Treiber-Ameisen im Regenwald Killer, die Leben spenden

Treiber-Ameisen sind gefürchtete Jäger: Zu Zehntausenden durchpflügen sie das Unterholz im Regenwald und fressen fast alles, was ihnen zwischen die Kiefer kommt. Doch die Raubzüge bringen nicht nur Tod und Zerstörung - Hunderte Tierarten sind als Schlachtenbummler dabei und leben prächtig davon.

Daniel Kronauer

Von Magdalena Hamm


Erst ist es nur ein fernes Rauschen, das durch den Regenwald getragen wird, dann kommt das Geräusch langsam näher und versetzt Vögel und Insekten gleichermaßen in Aufruhr. Verursacht wird es von unzähligen Beinchen auf dem trockenen Waldboden: Treiber-Ameisen der Art Eciton burchellii sind auf Raubzug.

Der Schwarm bedeckt eine Fläche von rund sechs mal drei Metern. Zehntausende Ameisen durchkämmen jeden Quadratzentimeter des Bodens und klettern sogar bis in die höchsten Baumwipfel. Sie machen Jagd auf beinahe alles, was ihnen zwischen die gewaltigen Mundwerkzeuge kommt, und treiben dabei massenhaft Insekten vor sich her.

Darauf haben die Vögel nur gewartet. Ohne große Mühe können sie sich die leckersten Happen herauspicken. Auch Fliegen und Wespen haben leichtes Spiel: Sie stürzen sich auf fliehende Schaben und Heuschrecken und legen ihnen ihre Eier oder Larven auf den Körper. Haben die Flüchtlinge es geschafft, den Ameisen und Vögeln zu entkommen, enden sie nun als Babynahrung.

Die Treiber-Ameisen spielen eine Schlüsselrolle im tropischen Regenwald Mittel- und Südamerikas: Ihre Raubzüge gleichen einem Neustart für die lokale Artzusammensetzung. Zahlreiche Nischen werden auf einen Schlag frei und können von jungen Insektenvölkern oder anderen Arten neu besetzt werden. Wie Biologen jetzt herausgefunden haben, bilden Treiber-Ameisen auch die Grundlage für eines der größten Bündnisse zwischen verschiedenen Arten weltweit: "Wir haben 557 unterschiedliche Spezies gezählt, die in der Gesellschaft dieser einen Treiber-Ameisenart gefunden wurden", sagt Ameisenforscherin Stefanie Berghoff. "Mehr als 300 davon brauchen Eciton burchellii wahrscheinlich zum Überleben, zumindest teilweise."

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Treiber-Ameisen: Raubzug in Scharen
Berghoff gehörte zu dem Team, das dieses Ergebnis im Fachmagazin "Insectes Sociaux" veröffentlicht hat. Die Langzeitstudie ist eine Art Lebenswerk des US-Wissenschaftlers Carl Rettenmeyer, der 2009 nach 55 Jahren aktiver Feldforschung verstarb. Auch Berghoff selbst war viele Male im tropischen Regenwald unterwegs, um die Treiber-Ameisen zu beobachten.

Zahlreiche Raubzüge der Tiere hat sie hautnah miterlebt - eine spektakuläre Erfahrung: "Wenn man ganz ruhig stehen bleibt, fließt die Welle aus Ameisen einfach um einen herum." Fühlen sich die Krabbler gestört, beißen sie auch schon mal zu. Das sei zwar unangenehm, aber nicht weiter schlimm. Allerdings: "Ist der Kiefer der Soldatinnen einmal geschlossen, lässt er sich kaum noch öffnen."

Die Ameisen können sogar kleine Wirbeltiere wie etwa Frösche töten. "Fressen können sie sie aber nicht", erklärt Berghoff. "Ihre Mundwerkzeuge eignen sich nicht zum Schneiden." Die Kadaver sind dagegen ein gefundenes Fressen für andere Tiere.

Die Nutznießer lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

  • Mitfresser, die von den Raubzügen abhängen - etwa die hochspezialisierten Ameisenvögel und Opportunisten wie Schmetterlinge, die zufällig vorbeikommen und sich über den Vogelkot hermachen.
  • Mitläufer wie etwa parasitäre Wespen, die mit Hilfe der Ameisen ihren Wirt finden, oder auch Milben, die auf ihnen reiten.
  • Mitbewohner wie Käfer, Fliegen oder Silberfische, die mutig genug sind, sich unter eine halbe Million beißender und stechender Ameisen zu mischen. Sie leben getarnt im Ameisennest, dem sogenannten Biwak, und fressen Reste und Abfälle.

"Diese Tiere haben es geschafft", meint Berghoff. "Sie leben gut versorgt und sicher." Kein Tier im Regenwald würde es wagen, ein Biwak anzugreifen, das allein aus Ameisenleibern besteht. Die Tiere haken sich an ihren Füßen zusammen und formen so eine riesige wimmelnde Kugel, die zum Beispiel in einem hohlen Baum hängen kann.

Während der jahrzehntelangen Feldarbeit haben Berghoff und Rettenmeyer Proben aus 1200 Ameisenkolonien gesammelt. Sie haben Fliegen und Schmetterlinge mit Netzen gefangen, mitlaufende Käfer durch Rohre eingesaugt und Ameisen in ihrem Nest mit Äther betäubt, um die Untermieter heraus zu sammeln.

