Tod in Pompeji 19 Stunden in der Hölle

2. Teil: Der letzte Akt des Untergangs - wie das Ende Pompeji besiegelt wurde und warum es für die Menschen kein Entkommen gab


"Die Einwohner von Pompeji sahen die Eruptionssäule 32 Kilometer hoch aufsteigen", sagt der Forscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Eine riesige Wolke verdunkelte die Sonne. Bimsstein regnete vom Himmel und bedeckte alles unter sich. Auch ich hätte meine Familie, meine Kinder genommen und versucht, so schnell wie möglich vor dem Vulkan zu fliehen."

Immer dichter fiel das vulkanische Material. Mit jeder Stunde wuchs der Belag auf den Straßen um 15 Zentimeter. Bald konnten die Dächer der Häuser das Gewicht nicht mehr tragen. Gegen 19 Uhr, so die Berechnungen der Forscher, gab das Dach im vorderen Teil von Polybius' Villa nach. Die Familie flüchtete in den hinteren Teil. Dort war das Dach steiler, so dass die Asche herunterrutschen konnte. Die Geräuschkulisse muss beängstigend gewesen sein. Unter dem Brüllen des Vesuvs hörte man die ganze Nacht das Krachen einstürzender Häuser.

Minutiöse Rekonstruktion dank Plinius

Dank der Aufzeichnungen des Plinius konnten die Wissenschaftler die Schäden an Polybius' Villa in ein zeitliches Raster einordnen und das Verhalten der Bewohner nachvollziehen. "Wir verstanden erst dann, warum die Leichen ausgerechnet in den hinteren Räumen unter dem steilen Dach lagen", sagt Scarpati. "Die Familie hatte sich in den sichersten Teil des Hauses zurückgezogen."

Als sich die Katastrophe ihrem Finale näherte, kauerten die werdende Mutter und ihr Mann in der nordwestlichen Ecke des Raumes. Zwei weitere Personen befanden sich auf Liegen. Vielleicht versuchten sie noch, trotz des Lärms ein wenig zu schlafen.

Der Tod kam in den frühen Morgenstunden des 25. August. Die feurige Eruptionssäule über dem Vulkan brach in sich zusammen. Pyroklastische Ströme schossen ins Tal. Der bis zu 800 Grad heiße Gluthauch aus heißen Gasen und geschmolzenem Gestein löschte alles Leben in seinem Weg aus. "Der erste pyroklastische Strom kam von Norden und rollte über den hinteren Teil des Hauses hinweg", sagt Scarpati. "Er rauschte in den Garten und zur Vorderseite des Hauses. Es gab kein Entkommen. Die Asche drängte sich in jede Ritze und erstickte die Bewohner."

Einige Menschen haben selbst diese Hölle noch überlebt. "Wir fanden Opfer draußen auf den Straßen, die deutlich über der Schicht aus der Basaltasche des ersten pyroklastischen Stroms lagen", sagt Scarpati. Sie starben erst in einer der fünf weiteren Glutwalzen, die bis zum Morgengrauen folgten.

Die Sonne ging nicht auf an jenem Tag. Zu dicht war der feine Ascheregen, der immer noch auf die Stadt niederging. Zwischen 7 und 8 Uhr kollabierte auch das Dach über dem hinteren Teil der Villa des Polybius. Erst dann wurde es still.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.