Tierische Wanderungen Das große Kriechen, Laufen, Fliegen

Sie legen Tausende Kilometer zurück, viele sterben auf dem Weg - und doch ist nur so ihr Überleben gesichert. Ob Antilopen oder Lachse, Zugvögel oder Schmetterlinge; zu Millionen suchen Tiere ihre Winterquartiere auf. Die Geschichte von der gewaltigen Migration.

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Von Jürgen Nakott


Im Wildschutzgebiet Masai Mara ist Mitte September die Savanne weitgehend abgegrast, die großen Herden werden unruhig. Ihr Instinkt befiehlt ihnen, dem Regen hinterherzuziehen, südwärts in die Serengeti und hinab auf die satten Weiden am Ngorongoro-Krater. Dort bringen sie zwischen Dezember und April ihre Jungen zur Welt, ehe sie sich wenige Monate später erneut auf den viele hundert Kilometer langen Rückmarsch nach Kenia machen.

1,2 Millionen Gnus, 200.000 Zebras und knapp doppelt so viele Thomsongazellen bilden die Hauptmasse dieses alljährlichen Wanderzugs durch den Osten Afrikas. Bei dem nun hier am Flussübergang die nächste Etappe ansteht. Aber die Zebras zögern. Gegen den Druck der von hinten drängenden Gnus wenden sie sich wieder vom Ufer ab. An diesem Morgen ist es schon der dritte abgebrochene Anlauf, den Fluss zu überqueren. Zu Dutzenden sind sie in den vergangenen Tagen beim Versuch, ans andere Ufer zu schwimmen, ertrunken.

Diesseits und jenseits des Flusses stehen die Jeeps Motorhaube an Motorhaube, darin Touristen hinter Kameras mit halbmeterlangen Objektiven. Aber Joubert beruhigt mich: Solange wir in den Autos bleiben und genug Platz am Ufer lassen, stören wir die Tiere nicht. Sie nehmen uns nicht als Gefahr wahr. Er muss es wissen. Der Mittfünfziger mit dem weißen Vollbart ist einer der besten Kenner der Grosstierwelt Afrikas. Der Amerikaner ist wie seine Frau Beverly in Südafrika geboren. Für die National Geographic Society haben beide wesentlich zur wohl aufwendigsten Fernsehproduktion unserer Tage beigetragen: zur Serie "Great Migrations - das große Wunder der Tierwanderungen", die derzeit in 166 Ländern im National Geographic Channel ausgestrahlt wird.

Seit einem Vierteljahrhundert versuchen "die Jouberts", wie sie allgemein genannt werden, den Menschen nahezubringen, wie wichtig die Erhaltung der Tierwelt auch für uns selber ist: "Wir müssen einsehen, dass wir alle Teil eines Ganzen sind. Dass in der Ökologie alles mit allem zusammenhängt. Dass wir am Ende uns selber schaden, wenn wir der Natur schaden." Eine oft gehörte Aussage, doch das Beispiel der Wanderung von Gnus und Zebras zeigt, wie sehr sie zutrifft.

Denn der Zugweg der Tiere könnte schon bald blockiert sein.

Die Regierung von Tansania will eine Straße quer durch den Serengeti-Nationalpark bauen, um die Region am Viktoriasee mit den Häfen am Indischen Ozean zu verbinden. Die für Schwerlaster ausgelegte Trasse würde die Route der Gnus, der Zebras und der Gazellen auf voller Breite durchschneiden. Um Kollisionen der Trucks mit den Tieren zu verhindern, müsste sie beidseitig eingezäunt werden.

Das wäre nicht nur das Ende der Tierwanderung in der Serengeti. Das könnte das Ende der Serengeti selbst bedeuten. Wieso, das hat mir wenige Tage zuvor in Frankfurt am Main Christof Schenck erklärt, der Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft. "Die Tiere müssen dem Regen folgen, damit sie immer genug Futter finden", sagte Schenck. Wenn sie nicht mehr wandern können, wächst das Gras in den Monaten, in denen sie fort sind, nicht ausreichend nach. Müssten die Tiere ortsfest bleiben, könnte die Savanne maximal 200.000 Gnus ernähren.

Ähnlich wäre es mit den Zebras und den Gazellen. Die meisten würden über kurz oder lang verhungern. Nun nehmen Sie von den derzeit knapp zwei Millionen Grasfressern drei Viertel aus dem System heraus. Was fressen dann die Löwen und Geparde, die Hyänen und Schakale, die Geier und die Adler? Außerdem würde die Savanne verbuschen, wenn sie nicht ständig abgeweidet würde. In ein paar Jahren käme es dann zu großen Waldbränden anstelle der heutigen oberflächlichen Grasfeuer.

Das gefährdet den Rest der Tierwelt, die Vögel genauso wie Elefanten, Nashörner und Giraffen. Ohne die großen Tiere aber kommen auch die Touristen nicht mehr, auf deren Geld Kenia und Tansania angewiesen sind, prophezeite Schenck. Joash Motari, ein Wildhüter im Reservat Masai Mara, sagt es kürzer: Die Straße in Tansania tötet die Gnus. Sie zerstört die Serengeti. Sie ist eine Gefahr für alle Menschen in Ostafrika.

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