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Steinzeit-Katastrophe: Riesenwellen in der Nordsee

Foto: "Geology" 1/2015, Knut Rydgren, Stein Bondevik

Nordsee Tsunami-Katastrophe im Steinzeitparadies

Vor 8150 Jahren fegten riesige Tsunamis über Nordsee und Atlantik. Spuren an den Küsten verraten: Die Katastrophe hatte für die Steinzeit-Europäer dramatische Folgen.

Hamburg - Es muss ein aufreibender Sommer gewesen sein. Täglich gingen die Nordeuropäer auf Jagd, um Fleisch und Früchte für den langen Winter zu beschaffen und Vorräte anzulegen. Im Oktober schließlich zogen sie sich in ihre Hütten im milderen Flachland an der Küste zurück, dort schienen sie sicher.

Doch eines Tages im Herbst vor etwa 8150 Jahren - die Steinzeitmenschen hatten wohl gerade ihre Winterquartiere bezogen - brach eine der größten Katastrophen Europas über sie herein. Erstmals können Wissenschaftler nun die ganze Geschichte erzählen.

Im Nordatlantik vor der Küste Norwegens, wo heute Bergen und Trondheim liegen, waren unterseeische Schlammmassen größer als Island abgerutscht, sie stürzten vom Flachwasser in die Tiefsee. Wie ein Stein in einer Pfütze löste die sogenannte Storegga-Lawine Wellen aus, die sich mit dem Tempo eines Düsenflugzeugs kreisförmig ausbreiteten. Kurz darauf brachen Riesenwellen an die Küsten, sie türmten sich bis zu 20 Meter hoch - und strömten Dutzende Kilometer landeinwärts.

Am Lagerfeuer überrascht

Archäologen haben vielerorts Spuren der Katastrophe entdeckt: Im Osten Schottlands nahe dem heutigen Inverness hatte die Welle Menschen offenbar am Lagerfeuer überrascht, wie 25 Zentimeter dicke Sand- und Kiesablagerungen über einer Feuerstelle zeigen - sie befand sich damals auf einer Anhöhe, zehn Meter über dem Meer. Seeigelreste, Meeresmuscheln und Algen dokumentieren den Wasserstrom, der alles mitgerissen hat.

In Norwegen, auf den Shetland-Inseln und den Färöern, liegen die Spuren der Verwüstung sogar noch höher über dem damaligen Meeresspiegel, bis zu 20 Meter hohe Wogen krachten dort an Land. Die Altersbestimmung der Ablagerungen ergab übereinstimmend ein Alter von rund 8150 Jahren.

Am schlimmsten aber trafen die Wellen das alte Herz Europas: Zwischen Großbritannien und Deutschland, auf dem heutigen Nordseeboden, lag Doggerland, eine Art Steinzeitparadies. Hunderte Funde von Steinwerkzeugen, Harpunen und menschlichen Knochen am Nordseegrund zeugen von Siedlungen, die Archäologen als "Garten Eden" bezeichnen, als das "wahre Herz Europas". Man gelangte zu Fuß vom heutigen Norddeutschland nach Großbritannien.

Dann kamen die Tsunamis. Doggerland wurde vermutlich komplett überschwemmt, hatten Geologen jüngst entdeckt. Weite Teile des sandigen Bodens wurden von Tsunamis weggespült. Die Storegga-Rutschung war wohl die Ursache für das Ende der Siedlungsgeschichte auf Doggerland.

Indizien am Ort der Katastrophe

Auch im Rest Nordeuropas waren die Wirkungen der Tsunamis verheerender als angenommen. Knut Rydgren und Stein Bondevik haben Pflanzenreste aus den steinzeitlichen Katastrophengebieten untersucht. Die Tsunamis kamen zur ungünstigsten Zeit, berichten die Forscher im Fachblatt "Geology" .

Entscheidende Indizien des steinzeitlichen Massensterbens sind Moose. Sie wurden nach den Tsunamis vor 8150 Jahren unter Meeresschlamm begraben, so dass sie luftdicht versiegelt und erhalten blieben. Ihr Zustand verrät, zu welcher Jahreszeit die Riesenwellen zuschlugen.

Jedes Jahr im Frühjahr bilden sich frische grüne Triebe aus, mit jedem Monat verzweigen sie sich. Die Moose in den vom Tsunami zerstörten Steinzeitsiedlungen verraten, dass sie im Spätherbst begraben wurden, berichten Rydgren und Bondevik. Eine erschütternde Entdeckung: "Die Steinzeitjäger waren zu dieser Zeit an die Küsten zurückgekehrt", schreiben die Geologen. "Tsunamis haben folglich einen Großteil der Menschen erwischt, es muss schrecklich gewesen sein."

Die Überlebenden hatten einen harten Winter vor sich. "Der Verlust der Vorräte, Handwerkszeuge und Behausungen muss ein schweres Problem für sie gewesen sein", schreiben Rydgren und Bondevik. "Viele dürften den Winter nicht überlebt haben."

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