Tokio Forscher warnt vor Erdbeben in wenigen Stunden

In Japan macht sich Unruhe breit. Ein Wissenschaftler behauptet, einen Weg zur Vorhersage schwerer Erdbeben gefunden zu haben - und dass Tokio am Dienstag oder Mittwoch Opfer einer Katastrophe wird. Forscherkollegen zweifeln, die Bürger sind besorgt.


Schäden nach dem Erdbeben von Kobe 1995: Warnung für Tokio
AFP

Schäden nach dem Erdbeben von Kobe 1995: Warnung für Tokio

Yoshio Kushida machte bisher vor allem als Autodidakt auf dem Gebiet der Astronomie von sich reden. Mit seinem privaten Yatsugatake-Observatorium spürt er seit 1985 mit Radiowellen vorbei fliegenden Meteoriten nach. Zwei Kometen, die er entdeckte, tragen seinen Namen. Vor acht Jahren forderte ein Erdbeben in der japanischen Großstadt Kobe 6000 Menschenleben - Kushida wandte sich der Seismologie zu.

Allerdings blieb der Forscher den Radiowellen treu, und mit ihnen will er nun auch Erdbeben vorhersagen. Seine Theorie: Wenn sich vor größeren Beben unter der Krume der Druck erhöht, beeinflussen Magma-Bewegungen und winzige Risse in der Erdkruste elektrisch geladene Partikel in der Atmosphäre. Die daraus resultierenden elektromagnetischen Veränderungen verraten laut Kushida bevorstehende Erdstöße.

Zeitungen griffen Warnung auf

Auf der Basis von Daten früherer Erdbeben, unter anderem dem von Kobe, kam der Forscher zu dem Schluss, dass ein machtvolles Beben der Stärke sieben oder höher wahrscheinlich schon sehr bald die Kanto-Ebene erschüttern werde, auf der Tokio liegt. Solche Worte fallen in einer Stadt, die 1923 durch ein Erdbeben und nachfolgende Feuersbrünste mehr als 120.000 Einwohner verlor, auf fruchtbaren Boden. Kushida veröffentlichte seine Warnung auf seiner Internet-Homepage, und wenig später stand sie in einem Wochenmagazin und einer großen Tageszeitung.

Skyline von Tokio: Angst in der Hauptstadt
AP

Skyline von Tokio: Angst in der Hauptstadt

Seitdem geht in Japans Hauptstadt die Angst um. Kushidas Warnung verbreitete sich der Nachrichtenagentur AP zufolge durch Mundpropaganda wie ein Lauffeuer. Einige nervöse Tokioter hätten bereits für Hamsterkäufe die Supermärkte besucht und sich mit Wasser, Konserven und Kerzen eingedeckt.

Nichtbeachtung durch etablierte Wissenschaft

Etablierte Seismologen dagegen straften Kushida mit Nichtbeachtung. Zwar herrscht unter ihnen weitgehende Einigkeit darüber, dass ein schweres Erdbeben in der Gegend um Tokio überfällig ist. Die Vorhersage einer solchen Katastrophe aber, erst Recht mit genauem Zeitpunkt und Stärke, gilt unter Wissenschaftlern als technische Unmöglichkeit. "Wir sind in Japan auf ein Erdbeben der Stärke acht vorbereitet", sagte Yukio Misumi, Sprecher der Zentralen Meteorologie-Behörde. "Aber wir können keine Erdbeben voraussagen." Alles andere sei die persönliche Meinung Kushidas.

Kushida aber hielt seine Hinweise für so eindeutig, dass er sich zu einer öffentlichen Warnung genötigt sah - auch wenn er dadurch seinen Ruf als Wissenschaftler aufs Spiel setzt. "Sollte sich meine Vorhersage ein falscher Alarm erweisen, kämen wahrscheinlich viele Beschwerden und Belästigungen auf mich zu", sagte Kushida gegenüber AP. "Das könnte sogar das Ende meiner Forschung sein." Auf der anderen Seite aber wäre es "schrecklich, die Menschen nicht vor einer möglichen Katastrophe zu warnen, wenn sich ein Beben tatsächlich ereignet".



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