Tiefsee-Videos Biologen finden mysteriösen Kraken

Gleich achtmal in verschiedenen Winkeln der Erde ist Forschern ein seltsamer, bislang unbekannter Tintenfisch vor die Linse geschwommen. Die ungewöhnlich große Kreatur passt so gar nicht ins Schema der Kraken und Kalmare.
Von Alexander Stirn

Die schier unendlichen Weiten der Tiefsee sind immer für eine Überraschung gut. Diesmal haben Meeresbiologen in der ewigen Dunkelheit der Weltmeere eine zuvor unentdeckte Tintenfischart ausmachen können, die die Forscher auf Grund von Form und Größe vor ein Rätsel stellt.

Wie ein internationales Wissenschaftlerteam in der aktuellen Ausgabe des US-Fachmagazins "Science" berichtet, ist es in den vergangenen Jahren gleich mehrmals gelungen, Vertreter dieser seltsamen Art auf Film zu bannen - in unterschiedlichen Ecken der Welt. Doch egal ob Indischer Ozean, Atlantik oder Golf von Mexiko, eines hatten alle Fundstätten gemein: Die Kreatur wurde nur jenseits einer Meerestiefe von einem Kilometer gesichtet.

Welcher Art die Neuentdeckung zugeordnet werden kann, wissen die Meeresbiologen noch nicht. Mit ihrer auffälligen Erscheinung passen die Tiere in keines der gängigen Muster. So sind die Flossen am Kopf - verglichen mit denen von bekannten Verwandten - extrem groß. Sie sorgen für eine elegante, fast schon majestätische Fortbewegung.

Auch die Extremitäten zeigen eine höchst ungewöhnliche Form: Sie führen zunächst senkrecht vom Körper weg, machen dann plötzlich einen Knick und gehen in die gewohnte Richtung. Zwischen Armen und Tentakeln kann nicht unterschieden werden, alle zehn Anhängsel sind etwa gleich dick und ungewöhnlich lang - bis zu sieben Meter. Bei Nahaufnahmen entdeckten die Forschen an den Armen Saugnäpfe, die allerdings vor den ellbogenartigen Knicken Halt machen.

In der Regel wurden die neuen Lebewesen nahe des Meeresgrundes entdeckt. Obwohl die Kreaturen kaum auf das näher kommende U-Boot reagierten, schlugen alle Versuche fehl, eines der Tiere einzufangen.

Dabei scheinen einzelne Vertreter der Spezies äußerst gutmütig zu sein: Selbst als die Arme eines Kalmars einen Fangkorb berührten, ließ sich das Tier nicht aus der Ruhe bringen. Ein anderer Kopffüßer sah sich, so die Berichte der Forscher, den stählernen Eindringling fünf bis zehn Minuten lang an, bevor er langsam weiter schwamm.

"Ich hatte zuvor noch nie etwas derartiges gesehen", erzählt William Sager, Ozeanograph von der Texas A&M University in College Station. "Die Kreatur schwebte unbeeindruckt, als ob ein plötzlich auftauchender Wal mit großen Scheinwerfern überhaupt nichts besonderes wäre."

Die meisten Tiere allerdings zeigten, spätestens als sie einen Teil des U-Boots berührten oder seine Turbulenzen spürten, einen ausgeprägten Fluchtreflex: Mit eingeklappten Armen und Tentakeln verschwanden die seltsamen Geschöpfe in die Dunkelheit. Ein Tier verfing sich dabei im U-Boot und hatte den Schilderungen der Biologen zufolge größere Probleme, sich von seinen Armen zu trennen. Letztlich gelang die Flucht.

Glück für das Tier, Pech für die Forscher: Ohne die Analyse eines gefangenen Tiefseebewohners haben die Biologen kaum Chancen, die neue Art zu klassifizieren. Es bleibt Raum für Spekulationen: Möglicherweise gehören die Tiere, so die Vermutung des Forscherteams um Michael Vecchione vom National Museum of Natural History in Washington, zur erst kürzlich entdeckten und ebenfalls von Vecchione beschriebenen Gattung Magnapinnidae. Bislang wurden nur jugendliche Vertreter dieser Familie entdeckt. Die Chancen, dass erwachsene Tiere die jetzt gefilmten Körperformen aufweisen, stehen angeblich nicht schlecht.

Große Tintenfische regen nicht nur die Phantasie von Romanschriftstellern an, sie haben auch Biologen in ihren Bann gezogen. Obwohl die Meeresbewohner zur Gruppe der Weichtiere gehören und eng verwandt mit Muscheln oder Schnecken sind, gelten sie als äußerst intelligent - ein komplexes Gehirn macht's möglich.

Wissenschaftler unterscheiden verschiedene Gattungen von Tintenfischen: Zum einen Sepia, ein zehnarmiger Bodenbewohner mit guter Tarnung, der sich problemlos an das Muster der Umgebung anpassen kann. Dann Kraken, wegen ihrer acht kräftigen, mit Saugnäpfen besetzten Fangarme auch als Oktopusse bekannt. Kalmare schließlich haben zwei Anhängsel mehr: Die acht kürzeren Arme führen die Nahrung zur Mundöffnung. Gefangen wird die Beute mit zwei längeren Tentakeln.

Der Hunger ist meist groß. Kalmare gehören zu den größten wirbellosen Tieren der Erde. Ihr bisheriger Spitzenreiter, der Architeuthis dux, kann mitsamt Tentakeln mehr als 20 Meter lang werden. Der Riesenkalmar aus der Tiefsee soll über Augen verfügen, die mehr als 25 Zentimeter Durchmesser haben - ungefähr so viel wie ein Volleyball. Das Gewicht des Tieres wird auf bis zu 900 Kilogramm geschätzt. Lebend wurde noch nie ein Architeuthis dux gesehen.

Kein Wunder: Obwohl Ozeane mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche bedecken, sind sie weitgehend unerforscht. Da die jetzt entdeckten Tiere gleich achtmal in verschiedenen Regionen gesichtet wurden, müssen sie weit verbreitet sein. Dennoch wurden sie erst jetzt wissenschaftlich beschrieben. Das mache, so die Forscher, eines deutlich, nämlich "wie wenig wir über das größte Ökosystem der Erde wissen".

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