Bizarres Urtier Forscher enträtseln Nashorn mit Nilpferdkopf

Die heute ausgestorbenen Tiere Toxodon und Macrauchenia erinnern an ein Nashorn mit Flusspferdkopf und ein kamelartiges Wesen. Nun haben Forscher die Stammesgeschichte der bizarren Säuger aus Südamerika rekonstruiert.

Kamelähnliches Macrauchenia (Illustration): Das Tier gehört zu den südamerikanischen Huftieren, die vor einigen Millionen Jahren ausstarben
DPA/ Peter Schouten/ W. Norton Publishers

Kamelähnliches Macrauchenia (Illustration): Das Tier gehört zu den südamerikanischen Huftieren, die vor einigen Millionen Jahren ausstarben


London/Leipzig - Wissenschaftler haben ein Jahrzehnte währendes evolutionäres Rätsel um zwei bizarre Wesen aus Südamerika gelöst. Dem internationalen Team ist es gelungen, die ausgestorbenen Huftiere in den Stammbaum der Säugetiere einzuordnen und zwar den Toxodon, eine Art Nashorn mit Flusspferdkopf, und die Macrauchenia, ein kamelartiges Wesen.

Seit Langem ist umstritten, ob Toxodon und Macrauchenia eher mit heutigen Unpaarhufern wie Pferden und Nashörnern verwandt sind oder doch mit den Afrotheria, zu denen etwa Elefanten gehören. Weder morphologische Untersuchungen noch Studien mit Erbgut konnten die Frage bislang klären. "Bei allen älteren Fossilien ist die genetische Information durch die natürliche radioaktive Hintergrundstrahlung zerstört", erklärt Thomas Martin von der Universität Bonn.

Eine verbesserte Methode brachte nun die Lösung: Demnach sind die bizarren Urtiere offenbar eng mit Pferden, Nashörnern und Tapiren verwandt - aber nicht mit Elefanten.

Toxodon (Illustration): Verwandt mit Pferden, Nashörnern und Tapiren
DPA/ Peter Schouten/ W. Norton Publishers

Toxodon (Illustration): Verwandt mit Pferden, Nashörnern und Tapiren

Die Forscher um Ian Barnes vom Naturkundemuseum in London hatten Kollagen aus 48 Knochenproben von Toxodon und Macrauchenia untersucht. Kollagen ist ein Struktureiweiß, das in unterschiedlichen Geweben des Körpers wie Knochen oder Bindegewebe vorkommt. "Kollagen ist für uns besonders interessant, weil es viel langsamer als DNA und als andere Eiweiße zerfällt", erklärte Mitautor Frido Welker vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Die Analyse des Kollagens der Urtiere und den Vergleich seiner Proteinstruktur mit dem Kollagen heutiger Säuger brachte schließlich Gewissheit über die Verwandtschaftsverhältnisse. Grundsätzlich sei die Methode nicht neu, erklärt Welker. "Wir haben sie jedoch so verbessert, dass wir 90 Prozent der Sequenz des Kollagens analysieren konnten."

In Zukunft wollen die Paläontologen auch andere Knocheneiweiße für ihre Untersuchungen heranziehen. "Außerdem wollen wir versuchen, noch ältere Proben mithilfe fossiler Proteine zu analysieren", erklärt Welker.

Südamerikanische Huftiere bildeten ab dem Paläozän, also vor etwa 60 Millionen Jahren, eine riesige, sehr vielfältige Gruppe heute ausgestorbener Säugetiere. Sie lebten isoliert in Südamerika.

"Die heutige Säugetierwelt Südamerikas hat mit der früheren stammesgeschichtlichen Entwicklung auf diesem Kontinent ganz wenig zu tun", so Martin. "Vikunjas oder Lamas, die man heute als die dortigen Charaktertiere ansieht, sind ganz junge Einwanderer. Mehrere Millionen Jahre war die Fauna von den Notoungulaten dominiert."

Notoungulaten sind eine der fünf Untergruppen der Südamerikanischen Huftiere. Dazu zählt auch der Toxodon, der vermutlich bis zu zwei Tonnen wog. Zur Untergruppe der Litopterna gehören kamelartige Säuger wie die Macrauchenia. Bereits Charles Darwin hatte in Südamerika Knochen der Macrauchenia und des Toxodon gefunden - letztere zählte er zu den "seltsamsten jemals entdeckten Tieren".

Fotostrecke

11  Bilder
Evolution: Die Herrschaft der Großgarnelen

nik/dpa

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
knok 18.03.2015
1. Die Bezeichnung
ist streng genommen in diesem Zusammenhang nicht korrekt. Das Schwestertaxon der Afrotheria müsste eigentlich Lauraseriatheria lauten, neben Xenarthra (Nebengelenktiere) und Euarchontoglires (z.B. wir). Aber macht nix, trotzdem ein interessanter Artikel. Hätte die Tiere gerne in echt gesehen, die sehen lustig aus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.