailand rund 100.000 Elefanten, doch mittlerweile ist ihr Bestand auf einige Tausend geschrumpft. 2000 davon sollen noch wild leben; die Zahl derjenigen, die in Trekkingcamps, Vergnügungsparks oder in Großstädten wie Bangkok gehalten werden, wird auf 3000 bis 4000 geschätzt. Es gibt Shows, in denen sie Kunststücke vorführen, tanzen, gegen Bälle treten, auf dem Seil balancieren oder Bilder malen. Sie schleppen Touristen durch die Ruinen von Ayutthaya. Sie ziehen mit ihren Mahouts durch die Rotlichtviertel Bangkoks.

Zehn Patienten befinden sich derzeit im Elefantenkrankenhaus von Lampang. Das vier Monate alte Elefantenbaby Namfon zum Beispiel, das mit Sojamilch großgezogen wird. Die kleine Namfon war nach der Geburt von ihrer Mutter verstoßen worden. Immer wieder hatte die Elefantenkuh versucht, ihr Baby zu töten. Das hatte sie schon mit ihrem Erstgeborenen gemacht. Der Mahout rettete die kleine Namfon, jetzt wird sie auf unbestimmte Zeit im Elefantenhospital bleiben müssen.

Lukratives Geschäft mit den Touristen

Da ist auch noch ein anderes Elefantenbaby: die dreijährige Mosha. Mosha kam 2006 hierher, auch Mosha war auf eine burmesische Landmine getreten. Das gerade einmal sieben Monate alte Elefantenbaby verlor einen Teil des rechten vorderen Beins. "Auch Mosha wird irgendwann einmal eine eigene Prothese bekommen", sagt Cruetong Kayan, derzeit wächst sie aber zu schnell, da kommen wir mit den Prothesen gar nicht nach."

Dann muss Kayan sich noch um den Elefantenbullen Pai Kammoon kümmern. Der Koloss hat sich einen Zeh entzündet. Sein Besitzer, der Inhaber eines Trekking-Camps, hat ihn gestern hier abgeliefert, und hofft, dass die Ärzte aus Lampang den Elefanten schnell wieder auf Vordermann bringen. Das Geschäft mit den Elefanten ist nämlich einträglich, ein Tier nicht billig.

"Etwa 5000 Dollar kostet ein Trekking-Elefant in Thailand", sagt Kayan, "für viele Unternehmer sind die Tiere eine reine Geldanlage, sie werden regelrecht ausgebeutet." Es sei eine Tragödie, was mit dem "Elephas Maximus" passiere - ausgerechnet mit jenem Tier, dass in der thailändischen Mythologie und Geschichte eine so herausragende Rolle spiele.

Die Flagge der thailändischen Marine wird von einem weißen Elefanten geziert, und der "Orden des weißen Elefanten" ist der höchste des Landes. In vielen Schlachten kamen die Dickhäuter zum Einsatz, und im 18. Jahrhundert schickte Siams König gleich 20.000 von ihnen in die Schlacht gegen Burma. Im Buddhismus sind die Tiere ein Symbol für Frieden; selbst Buddha soll in seinem früheren Leben unter dem Namen Phaya Chattan ein Elefant gewesen sein.

Doch die große Zeit der großen Tiere ist vorbei, ihr Lebensraum weitgehend abgeholzt. 1957 bestand Thailand noch zu 80 Prozent aus Wald, doch schon 1992 waren es nur noch rund 20 Prozent. Zwar ist der Holzeinschlag seit 1989 verboten, doch noch immer werden illegal massenhaft Bäume gefällt.

"Hier können wir die kranken Elefanten wenigstens in Würde altern lassen", sagte Kayan und blickt zärtlich hinüber zu Motala, die sich an ihren Bananen gütlich tut. "Das wäre doch ein Traum: dass die beiden Minenopfer Motala und Mosha gemeinsam einen Spaziergang durch den Wald machen."

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