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24. April 2016, 11:17 Uhr

Tschernobyl

Die Todeszone lebt

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Eine ausgestorbene Landschaft? Von wegen: 30 Jahre nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl zeigen Fotos das Leben in der Sperrzone.

Der Umkreis von 30 Kilometern um den Unglücksreaktor von Tschernobyl ist Sperrzone. Hundertausende Menschen lebten hier einst und mussten ihre Heimat nach der Katastrophe verlassen - bis heute ist das Gebiet, bis auf wenige Ausnahmen, menschenleer. Tiere gibt es hier aber noch, und das nicht zu knapp. Zum 30. Jahrestag des Atomunglücks am 26. April zeigen Fotografen das Leben in der Sperrzone.

Wie viele Tiere es tatsächlich gibt und wie gesund sie sind, ist zwar nicht abschließend geklärt. Zuletzt hatten Forscher im Oktober 2015 aber bei Helikopterflügen und anhand von Tierspuren im Polesie State Radioecological Reserve (PSRER) in Weißrussland überraschend viele Elche, Wölfe, Wildschweine und Rehe entdeckt. Das Gebiet grenzt direkt an die Sperrzone und ist radioaktiv stark belastet.

Der Mensch ist weg, die Tiere fühlen sich wohl

Bei Vergleichen mit der Tierdichte in vier Naturreservaten in Weißrussland, die nicht radioaktiv verseucht sind, fanden die Forscher in dem belasteten Gebiet ähnlich viele Tiere. Verglichen sie die Tierzahl mit Schwankungen der Strahlenbelastung innerhalb der Region, fanden sie zudem keinen Unterschied zwischen stark und weniger stark belasteten Gebieten.

Auch ältere Daten aus den ersten neun Jahren nach dem GAU (1987 bis 1996) weisen darauf hin, dass die Zahl der Tiere nach dem Unglück zu- statt abgenommen hat.

Dass die Tiere nicht sofort aus verstrahlten Gebieten verschwinden, ist zunächst nicht verwunderlich: Wie Menschen auch, haben sie keinen Sensor, der sie zuverlässig vor radioaktiver Strahlung warnt. Beachtlich ist aber, dass die Tiere in den stark verstrahlten Gebieten gesund genug sind, um sich über Jahrzehnte erfolgreich fortzupflanzen.

Strahlung rund um den Unglücksreaktor

Offenbar habe der Mensch die Tiere in der Zeit, in der das Gebiet noch besiedelt war, stärker eingeschränkt, als es nun die Radioaktivität tue, schlussfolgerten die Forscher 2015.

Zuvor hatten Studien für Aufsehen gesorgt, denen zufolge sich einige Vögel und Pflanzen an die Radioaktivität angepasst haben und teils sogar von ihr profitieren.

Strahlung bleibt Strahlung

Einige Forscher sind allerdings skeptisch, was die Positivmeldungen angeht. Ein Team, das 2009 Tierspuren in der Sperrzone ausgewertet hatte, kam zu dem Schluss, dass in stärker verstrahlten Gebieten sehr wohl weniger Tiere leben . Die gleichen Forscher fordern in einem Übersichtsartikel von 2016 , mehr Proben aus unterschiedlichen Bereichen der Sperrzone zu sammeln und auszuwerten, um die Gesundheit der Lebewesen genauer zu prüfen.

Fest steht: Radioaktive Strahlung kann sehr gefährlich werden, da sie das Erbgut schädigt. Allerdings gibt es in Menschen, Tieren und Pflanzen Reparaturmechanismen, die die Schäden bis zu einem gewissen Grad beheben können. Sie verhindern etwa, dass wir durch die natürliche Hintergrundstrahlung oder leichte Sonneneinstrahlung krank werden. Für die Entdeckung dieser Schutzmechanismen gab es 2015 den Chemienobelpreis .

Denkbar wäre demnach auch, dass beide Forscherlager Recht haben und verschiedene Tier- und Pflanzenarten schlicht unterschiedlich hohe Strahlendosen vertragen.

Sehen Sie hier weitere Tschernobyl-Tierbilder aus dem Jahr 2015

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