Eisfreie Antarktis Die Weltuntergangsprognose

Was geschähe, würde die Menschheit alle Vorräte an Kohle, Öl und Gas verbrennen? Simulationen zeigen: Das Antarktiseis würde komplett tauen, der Meeresspiegel um mehr als 50 Meter steigen. Eine sinnvolle Prognose?
Fjorde, Seen, Gebirge - die Antarktis ohne Eis: Diese Karte haben Forscher der TU Dresden und des Alfred-Wegener-Instituts jüngst veröffentlicht. Sie zeigt, wie der Südkontinent ohne Eisbedeckung aussehen würde.

Fjorde, Seen, Gebirge - die Antarktis ohne Eis: Diese Karte haben Forscher der TU Dresden und des Alfred-Wegener-Instituts jüngst veröffentlicht. Sie zeigt, wie der Südkontinent ohne Eisbedeckung aussehen würde.

Foto: TU Dresden/ AWI/ Lars Radig

Der Eispanzer der Antarktis ist die gefrorene Sintflut. Sein bis zu 4800 Meter dickes Eis birgt drei Viertel des Süßwassers auf der Erde. Würde es schmelzen, stiege der Meeresspiegel um Dutzende Meter, weite Teile des Festlands würden im Wasser versinken.

Klimaforscher haben den Weltuntergang nun am Computer simuliert. Sie benötigten eine einzige Zutat: gigantische Mengen Treibhausgase.

Würde die Menschheit alles an Kohle, Öl und Erdgas verbrennen, also sämtliche bislang bekannten Rohstoffe im Boden, wärmte sich die bodennahe Luft demnach in rund 2000 Jahren um knapp zwölf Grad. Der antarktische Eispanzer würde in der Folge nahezu vollständig abtauen, sein Schmelzwasser ergösse sich ins Meer.

Die Ozeane würden daraufhin Jahrtausende lang um gut drei Zentimeter pro Jahr steigen, zehnmal so schnell wie derzeit, berichten die Forscher um Ricarda Winkelmann und Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) im Wissenschaftsmagazin "Science Advances" .

Untergang aller Küstenstädte

Levermann ist sozusagen ein Experte des Untergangs: Seine Rechnungen gemahnten bereits daran, dass Sturzfluten in Gang kämen, würde in der Ostantarktis eine Art Eiskorken gezogen, oder sie stellten in Aussicht, dass 136 Weltkulturerbe-Stätten im Gefolge des Meeresspiegelanstiegs versinken .

Seine neuen Simulationen veranschaulichen nun, wie die Antarktis allmählich ihr Eis verliert. Nach 10.000 Jahren höbe das Schmelzwasser die Pegel der Meere um gut 50 Meter. Die Folgen wären fatale Sturmfluten, der Untergang aller Küstenstädte - und Völkerwanderungen: Laut Vereinten Nationen lebt derzeit fast jeder zweite Mensch näher als 150 Kilometer zum Meer.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Ressourcen fossiler Brennstoffe ausreichen würden, den Antarktischen Eisschild abschmelzen zu lassen, und dass große Küstenstädte bereits bei wesentlich niedrigeren Emissionen gefährdet wären", resümiert Winkelmann.

Unterschiedliche Szenarien: Die Grafik zeigt, wie stark der Eispanzer der Antarktis (blau) der neuen Studie zufolge zurückgehen könnte, je nachdem, wie viel Treibhausgase die Menschheit noch ausstößt.

Unterschiedliche Szenarien: Die Grafik zeigt, wie stark der Eispanzer der Antarktis (blau) der neuen Studie zufolge zurückgehen könnte, je nachdem, wie viel Treibhausgase die Menschheit noch ausstößt.

Foto: Ken Caldeira/ Ricarda Winkelmann

Den Antrieb für die Apokalypse liefern der Studie zufolge 10.000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die in Form fossiler Brennstoffe im Boden liegen. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bestätigt diese Menge. Zwar ist ein Teil der Vorkommen mit heutiger Fördertechnologie unerreichbar - doch das könnte sich ändern, meinen die Studienautoren.

Für ihre Simulationen nutzten sie die Ergebnisse gängiger Klimamodelle, die bei zunehmendem Treibhauseffekt stete Erwärmung vorhersagen. Welche Wirkung der Temperaturanstieg auf der Antarktis zeitigen könnte, testeten die Forscher mit einem sogenannten Eisschild-Computermodell, das Veränderungen der Gletscher simuliert.

Eingedenk der Unvollkommenheit solcher Modelle erschienen die Rechnungen plausibel, sagt Ian Joughin, Polarforscher an der University of Washington. Wenngleich die Ergebnisse solcher Simulationen sich durchaus um 2000 Jahre unterscheiden könnten.

Warnungen der Erdgeschichte

Dass jedoch eine globale Erwärmung von mehr als zehn Grad dem antarktischen Eispanzer arg zusetzen würde, wäre keine Überraschung, meint auch Matthew Winnick, Paläoklimatologe an der Stanford University.

Zeugnisse der Erdgeschichte zeigten, dass der Meeresspiegel in extremen Warmzeiten viele Meter höher stand - vermutlich auch aufgrund des massiven Beitrags von antarktischem Schmelzwasser, sagt Winnick: "Vor gut 50 Millionen Jahren etwa, als es 10 bis 15 Grad wärmer war als heute, war das Antarktiseis extrem dezimiert."

Seither jedoch schob sich der Kontinent weiter nach Süden, sodass er zum irdischen Kühlfach wurde. Der Eispanzer habe fortan mehrere Wärmeschübe ziemlich unbeschadet überstanden, sagt Heinz Miller vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung: "Zumindest in den vergangenen elf Millionen Jahren war die Antarktis stets komplett vereist; und zwar sogar in solchen Klimaphasen, als es auf der Erde mehr als fünf Grad wärmer war als heute."

Kritik an der Studie

Miller kritisiert die neue Studie: "Mit einer solchen Prognose kann ich nichts anfangen", sagt er. "Die Kollegen sprechen ja selber von einem Prozess, der viele Tausend Jahre dauern würde. Da niemand für so lange Zeiträume seriöse Vorhersagen liefern kann, ist dies nur ein intellektuelles Experiment, ein gedankliches Spiel mit der Endzeit."

Unklar sei etwa, welche Technologien in so ferner Zukunft für die Energieerzeugung genutzt würden. "Ich persönlich glaube nicht, dass wir in 400 Jahren noch Öl und Kohle verbrennen werden", sagt Miller. "Insofern liefert eine solche Simulation keine real belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern dient eher klimapolitischen Zielen."

In diesem Sinne wollen die Studienautoren ihre Arbeit offenbar auch verstanden wissen: "Wenn wir eine eisfreie Antarktis verhindern wollen, müssten wir Kohle, Gas und Öl in der Erde lassen", fordert Winkelmann. Ihr Kollege Levermann ergänzt: "Mit der steigenden Nutzung fossiler Energie steigt das Risiko großer Veränderungen, die in der Zukunft nicht mehr aufgehalten oder rückgängig gemacht werden können."

Mitarbeit: Olaf Stampf

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