Trampelpfade Dickhäuter meiden Hügel und Berge

Bergsteigen ist Elefanten zu anstrengend, selbst sanfte Hügel meiden sie. Das zeigen Satellitenortungen. Warum die Dickhäuter lieber Umwege laufen als mehr zu fressen, erklären die Forscher per Speisekarte: Die Kletterfaulheit ist in Wahrheit ein Kalorienproblem.


Oxford - Die Summe der Trampelpfade spricht Bände über die bedächtigen Bewegungen von afrikanischen Elefanten: In Kenia verfolgte der deutsche Biologe Fritz Vollrath die Wege von Tieren, die mit GPS-Satellitenempfängern versehen worden sind. Zusammen mit zwei Kollegen von der gemeinnützigen Organisation "Save the Elephants" entdeckte Vollrath: Die Pfade führten viel häufiger durch ebenes Gelände, als über die Flanken von Hügeln - oder gar Gipfel.

Schuld an dieser Abneigung sei wahrscheinlich der hohe Energieaufwand, den die schweren Tiere bei Bewegungen auf bergigem Terrain aufbringen müssten, schreiben die Zoologen in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Current Biology". So müsste ein Vier-Tonnen-Elefant beim Klettern 40 Mal mehr Energie aufbringen als für die gleiche Wegstrecke auf ebener Erde. "Energiekalkulationen deuten darauf hin, dass sogar kleinere Hügel beträchtliche Hindernisse für schwere Tiere sind", schreiben sie. Bewegten sich die Dickhäuter in flachem Gelände würden sie nur vier Kilojoule Energie je gelaufenem Meter verbrauchen; am Berg würden zusätzlich 160 Kilojoule je Meter nötig.

In Kombination mit Gefahren wie einem erhöhten Verletzungsrisiko, einem potenziellen Wassermangel oder dem Risiko einer Überhitzung beim Klettern sorgt dieser immense Energieaufwand dafür, dass Elefanten Steigungen meiden, schließen die Forscher.

Je 100 Höhenmeter eine halbe Stunde mehr fressen

Um einen Elefanten mit einem Gewicht von vier Tonnen einen einzigen Meter in die Höhe zu wuchten, benötigen die Muskeln etwa 100 Kilojoule oder 25 Kilokalorien zusätzlich. Einen Hügel von 100 Metern Höhe zu erklimmen, kostet den Elefanten eine Energiemenge, für die er eine halbe Stunde lang fressen müsste. Dabei futtern Elefanten bereits 16 bis 18 Stunden täglich Gräser und Blätter.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich in ihrer Studie auf ein Gebiet im zentralen Kenia, das 32.000 Quadratkilometer umfasst und auf dem schätzungsweise 5400 Elefanten leben. Für die aktuelle Studie haben Vollrath und seine Kollegen vier Jahre lang 54 Elefanten beiderlei Geschlechts per Global Positioning Systems (GPS) beobachtet.

Dabei konnten sie auch frühere Forschungsergebnisse bestätigen: Wie schon in anderen Studien beschrieben, nutzten die Elefanten hauptsächlich bestimmte Areale, sogenannte Hot Spots. Diese sind untereinander durch bestimmte Korridore verbunden, die meist durch Gebiete verlaufen, die ansonsten von den Dickhäutern gemieden werden.

Berg Koitogor ist ein weißer Fleck

Auch gänzlich weiße Flecken fanden die Forscher. Sie legten die Elefantenrouten über ein Höhenprofil der Landschaft und bemerkten: Je größer die Steigung in einem Gebiet war, desto seltener waren dort Elefanten anzutreffen. Der große Berg Koitogor ist gar eine "No-Go-Area".

Nach Angaben der Wissenschaftler wandern die Tiere nie über den Koitogor und ignorieren sogar das dort reichlich vorhandene Futter. Das sei ein Hinweis darauf, dass die Abneigung der Tiere gegen bestimmte Gebiete tatsächlich von der Bodenbeschaffenheit und nicht nur von regionalen Faktoren wie Bodenfeuchtigkeit oder Vegetation geprägt wird, schreiben die Forscher.

Die Forscher vermuten sogar, dass diese Abneigung auch die Wahrnehmung der schwergewichtigen Tiere prägt: Sie würden Steigungen sehr viel deutlicher sehen als leichtere Tiere.

Laut Vollrath haben Zoologen auch bei Wapitihirschen untersucht, wie viel Energie das Klettern kostet. Allerdings habe es "keinerlei graphische Darstellungen und Untersuchungen zum Einfluss der Topographie auf Tierwanderungen gegeben", so Vollrath zu SPIEGEL ONLINE.

Wanderverhalten der Elefanten wird weiterhin untersucht

Als nächstes wollen Vollrath und die Kollegen von "Safe the Elephants" sich genauer ansehen, "wie wir diese neuen Einsichten einsetzen können - um herauszufinden, was die Elefanten brauchen, um sich wohl zu fühlen, und was sie benötigen, um auch im Zusammenleben mit Menschen eine Zukunft zu haben".

Da die Menschen immer weiter in die natürlichen Territorien der Elefanten eindrängen, sei es besonders wichtig, die Nischen zu schützen, die den Dickhäutern bleiben.

Die Zukunft der Elefanten zu sichern und deren Lebensräume zu erhalten, hat sich "Save the Elephants" (STE) zur Aufgabe gemacht. Die gemeinnützige Organisation wurde 1993 vom Mitautor der nun präsentierten Studie, Douglas-Hamilton, gegründet. Mit Hilfe von Spendengeldern erforscht STE unter anderem das Verhalten wandernder Elefanten.

fba/ddp



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