Bergbau am Meeresboden Forscher finden Hinweise auf zahllose unbekannte Tiefseearten

Mangan, Kupfer, Kobalt: Am Meeresboden schlummern tonnenweise Bodenschätze, doch ihr Abbau birgt Umweltrisiken. Eine Studie zeigt, wie groß die Artenvielfalt in der Tiefsee ist – und wie wenig wir über das Leben dort wissen.
Tiefseegarnele am Ozeanboden

Tiefseegarnele am Ozeanboden

Foto:

Senckenberg / Nils Brenke

Ein wenig erinnerte das Gerät, das da über den Boden des Pazifiks kroch, an eine Pistenraupe, wie man sie aus Skigebieten kennt. In viereinhalb Kilometern Wassertiefe, irgendwo zwischen Mexiko und Hawaii, war das 9 mal 4 mal 5 Meter große Kettenfahrzeug »Patania II« im Mai auf der Suche nach interessanten Rohstoffen. Gesteuert wurde das Gefährt vom norwegischen Spezialschiff »Normand Energy« aus.

Mithilfe einer Hydraulikvorrichtung nahm der sogenannte Kollektor kleine metallische Brocken vom Ozeangrund auf, die ein bisschen aussahen wie Miniatur-Pferdeäpfel. Die Knollen enthielten Mangan, aber auch andere wertvolle Metalle wie Kupfer, Nickel und Kobalt. Über Millionen von Jahren sind sie aus Metallverbindungen, die ursprünglich im Meerwasser und im Porenwasser des Sediments gelöst waren, gewachsen. An die Oberfläche befördert, könnten sie eine lukrative Ressource für die immer rohstoffhungrigere Weltwirtschaft sein.

Seit Jahrzehnten arbeiten Rohstoffsucher daran, diesen Schatz zu heben. Aktuell können die Vorkommen aber nur erkundet werden, dafür ist eine Lizenz der Internationalen Meeresbodenbehörde nötig. Regeln und Erlaubnisse für den Abbau gibt es noch nicht – auch wenn Unternehmen wie die kanadische Metals Company  bekunden, großes Interesse an der Förderung zu haben.

Deutschland gehört wie China, Russland, Frankreich oder Südkorea zu den Staaten, die eine Erkundungslizenz im Bereich der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone im Zentralpazifik besitzen. Allein im deutschen Lizenzgebiet werden Manganknollen mit einem Trockengewicht von 600 Millionen Tonnen vermutet .

So sieht eine der begehrten Manganknollen aus

So sieht eine der begehrten Manganknollen aus

Foto: Caroline Seidel/ dpa

Auch ein belgisches Erkundungsgebiet gibt es. Dort und im deutschen Bereich wurde der Kollektor nun ausprobiert, auf einer Fläche mit der Größe von insgesamt acht Fußballfeldern. Teil der Erkundungen waren auch Untersuchungen zu den Umweltauswirkungen dieser Erkundungen. Diese wurden vom europäischen Projekt MiningImpact geleitet, an dem Forscherinnen und Forscher von 29 europäischen Instituten teilnehmen.

»Ein solcher Test ist notwendig, um die Folgen eines möglichen industriellen Abbaus auf die Meeresumwelt und die Biodiversität der Tiefsee unter realitätsnahen Bedingungen besser abschätzen zu können«, erklärt die Biologin Annemiek Vink von der zuständigen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Sie war auf einem weiteren norwegischen Schiff, der »Island Pride«, genau damit beschäftigt. Unter anderem wurden dabei zwei ferngesteuerte Tauchroboter, ein autonomes Unterwasserfahrzeug sowie 50 Sensoren zur Messung der Sedimentkonzentration in der Wassersäule eingesetzt.

Wissenslücken so groß wie Tiefseegräben

Kritisch beäugt wurde die Doppelexpedition von Greenpeace, die Organisation war mit ihrem Schiff »Rainbow Warrior« vor Ort . Umweltschützer protestieren seit Jahren gegen Vorarbeiten für den Tiefseebergbau – und verweisen darauf, wie wenig die Menschheit bisher über die Gebiete am Meeresgrund weiß. Und das ist tatsächlich weit mehr als ein Aktivistenslogan: Es ist die Tatsache.

Für große Teile der Weltmeere gilt, dass wir gar nicht wissen, wie sie im Detail aussehen – rund 80 Prozent des Ozeanbodens sind bis heute nicht kartiert. Dazu kommt, dass die Menschheit auch von den Lebensformen der Tiefsee kaum eine Ahnung hat. Das wird noch einmal deutlich, wenn man sich eine brandneue Forschungsarbeit ansieht, die ein europäisch-amerikanisches Team gerade veröffentlicht hat.

Die Gruppe hatte sich mehr als 300 Sedimentproben aus potenziellen Abbaugebieten für Manganknollen im Pazifik angesehen. Dabei suchte sie gezielt auch nach sogenannter Umwelt-DNA. Das sind Erbgutabschnitte, die nicht direkt aus Organismen extrahiert werden, sondern aus Umweltproben wie Wasser oder Sedimenten. So lässt sich die biologische Vielfalt eines Ökosystems ermitteln, ohne alle dort vorkommenden Arten zu kennen. Die Forscher arbeiten dabei wie Kriminaltechniker an einem Tatort: Sie sichern Spuren von allen Lebewesen, die irgendwann einmal über dieses Stückchen Ozeangrund gekrochen sind – und dort ihren genetischen Fingerabdruck hinterlassen haben.

