Tierseuche in England Suche nach Virus-Herd geht weiter

Drei Tage nach Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Südengland steht noch nicht fest, woher das Virus stammt. Der Betreiber eines nahen Labors verweist auf strenge Sicherheitsvorkehrungen: Sie sollen einen Ausbruch verhindern. In dem Labor wurde an dem Erreger geforscht.

London - Die neuen Fälle von Maul- und Klauenseuche sorgen in den britischen Zeitungen für große Aufregung. Den Blattmachern des "Daily Mirror" fiel die Überschrift "Farmageddon" ein - ein Mix aus "Farm" und dem biblischen Katastrophenort Armageddon. Im seriöseren "Guardian" werden Theorien zur Verbreitung des Virus aufgestellt, obwohl erste offizielle Zwischenergebnisse der Untersuchung der verdächtigen Labors Pirbright erst am morgigen Dienstag vorliegen werden.

"Hochrangige Regierungsbeamte" gehen laut "Guardian" davon aus, dass Mitarbeiter des zum US-Konzern Merial Animal Health gehörenden Pirbright-Labors das Virus versehentlich an ihrer Kleidung oder an einem Auto bei einem Besuch auf die benachbarte Rinderfarm des Viehzüchters Roger Pride eingeschleppt hätten.

In dem Labor waren im Juli größere Mengen an Impfstoffen aus einem abgeschwächten Virusstamm der Seuche hergestellt worden. Derselbe Stamm war am Freitag bei Rindern einer fünf Kilometer entfernten Farm entdeckt worden. Daraufhin wurden auf dieser und einer benachbarten Farm bislang rund 120 Rinder getötet. Nur bei einigen der Tiere wurde die Seuche nach Informationen des Sender BBC tatsächlich diagnostiziert.

Der letzte Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) in Deutschland liegt fast 20 Jahre zurück. 1988 seien MKS-Viren aus einem Impfstoffwerk in Großburgwedel (Niedersachsen) entwichen, sagte der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, Thomas Mettenleiter. Damals erkrankten Tiere in der Nähe des Impfstoffwerks. Impfungen wurden in der EU später wegen zahlreicher Probleme verboten.

Labors, die mit dem Erreger der Maul- und Klauenseuche (MKS) arbeiten, etwa um Grundlagenforschung zu betreiben oder um Impfstoffe herzustellen, müssen strenge Sicherheitsvorkehrungen einhalten. Das Virus aus der Familie Picornaviridae darf in Deutschland nur in Hochsicherheitslabors der Stufe 4 untersucht werden. Dies geht aus einer Liste risikobewerteter Spender- und Empfängerorganismen  hervor, die das Bundesministerium für Gesundheit im Jahr 2001 veröffentlicht hat.

Im Schutzanzug unter die Säuredusche

Damit gelten für das Maul- und Klauenseuche-Virus ähnlich strenge Vorschriften wie beispielsweise am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, wenn dort mit Erregern des Lassafiebers gearbeitet wird, die im Unterschied zu MKS-Viren gefährlich für Menschen sind. "Die Mitarbeiter tragen Ganzkörperschutzanzüge und müssen damit durch eine Säuredusche, wenn sie das Labor verlassen", sagte Barbara Ebert, Sprecherin des Instituts, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Säure tötet alle Viren ab, die möglicherweise auf dem Anzug haften können."

Viren könnten nur auf zwei Wegen aus Laboren gelangen, sagte Ebert: über kontaminierte Gegenstände oder über infizierte Menschen. Bei den höheren Labor-Sicherheitsstufen 3 und 4 werde sicherheitshalber auch die Laborluft gefiltert. Benutzte Kanülen oder Abfälle aus dem Hochsicherheitslabor müssten die Mitarbeiter direkt vom Labor aus in sogenannte Autoklaven ablegen. Darin wird das Material unter Druck gesetzt und stark erhitzt, um möglicherweise daran haftende Viren zu vernichten werden. "Nur inaktiviertes Material verlässt das Labor", betonte Ebert.

"Alle Vorsichtsmaßnahmen" für Deutschland, in England 110.000 Farmbetriebe betroffen

Eine Untersuchung des Labors von Merial Animal Health in Südenglang hat bislang keine konkreten Hinweise für eine Verbindung mit dem Ausbruch der Krankheit auf der Farm ergeben - das teilte zumindest das Unternehmen am heutigen Montag mit. "Wir arbeiten nach den höchsten internationalen Standards und wir haben absolutes Vertrauen in die Integrität unserer Operationen", sagte Merial-Direktor David Biland.

Zuvor hatte bereits ein staatliches Forschungsinstitut, auf deren Gelände sich das Merial-Labor befindet, jeden Verdacht von sich gewiesen. Alle Sicherheitsvorschriften seien eingehalten worden. Das Institut hatte kleinere Mengen des Virus für Forschungszwecke benutzt.

Transportverbot verhängt

Beide Einrichtungen werden seit Sonntag im Auftrag der britischen Regierung von unabhängigen Epidemie-Experten untersucht. Mit einem ersten Zwischenbericht wird am Dienstag gerechnet. Bislang sind keine neuen Fälle der Maul- und Klauenseuche aufgetreten. Das Verbot sämtlicher Transporte von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen blieb dennoch weiter bestehen. Betroffen sind mehr als 110.000 Farmbetriebe.

Die Bundesregierung sieht nach dem MKS-Ausbruch in England derzeit keine Gefahr für Deutschland. "Es sind alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen", sagte Agrarstaatssekretär Gerd Müller (CSU) am Montag. Eine Telefonkonferenz der "Task Force Tierseuchen" von Bund und Ländern ergab, dass bisher kein Tier in Deutschland die Seuche aufweist. Unter Beobachtung stehen 39 Schafe und ein Rind sowie zwei Zootiere. Mehrere Bundesländer gaben bereits Entwarnung für Tiere aus England. Für Verbraucher und Landwirte in Deutschland bestehe kein Anlass zur Sorge, sagte Müller.

"Es gibt bisher keine Anzeichen, dass die aus Großbritannien eingeführten Tiere das Virus MKS in sich tragen", sagte ein Sprecher des Bundesverbraucherschutzministeriums. "Entwarnung kann bereits gegeben werden für das Rind, das nach Schleswig-Holstein gekommen ist und die Schafe, die nach Rheinland-Pfalz eingeführt wurden." Die betroffenen Höfe würden beobachtet. Die 39 Schafe wurden nach Ministeriumsangaben an drei Betriebe in Hessen und je einen Betrieb in Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geliefert, zwei Tiere an den Dresdner Zoo. Alle Tiere stammen aus Gebieten, die mehr als 100 Kilometer vom Ausbruchsort in England entfernt sind, sagte Müller. Weitere Testergebnisse werden an diesem Dienstag erwartet.

hda/dpa