Tierquälerei in Thailand Das makabere Geschäft mit den Tempeltigern

Sie werden geprügelt, am Schwanz gezogen, mit dem Urin von Artgenossen bespritzt: In einem thailändischen Kloster werden systematisch Tiger misshandelt. Touristen lassen sich für viel Geld mit den Tieren fotografieren, Artenschützer sind entsetzt.

Von , Bangkok


Anfassen ist erlaubt. Wer 1000 Baht, rund 20 Euro, zahlt, darf sogar den Kopf des Tigers auf den Schoß nehmen und kraulen. Aber schnell muss es gehen. Nach ein paar Sekunden werden die zahlenden Gäste von emsigen Helfern in giftgrünen Hemden weitergeschleift. Ein Foto, zack, zack, dann muss es weitergehen. Der Tiger Canyon ist nun wirklich nicht der richtige Ort für Meditation.

Die nächsten Besucher warten schließlich. Einige Dutzend sind es derzeit, die hinter dem Absperrband ausharren und schwitzen: Touristen in Badelatschen und T-Shirts, Hausfrauen, aufgebrezelte Ladyboys aus Bangkok, langhaarige Freaks auf Durchreise, Geschäftsleute im Business-Look, Familien mit kleinen Kindern – alle warten auf ihren kleinen Thrill, das eine Bild: der Tiger und ich.

Rund zehn der seltenen Wildkatzen liegen dafür zu ihrem Pläsier bereit: träge, wie benommen, in der brütenden Tropenhitze dösend lassen sie das Spektakel fast teilnahmslos über sich ergehen. Sie wirken, als hätte man ihnen Beruhigungsmittel eingeflößt, merkwürdig weggetreten; mit ausgestreckten Pfoten; dumpf in die Gegend glotzend. Traurig.

Rummel im Kloster

Das buddhistische Kloster Wat Pa Luangta Bua Yannasampanno, rund zweieinhalb Autostunden westlich von Bangkok gelegen, hat es als Tiger-Tempel mittlerweile zu einer kleinen Berühmtheit in Thailand gebracht. Rund 15 Tiger halten sich ständig in der Obhut der Mönche auf. Doch wichtiger für die Klosterkasse: Tag für Tag strömen Hunderte Besucher hierher, an Spitzentagen wurden schon 880 Gäste gezählt. Vom Kleinkind bis zum Rentner zahlen alle 300 Baht, rund sechs Euro, Eintritt - für thailändische Verhältnisse eine ganze Menge Geld.

Der Hype begann, nachdem der Fernsehsender "Animal Planet" über die Mönche mit ihrer Vorliebe für den Panthera Tigris, den Tiger, berichtete. Mittlerweile stehen die Omnibusse der Reiseunternehmen Schlange vor dem Eingang der Anlage nahe der burmesischen Grenze. Ein gewaltiger Rummel. Viel Geld. Tierquälerei, sagt die Tierschutzorganisation "Care for the Wild International".

Über drei Jahre lang haben die Aktivisten das Treiben im "Tiger Temple" beobachtet. Jetzt stellen sie ihren verstörenden Bericht vor. Die Mönche betreiben "illegalen Handel mit Tigern, misshandeln die Tiger, die im Tempel gehalten werden, systematisch physisch; hochgefährlich ist der Kontakt mit den Tieren auch für die Touristen", so der vernichtende Befund des Berichts "Exploiting the Tiger".

Die Mönche behaupten, 1999 seien ihnen die ersten Tigerbabys von Dörflern und Polizisten zur Pflege übergeben worden. Man hätte die Tiere zuvor Wilderern entrissen und sie in Sicherheit gebracht. Im Laufe der Jahre seien es immer mehr Tiere geworden. Einige hätten sich auch vermehrt. Gut möglich, dass es so begonnen hat. Mittlerweile, ist "Care for the Wild" überzeugt, handelt es sich bei dem Tigertempel aber um ein illegales "Zuchtzentrum für Tiger, die hier einzig für Touristen und den finanziellen Nutzen des Tempels gehalten werden".

Immer wieder würden Tiere verkauft und andere aus Laos importiert. Und was noch schlimmer wiegt: Die Tierhaltung ist katastrophal. Stundenlang werden die Großkatzen ungeschützt der unerträglichen Hitze ausgesetzt. Die Beton- oder Eisenkäfige sind klein und verdreckt. Die Nahrung nicht artgerecht. So werden die Tiere mit Katzen- und Hundefutter und gekochtem Hühnerkadaver gefüttert. Die Mönche behaupten, sie wollten dadurch den Blutdurst der Tiere bremsen. Experten sind darüber entsetzt. Tiger benötigen rohes Fleisch in ausreichender Menge, damit sie genug Vitamine erhalten.

Mit Felsbrocken beworfen, mit Stöcken geschlagen

Um die Tiere gefügig zu machen, werden die Tiger zudem mit Felsbrocken oder Stöcken geschlagen, am Schwanz in die richtige Position für die Touristen gezerrt und mit dem Urin anderer Tiger bespritzt. Mit dem Urin markieren rivalisierende Tiere normalerweise ihr Territorium. Eine Ladung davon direkt ins Gesicht ist schlimmer als ein Faustschlag. Kein Wunder, dass viele Tiere Anzeichen schwerer Verhaltensstörungen zeigen: Sie wackeln stundenlang stupide mit dem Kopf hin und her. Hier ist das traurige Ende einer stolzen Art zu besichtigen, der größten Katze, die die Erde noch bevölkert.

Denn sie sind die letzten ihrer Art. Gerade einmal 5000 bis 7000 Tiger soll es noch in freier Wildbahn geben, nur noch 250 bis 500 davon in Thailand. Von neun Subspezies sind drei bereits vollständig ausgerottet, und ihr Lebensraum wird immer kleiner. Die Tiere fallen der Zerstörung ihrer Umgebung zum Opfer oder werden gnadenlos von Wilderern gejagt, die ihre Felle verkaufen und ihre Penisse zu Potenzmitteln zerhacken.

Einige hundert Meter vom Tiger Canyon entfernt befinden sich zwei Jungtiere. Eins sitzt neben einem zerbissenen Gummiball in einem engen Gitterkäfig, das andere muss neben ein paar kichernden Urlaubern für Fotos posieren. Immer wieder werden die Besucher von Mitarbeitern des Tempels aufgefordert, Geld zu spenden. Stundenlang verharren die Tiere neben ihnen, an der Kette oder im Käfig.

Den Tieren scheint nun ein trauriges Schicksal in dem Kloster beschieden. Dabei sollen gerade Buddhisten gegenüber anderen Lebewesen besondere Milde walten lassen. Das Tier gilt ihnen als Bruder des Menschen. Es darf nicht grundlos getötet und soll geachtet und geschützt werden. Im Tiger-Tempel ist davon wenig zu spüren. Hier herrscht der Mammon.

Und es gibt wenig Hoffnung für die Tempeltiger. Die mit Kindermilch und Hundefutter aufgezogenen Tiere können nicht mehr ausgewildert werden. Bislang haben sich die Mönche sogar geweigert, die DNA der Tiger feststellen zu lassen. Es könnte womöglich ans Tageslicht kommen, dass sie gar nicht aus Thailand stammen.



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