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Tsunami-Katastrophe von 2004 Der Kapitän und die Welle

Nirat Chuajit hatte einen Auftrag: Das Leben der thailändischen Prinzessin und ihrer Familie zu schützen. Doch dann kam der Tsunami, die Riesenwelle erfasste das Boot des Polizeikommandanten.
Von Susanne Gerecke

Ich war gerade beim Kofferpacken, ein Thailandurlaub zum Jahresende, da kamen die ersten Meldungen: Ein gewaltiges Seebeben im indischen Ozean hat einen Tsunami ausgelöst. Es war der 26. Dezember 2004.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde erst in den folgenden Tagen klar, ich flog nach Thailand - als Urlauberin. Dort traf ich Menschen, die den Tsunami überlebt hatten, hörte Geschichten von Leid und Trauer, aber auch von großem Glück.

Neun Jahre nach der Katastrophe bin ich wieder hier, diesmal als Reporterin für SPIEGEL TV. Fast eine Woche warte ich auf Nirat Chuajit. Er war der Kapitän des Polizeibootes 813, das der Tsunami mehr als zwei Kilometer ins Landesinnere gespült hat. Immer wieder hatte sich der Termin verschoben. Noch nie hat er einem ausländischen Kamerateam ein Interview gegeben. Dann endlich, einen Tag vor unserer Abreise, können wir uns treffen.

Er kommt mit dem Auto aus dem 200 km entfernten Ranong, wo er wohnt. Dort ist er heute Chef der Marine. Er wirkt bescheiden, verunsichert. Vor der Kamera zu stehen, ist nicht seine Rolle. Als Kommandant des Polizeibootes 813 hatte er am 26. Dezember 2004 den Auftrag, die Tochter des thailändischen Königs und ihre Familie zu beschützen, die in einem Luxusresort in Khao Lak Urlaub machten. "Wenn Mitglieder der Königsfamilie aufs Meer fuhren, mussten wir sie bewachen."

Wir fahren gemeinsam zum Nang Thong Beach - zu dem Strandabschnitt, vor dem er damals patrouillierte. "Prinz Poom, der Enkel des Königs, war an diesem Morgen mit Freunden zum Jet-Ski fahren auf dem Meer. Als die Welle kam, waren sie beim Tauchen", sagt Nirat Chuajit. Es fällt ihm schwer, darüber zu sprechen, denn über die Königsfamilie redet man in Thailand nicht. Sie ist heilig.

Aus dem einhundert Kilometer entfernten Phuket war der Kapitän um kurz vor 10 Uhr von Kollegen gewarnt worden. "Eine große Welle habe die Insel getroffen, hörte ich über Funk", so erinnert er sich heute.

Dann zog sich das Meer so stark zurück, dass das Schiff den Boden berührte. Wenig später raste die erste Welle über sie hinweg. Die zweite Welle ließ das Polizeiboot 813 kentern. Der damals 30-Jährige wurde mit der Rettungsinsel von Bord geschleudert und überlebte schwer verletzt. Sein Boot trug die Welle mehr als zwei Kilometer landeinwärts. Dort liegt es noch heute - als Mahnmal und Symbol.

Die Prinzessin überlebte, aber ihr Sohn konnte nur noch tot geborgen werden. Noch heute ist zu spüren, wie sehr die Schuld auf Nirat Chuajit lastet. Er hatte seinen Auftrag nicht erfüllt.

Den ganzen Film sehen Sie am 26.12. in der sechsstündigen SPIEGEL-TV-Dokumentation ab 16.15 Uhr auf VOX: "Tsunami Weihnachten 2004".