Tierverkauf trotz Roter Liste Gecko-Art droht im Terrarium zu enden

Der Türkis-Zwerggecko ist schön anzusehen - genau das droht ihm nun zum Verhängnis zu werden. Wilddiebe verkaufen zahllose Tiere aus Tansania an europäische Terrarienbesitzer, inzwischen ist der Gecko vom Aussterben bedroht.
Türkis-Zwerggecko: Vom Aussterben bedrohte Schönheit

Türkis-Zwerggecko: Vom Aussterben bedrohte Schönheit

Foto: Corbis

Der Türkis-Zwerggecko, auch als Himmelblauer Zwergtaggecko bekannt, ist eines der farbenprächtigsten Reptilien Afrikas. Das Männchen ist zwar nur um die acht Zentimeter lang, aber es leuchtet blau und ist deshalb auch in Terrarien ein Hingucker. Außerdem sind die Tiere tagaktiv, das verspricht jede Menge Unterhaltung im Käfig.

Doch Lygodactylus williamsi ist als Haustier umstritten. Zwar ist seine Einfuhr nach Europa erlaubt, aber in seiner Heimat Tansania schwindet sein Bestand rasant. 2012 wurde die Art in die Roten Liste  der Weltnaturschutzunion (IUCN) aufgenommen, und zwar gleich als "vom Aussterben bedroht" ("critically endangered") - die letzte Kategorie vor "in freier Wildbahn ausgestorben". Doch auf der Roten Liste zu stehen, hilft den Tieren kaum. Erst die Aufnahme in das internationale Washingtoner Artenschutzabkommen  würde den Handel regulieren, und die ist nicht in Sicht. So blüht der noch immer legale Handel mit den wild gefangenen Tieren.

Das Drama des kleinen Türkis-Zwerggeckos beginnt in seinem Heimatland. Dort ist er nicht verbreitet anzutreffen, sondern lebt auf einem nur rund zehn Quadratkilometer kleinen Gebiet im Kimboza Forest und im angrenzenden Ruvu-Forest-Reservat. "Nur hier wachsen die Schraubenbäume, auf denen der Gecko lebt", sagt der Biologe Morris Flecks vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. 2012 führte Flecks mit Kollegen eine Bestandsaufnahme  des Lygodactylus williamsi in Tansania durch. Demnach sank die Zahl der Tiere innerhalb von nur zwei Jahren von geschätzt 465.000 auf etwa 150.000. Prompt landete der türkisfarbene Zwerggecko auf der Roten Liste.

Wildfänge auf Reptilienbörsen

Der Gecko wurde schon 1952 entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. In Europa wurde er aber erst 2002 bekannt, als Wissenschaftler ihn in einer Fachzeitschrift abbildeten. 2005 tauchten dann laut Flecks die ersten Tiere auf dem europäischen Markt auf. Fest stehe, dass afrikanische Händler zwischen Dezember 2004 und Juli 2009 rund 40.000 Exemplare von den Bäumen absammelten und außer Landes brachten. Rund tausend Exemplare pro Monat sollen es 2009 gewesen sein.

Flecks hat nach eigenen Angaben beobachtet, wie Wilddiebe die Schraubenbäume fällten, um an die Tiere zu gelangen, die meist in den Kronen sitzen. "So verkleinert sich nach und nach der Lebensraum", sagt der Biologe. Tansania verhängte deshalb ein Ausfuhrverbot. Vergeblich. "Es könnte sein, dass diese Art innerhalb nur einer Dekade vom Erdball verschwindet", sagt Flecks. Wie viele Türkis-Zwerggeckos jedes Jahr von Afrika nach Europa exportiert werden, ist nicht geklärt. Da er nicht durch das Washingtoner Artenschutzabkommen geschützt ist, ist seine Einfuhr weder registrierungs- noch genehmigungspflichtig.

"Wir sehen die Wildfänge vor allem auf Reptilienbörsen", sagt Sandra Altherr, Biologin und Projektleiterin des Wildtierhandels im Verein Pro Wildlife. Die weltgrößte Reptilienbörse, die Terraristika, findet viermal im Jahr im nordrhein-westfälischen Hamm statt. Auf dem Ladentisch hätten manche Händler rund 25 Exemplare anzubieten, "unter der Ladentheke sind es aber noch viel mehr". Es könne sich bei den Tieren nicht um Nachzüchtungen halten, denn diese würde es nicht in so großer Stückzahl geben. Auch sind in Internet-Reptilienbörsen immer wieder Inserate zu lesen, in denen Lygodactylus williamsi aus Wildfangbeständen angeboten werden.

"Rote Liste hat rechtlich keine Relevanz"

Die Händler stammen aus Belgien, England und Polen. Obwohl der Verkauf der Tiere nicht illegal ist, wollte sich auf Anfrage niemand dazu äußern. SPIEGEL ONLINE befragte stichprobenartig auch deutsche Großhändler und Reptilienverkäufer. Laut eigener Aussage verkaufen sie allesamt nur Nachzüchtungen und keine Exemplare, die aus Tansania stammten. Nur ein Großhändler für Terraristik brüstet sich in einem Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 2008 mit dem "spektakulären Import" aus Tansania. Am Telefon möchte auch er nicht darüber sprechen.

Der deutsche Reptilien-Großhändler Jürgen Hoch hat nach eigenen Angaben im Jahr 2011 zuletzt 38 Tiere aus Tansania importiert. Heute handele er nur mit Nachzüchtungen. Er sieht jedoch im Verkauf der Importe keine Gefahr für die Geckos: "Gerade bedrohte Arten gehören in unsere Terrarien, denn nur so ist auch der Erhalt wirklich gesichert", sagt Hoch. Zudem sei der Artenschutz "offensichtlich von Seiten Tansanias nicht gewollt, sonst hätten sie ja schon längst etwas unternehmen können".

Tierschützerin Altherr fordert wegen des offiziell fehlenden Schutzes einen freiwilligen Selbstverzicht der Händler auf den Verkauf von Wildfängen. Händler Hoch hält davon jedoch wenig. "Und die Rote Liste hat für uns Tierhändler rechtlich keine Relevanz."

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