Tsunami Frühwarnsystem hätte Tausende retten können

Wissenschaftler sind sich einig, dass ein Frühwarnsystem Tausende Menschenleben in Südostasien hätte retten können. Ein Alarmsystem existiert jedoch nur im Pazifik, obwohl Experten jederzeit mit schweren Seebeben im Indischen Ozean gerechnet hatten.

Ein Tsunami-Frühwarnsystem, wie es Japan und die USA in der Pazifik-Region betreiben, hätte nach Einschätzung von Experten möglicherweise Tausende Menschenleben nach dem Seebeben vor Sumatra retten können.

Doch die asiatischen Regierungen hatten bisher geglaubt, darauf verzichten zu können. Bis heute betreiben sie keinen Apparat, der die Millionen Menschen in den flachen Küstenregionen rechtzeitig vor den Monsterwellen hätte warnen können. Sie wähnten sich in trügerischer Sicherheit, da sich solche Katastrophen eigentlich nur alle 700 Jahre ereigneten, sagte der Chef des Pacific Tsunami Warning Center , Charles McCreery, in der Nacht zum Montag der Nachrichtenagentur Reuters.

"Die Länder in der Region sind zu arm", erläutert auch der Erdbebenforscher Birger Lühr vom Geoforschungszentrum Potsdam  gegenüber SPIEGEL ONLINE. Es mangle an Bildung und an Kommunikationsinfrastruktur. "Man muss versuchen, ein weltweites Netz zu bauen", so Lühr. Die USA und Japan hätten andere Möglichkeiten. Dort versuche man, die Wellen mit Sensoren auf dem Meeresboden zu messen und die Auswirkungen vorherzusagen.

Unmittelbar nach Entdeckung des Bebens mit dem Epizentrum vor Sumatra in Indonesien hatte die Tsunami-Warnzentrale Honolulu mit australischen und amerikanischen Stellen Kontakt aufgenommen. Mit den von der Flutwelle bedrohten asiatischen Ländern sei dies der Warnzentrale hingegen nicht möglich gewesen, sagte McCreery: "Wir haben getan, was wir konnten, aber wir haben keine Kontakte in diesem Teil der Welt." Ein funktionierendes Kommunikationssystem für Indien, Thailand, Bangladesch und Sri Lanka existiere eben nicht.

Bereits in der Nacht zum Sonntag hatte auch die Nationale US-Bebenwarte das Seebeben mit einer Stärke von 8,9 registriert. Wegen fehlender Sensoren vor Ort gab es jedoch keine Möglichkeit, die Richtung, Geschwindigkeit oder Stärke der Tsunami zu bestimmen und entsprechende Evakuierungen der betroffenen Gebiete zu veranlassen. Vorläufige Statistiken gehen davon aus, dass auf Sumatra, in Sri Lanka, in Bangladesch und Südindien mehr als 21.000 Menschen bei dem Beben und durch die Flutwellen starben.

"Die meisten Menschen hätten gerettet werden können, wenn es ein solches Tsunami- und Hochwasser-Warnsystem gegeben hätte", sagt auch Waverly Person vom US-Geological Survey's National Earthquake Information Center. Die USA unterhalten solche Zentren seit langem etwa in Hawaii und in Alaska. Der Indische Ozean wird hingegen nicht überwacht.

Bis eine Tsunami nach einem Seebeben an den Küsten aufläuft, bleibt in der Regel genügend Zeit, damit die Menschen vor den bis zu zehn Meter hohen Flutwellen noch flüchten können - Vorwarnung vorausgesetzt. Die Tsunami-Welle rast mit 700 oder 800 Stundenkilometern übers Meer. "Es hat anderthalb Stunden gedauert, bis die Welle vom Erdbeben bis nach Sri Lanka kam, und eine Stunde, bis sie die Westküste Thailands und Malaysias erreichte", sagte McCreery. "Man kann jedoch in 15 Minuten sicheres Gebiet landeinwärts erreichen."

Doch eine Warnung hätte nicht in jedem Fall geholfen: "Wenn man Urlaub auf einem Atoll macht, dann hat man Pech gehabt", sagte der Potsdamer Bebenexperte Lühr. Es bestünde kaum eine Chance, von dort noch wegzukommen.

Das Seebeben vor Sumatra kam für Geophysiker kaum überraschend. "Ein Beben der Stärke 7,3 gab es bereits im Juli", berichtete Lühr. "Das ist eine klassische Erdbebenzone. In der Region rumst es alle Nas' lang." Wann und wo, das können die Forscher jedoch kaum prophezeien.

Vor Tsunamis könne nur kurzfristig gewarnt werden, wenn bereits ein Beben passiert sei, erklärte Lühr. "Uns fehlt das hinreichende Detailwissen, um Vulkanausbrüche oder Erdebeben vorherzusagen."

Lühr beklagte vor allem das mangelnde Problembewusstsein: "Wir haben auf der Welt pro Jahr 18 bis 20 Beben der Stärke sieben und ein Beben der Stärke acht." Vor diesem Hintergrund dürfe man in Tsunami-gefährdeten Regionen nicht die Küste besiedeln. Aber dies geschieht trotzdem: In Mexiko, wo 1995 ein Tsunami wütete, stünden noch die zerstörten Gebäude am Strand, daneben würden neue gebaut, weiß Lühr. "Das gleiche Phänomen haben wir nach der Oderflut beobachtet." Auch dort werde in überschwemmungsgefährdeten Regionen neu gebaut.

Holger Dambeck

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