Ihre über 500 Arten umfassende Liste von Nutznießern dürfte nur ein Bruchteil der tatsächlichen Zahl sein. "Ich vermute, dass mindestens doppelt so viele Arten mit den Treiber-Ameisen assoziiert sind", so Berghoff. Die "Gäste" der Ameisen wurden bisher erst an wenigen Stellen ihres großen Verbreitungsgebiets gesammelt, und viele der Tiere konnten bisher nicht bestimmt werden. "Es gibt einfach zu wenige Experten." So konnten zum Beispiel zahlreiche der gesammelten Milben bisher nur grob in Gruppen zusammengefasst werden.

Andere Tiere müssen die Treiber-Ameisen kaum fürchten - den Menschen dagegen schon. Die Abholzung des Regenwalds in Mittel- und Südamerika führt zunehmend dazu, dass der Lebensraum der Ameisen in einzelne Fragmente zerfällt. Für ihre Raubzüge benötigen sie aber weitläufige Territorien.

Wenn die Flächen weiter schrumpfen, sind die Ameisen in ihrem Bestand bedroht - und mit ihnen mindestens 29 Vogelarten. Die Langzeitstudie von Berghoff und Rettenmeyer zeigt einmal mehr, wie fragil das Ökosystem Regenwald ist: Das Aussterben einer einzigen Art könnte das ganze System wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Koda 02.02.2011
1. Cool, dieseTierchen.
o.T.
Marlin, 02.02.2011
2. Beeindruckend
und schrecklich. Aber auch schade, wie fragil das System wirklich ist. Tolle Forschungsarbeit, aber mein Ding wär das nicht. Insekten sind mir unheimlich.
Beteigueze, 02.02.2011
3. alle zusammen
ich bin immer erstaunt, wie nichts, aber gar nichts, in der Natur isoliert und singulär existieren kann. Das geht vom sehr großen Maßstab im All (Zusammenspiel der Materie), über unsere irdischen Ökosysteme, bis hinunter ins allerkleinste der Quantenwelt. Alles hängt irgendwie zusammen und ist voneinander abhängig. Die Natur lehrt einen wirklich Demut, insbesondere weil wir nur einen winzigen Bruchteil davon verstanden haben, wie das alles läuft. Vom "Warum" möchte ich gar nicht erst anfangen...
Neurovore 02.02.2011
4. DoktorAnt
Zitat von sysopTreiberameisen sind gefürchtete Jäger: Zu Zehntausenden durchpflügen sie das Unterholz im Regenwald und fressen fast alles, was ihnen zwischen die Kiefer kommt. Doch die Raubzüge bringen nicht nur Tod und Zerstörung - hunderte Tierarten sind als Schlachtenbummler dabei und leben prächtig davon. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,737117,00.html
Ich habe selber sechs Jahre lang als Treiberameise gearbeitet und begrüße daher den an sich ausgewogenen Artikel, der auch das Positive der ecitoninaeischen Lebensweise aufzählt. Dennoch möchte ich darum bitten, daß mißverständliche bzw. fast schon diffamierende Ausdrücke wie "Killer" oder "Raubzüge" demnächst nicht ganz so häufig verwendet werden, entseht hier doch ein völlig falsches Bild. Es mag ja sein, daß sich vom Volk verstoßene Ameisenindividuen als Auftragsmörder verdingen (obwohl mir während meiner gesamten Insekten-Laufbahn nichts davon bekannt wurde; sieht man mal von den Schauermärchen ab, mit denen kleine Larven erschreckt werden sollen), der Stamm als solches hat mit einem "Killer" aber nichts zu tun. Zumal man ja auch nicht dessen geräusch- und skrupelloses Auftreten pflegt, sondern durchaus lautstark sein Kommen ankündigt und zudem keinerlei finanzielle Motive für seine Taten zugrunde legt. Der Straftatbestand des "Raubes" nach § 249 StGB ist hier auch nicht erfüllt, da wir (ich fühle mich immer noch mit meinem Arbeitskollegen verbunden) uns nur die toten, proteinhaltigen Körper der Tiere aneigneten. Was aber eben nicht die Definition "fremde bewegliche Sache..rechtswidrig zuzueignen" erfüllt, ist es nach altem Gewohnheitsrecht im Urwald doch erlaubt, alles zu essen, was auf den Boden fällt. Ansonsten noch mal ein großes Dankeschön meinerseits, daß im Bericht vor allem die interfaunalen Bemühungen der Trieberameisen (Patenschaften für Milben, Geburtshilfe für Wespen, Fliegen, etc.) gewürdigt und weniger die üblichen Vorurteile wiederholt wurden. Ansonsten gilt: Auch Ameisen, die in Sekten sind, haben sechs Beine! Mfg Neurovore, Treiberameise a.D.
Porgy, 02.02.2011
5. Phase IV
Wenn ich solches Ameisengekribbel sehe, muss ich immer an den Film "Phase IV" denken, den als Kind mal im Fernsehen gesehen habe: http://www.youtube.com/watch?v=lJdtvGqHYw8&feature=related#t=1m15s
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