Das Ergebnis der aktuellen Untersuchungen: Ein Großteil der Tiefseefauna in der Clarion-Clipperton-Zone ist offenbar bis heute unentdeckt: Mindestens 60 Prozent der am Meeresboden lebenden Foraminiferen, das sind Einzeller mit Schalen, sowie ein Drittel aller Eukaryoten, also Lebewesen mit Zellkern, sind noch unbeschrieben. »Wir konnten außerdem darlegen, dass die Vielfalt in den potenziellen Seebergbaugebieten im Vergleich zu anderen Tiefseegebieten besonders hoch ist«, sagt die Meeresforscherin Angelika Brandt vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.

60 Prozent der am Boden lebenden Foraminiferen in der Clarion-Clipperton-Zone sind noch unbeschrieben

60 Prozent der am Boden lebenden Foraminiferen in der Clarion-Clipperton-Zone sind noch unbeschrieben

Foto: Franck Lejzerowicz

Brandt ist eine der Co-Autorinnen der neuen Forschungsarbeit. Sie plant gerade ihre nächste Expedition, es wird ihre 30., als sie mit dem SPIEGEL über ihre Erkenntnisse spricht. Unterhält man sich mit der Forscherin, spürt man ihre Begeisterung für die biologische Vielfalt der auf den ersten Blick so lebensfeindlichen Tiefsee. Nur wenig über null Grad ist das Wasser dort kalt, der Druck Hunderte Mal höher als an der Erdoberfläche. In der Tiefe landet kaum Energie, die Sonne strahlt längst nicht so weit, Futter ist rar. Und doch floriert das Leben – mit einer wohl größeren Artendiversität als an Land.

Deutschland hat Verlängerung der Lizenz beantragt

Nach Angaben der BGR wurden bei der Internationalen Meeresbodenbehörde bisher insgesamt 18 Verträge zur Exploration von Manganknollen, fünf für Mangankrusten und weitere sieben zur Erforschung von Massivsulfiden vergeben. Die deutsche Explorationslizenz für die Manganknollen läuft in vier Wochen aus, eine Verlängerung ist beantragt – aber auch wegen Corona noch nicht entschieden.

Ob aus der Erforschung irgendwann auch einmal eine Förderung wird, wird dann die Bundesregierung befinden müssen. Als Träger einer Erforschungslizenz hätte Deutschland auch das Vorkaufsrecht für das Recht zur Ausbeutung. Doch dafür fehlen, zumindest bisher, die Interessenten. Auch das muss man einmal sagen: Tiefseebergbau ist technologisch anspruchsvoll, teuer – und wegen der ökologischen Fragen für die Firmen womöglich auch mit einem Reputationsrisiko verbunden.

»Die Bundesregierung hat im Rahmen der Ratsschlussfolgerungen zur EU-Biodiversitätsstrategie die grundsätzliche Ansicht unterstützt, dass Rohstoffe in der Tiefsee so lange nicht abgebaut werden sollten, bis die Auswirkungen des Bergbaus ausreichend untersucht sind und gezeigt werden kann, dass die marine Umwelt durch diesen nicht ernsthaft gefährdet wird«, heißt es in einer bisher noch nicht veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion, die dem SPIEGEL vorliegt.

Die »Frage nach einer Entscheidung für oder gegen Tiefseebergbau« stelle sich »derzeit noch nicht«, so die Regierungsbeamten weiter. »Eine abgestimmte Position oder Bewertung der Bundesregierung bzgl. eines Moratoriums gibt es bisher nicht.« Eine kategorische Absage an die Rohstoffförderung am Meeresgrund ist das aber auch nicht.

Insgesamt gibt sich die Bundesregierung aber vergleichsweise entspannt. Im Hinblick auf die Metalle Mangan, Nickel, Kupfer, Kobalt, Blei und Zink, die etwa beim Abbau von Manganknollen am Meeresboden gewonnen werden können, geht man nach eigenem Bekunden davon aus, »dass die entsprechenden Rohstoffvorkommen an Land in den nächsten Jahrzehnten nicht erschöpft sein werden. Die Gefahr, dass in absehbarer Zukunft eine Abhängigkeit von Rohstoffen aus dem Tiefseebergbau entsteht, sieht die Bundesregierung deshalb nicht.«

Der FDP-Abgeordnete Olaf in der Beek nennt die Einschätzung Bundesregierung, dass vorerst nicht von einer Rohstoffknappheit auszugehen sei, dagegen »fast ein wenig naiv«. Rohstoffpolitik sei auch immer geopolitisch relevant. »Deutschland und Europa laufen Gefahr, in weitere Abhängigkeiten zu geraten. Das gilt auch und vor allem im Hinblick auf die Außen- und Geopolitik Chinas, das gerade in Entwicklungsländern immer mehr Rohstoffquellen unter seine Kontrolle bringt.«

In der Beek sagt aber auch: »Wir wollen keinen Tiefseebergbau um jeden Preis«. Der Schutz der Meere stehe stets im Vordergrund. »Wenn jedoch ökologisch vertretbar Rohstoffe in der Tiefsee gewonnen werden können, sollten wir diese Chance nicht ungenutzt lassen.«

Ob und unter welchen Umständen es tatsächlich vertretbar sein könnte, Rohstoffe vom Ozeangrund zu holen, Forscherinnen wie Angelika Brandt und Annemiek Vink werden es mit herausfinden. Beim aktuellen Test des Kollektors »Patania II« seien jedenfalls noch keine Manganknollen an die Oberfläche gebracht worden, heißt es bei der BGR. Das Gerät habe sie einfach am Rande der Versuchsflächen aufgestapelt.

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