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08. März 2012, 12:35 Uhr

Tierische Vermittler

Schimpansen-Cops schlichten Streit

Streitereien sind schlecht für die Stimmung in einer Gruppe. Deswegen bemühen sich sogar Schimpansen um Konfliktmanagement. Wenn ein Streit zu eskalieren droht, mischt sich ein Unbeteiligter ein - und schlichtet den Konflikt. Zumindest manchmal.

Zürich - Ein Schimpansenleben ist potentiell reich an Konflikten. Männchen streiten um Weibchen, Weibchen streiten um Futter - so berichten es Forscher. Doch nun zeigt sich: Wenn es Zoff gibt, holen sich die Tiere manchmal Hilfe von unabhängigen Konfliktlösern. Ein Forscherteam um die Anthropologen Carel van Schaik und Claudia Rudolf von Rohr von der Universität Zürich berichten im Fachmagazin "PLoS ONE" von entsprechenden Beobachtungen.

Die Forscher hatten sich eine aus elf Schimpansen bestehende Gruppe im Zoo Gossau in der Schweiz angesehen. Dabei wurde nur das natürliche Verhalten ausgewertet - und nicht etwa Streitigkeiten provoziert. Die Gruppe bestand aus zwei erwachsenen und einem jungen Männchen sowie sechs erwachsenen und zwei jungen Weibchen.

Drei der ausgewachsenen Weibchen waren erst kurz zuvor zur Gruppe gekommen. Bald nach Beginn der Studie wurden drei weitere erwachsene Weibchen in die Gruppe gebracht, zudem gab es Rangordnungskonflikte zwischen den beiden erwachsenen Männchen. Die Gruppe sei daher während der Untersuchung sehr instabil gewesen und es habe viel Potential für Rangeleien gegeben.

Vom Februar 2007 bis November 2008 beobachteten die Forscher die Schimpansen. Im Anschluss wurden die Ergebnisse mit Aufzeichnungen verglichen, die zuvor bei Studien mit drei weiteren Schimpansengruppen in den Zoos in Basel, Chester (Großbritannien) und Arnheim (Niederlande) erstellt worden waren.

Manchmal bekommt auch der Schlichter Prügel

Bei der Gossauer Gruppe seien insgesamt 438 Konfliktsituationen erfasst worden, bei 69 habe sich ein unparteiischer Vermittler eingemischt. Als Schlichter wurde stets nur eines der beiden ranghohen Männchen aktiv, schreiben die Forscher. Oft habe es genügt, wenn sich das jeweilige Männchen den Streithähnen näherte. In einigen Fällen habe es den Kontrahenten aktiv gedroht oder sich zwischen diese gestellt. 60 der 69 Schlichtungsversuche seien erfolgreich gewesen.

Ähnliches ergab die Auswertung der Ergebnisse in den anderen Gruppen. In Chester und Arnheim vermittelten allerdings auch ranghohe Weibchen bei Streitigkeiten. Für den Vermittler sei die Schlichtung zwischen aufgebrachten Affen nicht ungefährlich, schreiben die Forscher. Mitunter ziehe er oder sie die Aggressionen auf sich. Möglicherweise seien deshalb vor allem ranghohe Tiere Schlichter.

Hilfsbereitschaft ist von Schimpansen bereits bekannt. Die Tiere sind in der Lage, Wünsche ihrer Artgenossen zu verstehen - und ihnen Unterstützung anzubieten. Auch uneigennütziges Verhalten haben Forscher bereits beobachtet. Nun also das Konfliktmanagement. Das sei für das Zusammenleben sozialer Gruppen von großer Bedeutung, so die Forscher. Die Fähigkeit könne als frühe evolutionäre Stufe der Moral angesehen werden. Mehr Stabilität in der Gruppe sei ein wichtiger Überlebensvorteil, das Engagement von Vermittlern sei deshalb evolutionär sinnvoll.

chs/dpa

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