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11. Juni 2012, 11:01 Uhr

Tierschützer empört

Dänemark will mehr Wale fangen

Die Jagd auf Meeressäuger ist umstritten, Länder wie Japan oder Island stehen regelmäßig am Pranger. Nun fordert Dänemark höhere Fangquoten für Grönlands Ureinwohner. Tierschützer fürchten, dass andere Länder nachziehen.

Kopenhagen/Berlin - Beim Walfang schienen die Fronten bislang klar zu sein: Japan, Norwegen und Island betreiben das Geschäft in großem Stil und lassen sich nicht reinreden. Vor dem nächsten Treffen der Internationalen Walfangkommission (IWC) im Juli steht nun jedoch Dänemark in der Kritik. Das Land will höhere Fangquoten für sein Außengebiet Grönland durchdrücken.

Kritik kommt aus Deutschland. Das zuständige Bundeslandministerium für Wirtschaft sieht den dänischen Vorstoß kritisch. "Aus unserer Sicht ist es nicht nachvollziehbar, dass Dänemark zum Beispiel bei Finnwalen noch zusätzliche Abschussquoten durchsetzen will, obwohl die früheren Quoten nicht annähernd ausgeschöpft wurden", sagt ein Ministeriumssprecher.

Der Abgeordnete Jo Leinen (SPD) im Europäischen Parlament befürchtet: "Dieses Verlangen nach mehr Walfang wird sofort einen Dominoeffekt bringen." Fordere Dänemark höhere Quoten, könnten andere Walfangnationen nachziehen. Die Dänen wollten mit ihrem Vorstoß die Tür für eine ausgeweitete Jagd öffnen. "Da fängt man mit drei Walen an und landet bei 30 oder 300. Das ist die Politik dahinter."

Der kommerzielle Walfang ist - eigentlich - seit 1986 weltweit per Moratorium verboten. In der Praxis gibt es allerdings Schlupflöcher. Für Norwegen und Island ist das Übereinkommen nicht bindend, weil die Länder Einspruch beziehungsweise Vorbehalte erhoben haben. Japan deklariert seinen Walfang als wissenschaftliche Forschung. In Grönland dürfen die Ureinwohner per Sondergenehmigung für den Eigenbedarf auf Walfang gehen.

"19 statt 10 Finnwale und 10 statt 9 Buckelwale"

Ole Samsing sieht sein Land zu Unrecht im Fadenkreuz der Kritik. Er ist der Bevollmächtigte Dänemarks für die IWC. "Wir wollen doch nur fünf Prozent mehr Wale fangen." Wissenschaftler hätten ausgerechnet, dass höhere Fangquoten den Bestand der Tiere nicht gefährden würden. Ein abschließender Bericht werde kurz vor dem IWC-Treffen veröffentlicht und daran werde sich Dänemark halten. Außerdem sei die Zahl der gebürtigen Grönländer auf der Insel seit 1977 um zehn Prozent gewachsen. Sie äßen traditionell Walfleisch und müssten dafür auch mehr fangen dürfen.

Artenschützer werfen Dänemark hingegen ein gefährliches Spiel vor. "Mit seiner Außenseiterrolle unterläuft Dänemark die Bemühungen der EU-Staaten, Wale besser zu schützen", sagt Sandra Altherr von Pro Wildlife. Die Tierschutzorganisation hat zusammen mit anderen einen Bericht veröffentlicht, in dem Dänemark vorgeworfen wird, dass es seit 20 Jahren aktiv die Walfangländer Japan, Norwegen und Island unterstützt.

Dänemarks IWC-Bevollmächtigter Samsing sagt: "Es ist nicht gut, wenn es kein Gleichgewicht beim Fang von verschiedenen Tieren gibt." Einige Arten besonders unter Schutz zu stellen, gefährde das Gleichgewicht. Bei der IWC habe sein Land die Forderung eingereicht, insgesamt zehn Wale mehr als bisher fangen zu dürfen: 19 statt 10 Finnwalen und 10 statt 9 Buckelwalen. "Darin sollte uns die EU auch unterstützen." Noch bis Ende Juni habe Dänemark die EU-Ratspräsidentschaft inne, beim IWC-Treffen in Panama seien seine Nachfolger aus Zypern an der Reihe. Die Konferenz beginnt in dieser Woche mit Meetings von Wissenschaftlern und endet mit dem jährlichen Kommissionstreffen vom 2. bis 6. Juli.

Die dänische Politikerin und Europaparlamentarierin Margrete Auken fordert, dass sich die EU-Länder bei der Konferenz gegen den Vorstoß von Dänemark stellen. "Die dänische Regierung unterstützt die Forderung, weil sie im Parlament auf die Stimmen der Abgeordneten aus Grönland angewiesen ist", sagt Auken. Höhere Fangquoten machten aber selbst für die Grönländer keinen Sinn. "Die legen das zusätzliche Fleisch vermutlich einfach in die Gefriertruhen." Es sei schwer vorstellbar, dass die Nachfrage stark gestiegen sei.

Jo Leinen geht in seiner Kritik einen Schritt weiter. "Offensichtlich bildet sich da eine Walfangindustrie heraus." Die getöteten Wale können beispielsweise an Japan verkauft werden. "Es ist ein schlechtes Signal, dass ausgerechnet aus Europa das Moratorium aufgebrochen wird."

hda/dpa

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